Nach drei Stunden stickiger Fahrt, weit hinter Lilongwe und Malimba, erscheint der See das erste Mal im roten und staubigen Hinterland Afrikas. Das Wasser taucht auf wie ein Trugbild hinter den Termitenhügeln und den Hütten der Dörfer, scheint zwischen den Silhouetten der Akazien und Baobabs emporzusteigen. Eine blaue Fläche, die immer weiter anschwillt, bis es am Ende wirkt, als würde sie den halben Himmel einnehmen und über mich hinwegschwappen. Eine Täuschung? Eine Luftspiegelung?

Eine sandige Schotterpiste führt über die Nankumba-Halbinsel, durchgeschüttelt erreiche ich eine Stunde später die Kasankha Bay, und hinter einem mächtigen Granitfelsen zeigt er sich das erste Mal in Gänze. Vor mir liegt der drittgrößte See Afrikas, der neuntgrößte der Erde. Der Malawisee.

Eine silbrigblaue, nach Westen und Norden scheinbar endlose Fläche, ohne säumende Ufer. Lediglich eine dickbäuchige Wolke reist in der Ferne über den Horizont, daneben hängt die Sonne wie eine glühende Buschtomate über dem maßlosen Wasser. Begrenzungen scheint dieser See nicht zu mögen. Dieser See will ein Meer sein.

Hunderte Kilometer zieht er sich in die Länge, breitet sich 75 Kilometer weit aus, im Westen und Süden umrahmt von Malawi, im Norden und Osten zähmen ihn Tansania und Mosambik. Unter der Oberfläche stürzt der See bis zu 700 Meter tief hinab, mitten in den ostafrikanischen Grabenbruch, den die Wassermassen vor drei Millionen Jahren geflutet haben.

Bis zu tausend Arten von Süßwasserfischen leben im Lake Malawi, mehr als in jedem anderen See der Welt. Er ist das Aquarium Afrikas. Eine Karibik in der Wüste, mit Inseln und Palmen, Buchten, Stränden und leuchtendem Süßwasser. "See der Sterne" nannte ihn der britische Forscher David Livingstone, als er 1859 durch seine Oberfläche starrte. Überall funkelten Fische.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 03/2016 © MERIAN

Das Fischerdorf Mtewa hockt am sandigen Ufer, versteckt zwischen Mangobäumen und den Büschen des Mopane-Graslands. Kormorane fliegen, Goliathreiher und Storche stehen dünnbeinig im Schilf. Mitten über die Bucht zieht eine alte Dhau. Ihr Segel bläht sich im warmen Wind, schwebt über dem Wasser wie eine fliegende Kuppel aus weißem Tuch.

Die Nacht kommt früh. Jäh fällt sie über den See, schluckt alle Bilder. Um halb sechs wird es dunkel, um sechs ist alles schwarz. In den Fischerdörfern am See brennen Fackeln. Kein Strom, kein Fernsehen. In der Nacht schreien die Grillen, das Gehölz knistert, wenn ein Steppenpavian durch die Bäume klettert. Skorpione und giftige Hundertfüßler kriechen über die Steine. Am Teich neben der Lodge lebt eine fünf Meter lange Python. Sie hat sich für die Nacht verzogen, jagt, irgendwo hier im Busch. Es bleibt nur der Schlaf.

Die Geduldsprobe bis morgen, um endlich auf diesen See hinausfahren zu dürfen. In ihm zu schwimmen, zu tauchen. Ihn zu berühren.