Das Königshaus – Seite 1

Bewegte Vergangenheit: Das Museum der bayerischen Könige war einst Brauerei, Gasthaus und Grandhotel. © Klaus Bossemeyer für MERIAN

Und plötzlich ist man direkt hinter ihm. Schaut auf seinen wuchtigen Mantel, geschneidert aus blauem Seidensamt, mit Silberstickereien besetzt und Hermelinpelz gefüttert, dessen schleppenartiges Rückenteil sich vor einem wie ein stolzes Pfauenrad über den Boden ausbreitet. Man ist beeindruckt von der schieren Größe des Königs – ein Meter und einundneunzig, ein Riese für die damalige Zeit. Und glaubt für einen Moment, er, Ludwig II., stünde da leibhaftig – und nicht eine lebensgroße Modellpuppe, die den Großmeistermantel des Ritterordens vom Heiligen Georg trägt.

"Der Mantel ist mein Lieblingsstück", sagt Vanessa Richter. "Kleidung schafft noch mal einen ganz anderen Bezug zu einer Person." Die Leiterin der Kulturvermittlung im Museum der bayerischen Könige hat sich dem Exponat in der Glasvitrine bewusst von der Rückseite genähert. "Dieser Anblick ist noch viel gewaltiger als von vorn und vermittelt einem die Illusion, dass dort ein echter Mensch steht", so Richter. "Wenn Ludwig sich jetzt bewegen würde, wäre man nicht erstaunt, oder?"

Ludwig II., dessen Schloss Neuschwanstein oberhalb des Museums vor den Bergen thront, ist der Star der Ausstellung. Und doch dreht sich nur ein Teil um den verrücktesten und heute populärsten Herrscher des 19. Jahrhunderts. Denn auch er war nur eine Episode in der langen Geschichte der Wittelsbacher, die das Museum der bayerischen Könige auf etwa 1.000 Quadratmetern anschaulich inszeniert und so lebendig wie kompakt erzählt.

Die Ära einer der ältesten und erfolgreichsten Dynastien Europas beginnt im Jahr 1180, als Graf Otto von Wittelsbach von Kaiser Friedrich I. das Herzogtum Bayern erhält. Fortan bestimmt das Adelsgeschlecht die Geschicke des Landes, nimmt dank einer zielstrebigen Heiratspolitik Einfluss auf das politische Geschehen in Europa, stellt Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, bekleidet hohe geistliche Ämter, fördert Kunst und Kultur und regiert von 1806 bis 1918 das neu geschaffene Königreich Bayern. Fast 740 Jahre sind die Wittelsbacher eine prägende Kraft.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 07/2017 © MERIAN

"Wir Bayern sind unserem Königshaus immer noch sehr verbunden", sagt Vanessa Richter. "Wir wissen, was wir ihm zu verdanken haben." Vieles ist made by Wittelsbach: Neuschwanstein, die bayerische Tracht, das Bier "König Ludwig Dunkel". Und die Familie genießt die Sympathie der politischen Granden noch heute. Zum 80. Geburtstag des Wittelbachers Franz von Bayern kam 2013 fast das komplette Kabinett des Freistaates samt Ministerpräsident Seehofer zum Gratulieren.

Die Epoche der Wittelsbacher präsentiert das Museum im Obergeschoss mit einer besonderen Art der Ahnengalerie: einem "begehbaren Stammbaum". Auf das Glas einer großen Fensterfront, die wie ein überdimensionales Display wirkt und hinter der sich die Allgäuer Bergwelt erhebt, sind Bilder und Texte der wichtigsten Familienvertreter gedruckt. Der Bereich gehört zu einem raffinierten dreischiffigen Raumkomplex aus zwei Viertel- und einem Halbtonnengewölbe, der extra für das Museum auf den Verbindungsgang zwischen den Bestandsgebäuden gesetzt wurde.

Der begehbare Stammbaum

Im mittleren, zentralen Raum, dem "Saal der Könige", spannt sich das mit Lichtpunkten gesäte stählerne Rautennetz der Decke wie ein strahlendes Firmament von einer Schaukastenwand zur anderen. Die Wände sind den beiden so ungleichen Königen gewidmet, die dem Ort Hohenschwangau ihren Stempel aufgedrückt haben:

König Maximilian II., volksnah, pragmatisch, den Wissenschaften zugetan, der die stark beschädigte Burg Schwanstein zur Sommerresidenz Hohenschwangau ausbauen ließ, und sein Sohn Ludwig II., ein Kunstfanatiker und Träumer, der Neuschwanstein schuf. Und zwischen ihnen glänzt auf einem Tisch von gut zehn Metern Länge das Prunkstück der Ausstellung: der Nibelungen-Tafelaufsatz aus feuervergoldeter Bronze, der zur Hochzeit von Maximilian und Prinzessin Marie von Preußen gefertigt wurde.

Nebenan geht es schließlich in den dritten Teil des Neubaus. Entsprechend dem "begehbaren Stammbaum" findet sich der Besucher auch hier vor einem Panoramafenster wieder. Die 21 Meter breite Glasfront eröffnet die Sicht auf den zum Greifen nahen Alpsee und das auf einer Anhöhe thronende Schloss Hohenschwangau. "So kann man auch das Schloss als Ausstellungsstück wahrnehmen", sagt Vanessa Richter. "Die Umgebung wird zum Exponat." Und die eingezogenen Spiegelscheiben sorgen für einen weiteren Aha-Effekt: "Auf diese Weise hat man den See links und das Schloss rechts gleichzeitig im Blick."

Das Museum, das 2011 eröffnet wurde und mit mehreren Architekturpreisen ausgezeichnet ist, hat das historische Gebäudeensemble am Alpsee aus seinem Dornröschenschlaf erweckt. Einst waren hier Brauerei, Gasthaus und Grandhotel untergebracht, am Ende stand es lange leer – bis sich die Familie Wittelsbach entschied, darin ihre Geschichte zu dokumentieren und ein Restaurant unterzubringen. Eine schöne Idee, bildet das Museum doch einen angenehmen Kontrapunkt zum Touristentrubel rund um die Königsschlösser.

In seinen Räumen kann man dem Rummel entfliehen, sinnvoll die mitunter lange Wartezeit für eine Neuschwanstein-Führung überbrücken und sich in Ruhe in die Details der Dynastie-Geschichte vertiefen. Etwa auch in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, der man sich im Erdgeschoss widmet, die Flucht Rupprecht von Bayerns vor der NS-Diktatur ins Exil, die Sippenhaft der Familie, die Verschleppung ins Konzentrationslager und die Befreiung durch die Alliierten.

Für das letzte große Fest der bayerischen Monarchie hat das Museum einen sehr eindrucksvollen, fast schon hypnotisierenden Raum eingerichtet. An leuchtend blauen Wänden hängen 326 Teile eines Porzellanservices. Das hatten König Ludwig III. und seine Frau Marie Therese anlässlich der Feier zu ihrer goldenen Hochzeit im Februar 1918 von ihren Kindern als Geschenk erhalten. Die Fülle an Tellern, Tassen und Schüsseln und ihre symmetrische Anordnung verfehlen ihre Wirkung nicht. Doch erst wer näher an das zwölfeckige, mit Perlstab versehene Geschirr tritt, sieht das Besondere: "Jedes Teil ist mit einem anderen Motiv bemalt. Sie alle zeigen Orte, die für das Königspaar eine Bedeutung hatten", erläutert Kulturvermittlerin Vanessa Richter. "Das Service ist eigentlich ein Fotoalbum."