Sie passen nicht zusammen, und sie wissen das: Leonardo da Vinci und Michelangelo Buonarroti. Der eine ein malender Schöngeist, elegant gekleidet und selbst­bewusst, ein Meister der schönen Farben und sanften Formen. Der andere ein Raubein und Arbeitstier, der sich im staubigen Kittel am Marmor abmüht mit Hammer und Meißel, auf der Suche nach einer nicht erreichbaren Perfektion. 

Bei­de haben ihr Handwerk in Florenz gelernt, Leonardo in den siebziger Jahren des 15. Jahrhunderts, der 23 Jahre jüngere Michelangelo fast zwei Jahrzehnte später. Beide sind der Stolz der Stadt, die sich als Geburtsstätte der Renaissance sieht. Beide wollen sie der Beste sein. Das einzige Genie weit und breit.

Florenz ist um 1500 eine Republik, der Stadtregierung steht der auf Lebenszeit gewählte Gonfaloniere Piero Soderini vor. Die Florentiner wollen keinem Fürsten untertan sein, und von dieser Freiheit und Stärke soll vor allem eines künden: die Kunst. Niemand anders geht bei diesem Thema so überzeugt zu Werk wie Michelangelo.

Aus einem mo­numentalen Steinkoloss schlägt er einen jungen David, die Figur gerät ihm zum Kämpfer und Denker. David sinnt da­ rüber nach, wie er Goliath beikommen kann. Entspannt hält seine Linke die Schleuder, während die Rechte schon Kraft sammelt zum siegreichen Stein­wurf gegen den großen Gegner. So sieht sich die Republik: besonnen und schlagkräftig, sogar mächtigen Feinden überlegen.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 06/2017 © MERIAN

Eine Jury aus Fachleuten hat zu entscheiden, wo Michelangelos David, das neue Symbol der Republik, aufgestellt wird. Ihr gehört auch Leonardo an. Missgünstig plädiert er für einen Randplatz in der Loggia dei Lanzi neben dem Rat­haus. Dort stehen schon andere Werke, der David wäre nur eines unter vielen. Leonardo aber kann sich mit seinem Votum nicht durchsetzen. Die kolossale Statue bekommt einen Ehrenplatz und wird direkt vor dem Rathaus aufgestellt.

Nicht nur aus Eifersucht fällt es dem Äl­teren schwer, das Talent des Endzwanzigers anzuerkennen. Mehr noch macht Leonardo da Vinci zu schaffen, dass es ausgerechnet ein Bildhauer ist, den die Florentiner verehren. Wie dreckig diese Arbeit ist, wie hässlich anzusehen! "Wie ein Bäcker" wirke so ein Bildhauer, lästert der Maler, "das Gesicht ganz be­schmiert und mit Marmorstaub eingepudert". Bildhauer würden zwischen Steinsplittern und Staub hausen. In Leonardos Augen sind sie nur unbedeutende Handwerker – während die Maler an den Staffeleien mit ihrer Geisteskraft Welten erschaffen. Sie betrachtet er als Visionäre, die eine Gesellschaft formen. Sich selbst versteht er als Uni­versalkünstler, der Wissenschaft und Technik ebenso beherrscht wie Pinsel und Zeichenstift.