Der Teufel lacht schon wieder. Laut und höhnisch, fast frech. Da! Hinter dem Kamin. Er treibt seinen Schabernack. Schabt und kratzt, murmelt und zischt. Wirft sogar mit Nüssen. Rückt dem Mann, der gebeugt über dem Tisch sitzt und schreibt, auf die Pelle. Plötzlich greift der sein Tintenfass und schleudert es der Satansfratze entgegen. Krachend klatscht es an die Wand, die Tinte spritzt und hinterlässt einen Fleck. Den berühmtesten Tintenklecks der Weltgeschichte.

Ob es sich so zugetragen hat? Wer weiß. Wahrscheinlich ist die Szene bloß eine Legende. Eher haben eifrige Kirchgänger den Fleck an die Wand gemalt, damit sich die Nachwelt ein Bild machen kann: vom Kampf ihres Meisters gegen den Leibhaftigen, den er hier gefochten hat. Hier oben auf der Wartburg, der Festung auf dem Felsen, 200 Meter über Eisenach. Wohl 1067 zuerst aus Holz gebaut, dann, 1155, aus Stein. Ein deutsches Denkmal, geschichtsumwittert: Austragungsort im Sängerkrieg Anfang des 13. Jahrhunderts, bald darauf Wirkungsstätte der heiligen Elisabeth, Patronin der Armen und Kranken.

Und nun ist dieser Teufelsvertreiber hier. Einen Bart hat er sich im schmalen Gesicht wachsen lassen, er ist dünn geworden. Die vergangenen Monate haben seine Kraft verzehrt. Ein Wunder, dass er nicht schon längst auf dem Scheiterhaufen brennt. Wie so viele Ketzer vor ihm. Jan Hus. Girolamo Savonarola. Papst-Gegner und Kirchen-Rebellen wie er: Martin Luther.

Geboren wird er als Martin Luder, aber den Namen ändert er später. Er ersetzt das "d" durch ein "th", weil Luder für die Menschen seiner Zeit zu sehr wie "lotterhaft" klingt. Um 1483, am 10. November, kommt er zur Welt, in Eisleben, östliches Harzvorland. Bergbaugegend. Mutter Margarethe glaubt an Hexen, Vater Hans, Bergmann und Minenpächter, trinkt, manchmal zu viel. Die Eltern sind mäßig fromm, aber streng. Als Martin eine Nuss klaut, schlägt ihn die Mutter, bis die Haut in Fetzen hängt.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 01/2017 © MERIAN

1498 kommt Luther zum ersten Mal nach Eisenach, in seine "liebe Stadt". Die Mutter ist hier geboren, die Großeltern leben hier, ein Großonkel ist Küster in der Nikolaikirche am Karlsplatz. Martin paukt an der Pfarrschule St. Georgen Latein, die Sprache der Gelehrten und Geistlichen. Manchmal zieht er von Haus zu Haus und singt erbauliche Lieder für ein Stück Brot, ein paar Münzen. Seine Stimme ist hell und klar, sie begeistert jeden, der sie hört. Auch Ursula Cotta, die Bürgermeister-Witwe. Sie bietet ihm ein Zimmer an. Und Luther? Vielleicht sehnt er sich nach einer Familie, nach Wärme und Geborgenheit, weil sein Elternhaus kalt und streng war. Jedenfalls bleibt er und lebt drei Jahre lang im Schatten der Wartburg in Eisenach. Später sagt er: "Es ist kein besser Ding auf Erden, denn Frauenliebe, wem’s mag werden." 

1501 die Universität. Erst studiert er Philosophie, dann auf Wunsch des Vaters Jura. In Erfurt, ausgerechnet, das bekannt ist für die Exzesse seiner Studenten. Stets aufs Neue wird ihnen das Trinken verboten, das Kartenspiel, der Tanz. Bald sagt Luther: "Durch Fressen und Saufen gehindert, habe ich bisher nichts Gutes gelesen und geschrieben." Doch Erfurt ist auch voller Klöster, hier ragen die Türme von 36 Kirchen in den Himmel. Luther muss sich für einen Weg entscheiden: Feiern oder Frömmigkeit. Er fasst seinen Entschluss: Er betet jeden Morgen, bevor er sich mit Logik und Dialektik befasst. Kaum ist er Magister und hat freien Zugang zur Bibliothek, leiht er sich angeblich seine erste Bibel aus.