Das erste Mal, als ich sie sah, trug sie eine Mondsichel auf dem Kopf. Die anderen Tänzer hatten links vom Theatereingang Platz genommen und warteten auf ih­ren Auftritt. Sie saß alleine auf der rechten Seite, gekleidet in einen schwarzen Leotard, ein rosa Cape und eine grüne Kappe, auf der sie den Halbmond aus silbernem Schaumstoff balancierte. Sie schaute gelangweilt geradeaus. Ich setzte mich neben sie. Wie lange sie brauche, um ihr Kostüm über­zustreifen, fragte ich. Sie zuckte mit den Schultern und sagte, es ginge ganz schnell. Wie sie zu tanzen gelernt hatte, hakte ich nach, aber darauf hob sie nur ihre Augenbrauen, als ginge auch das ganz schnell. Wir schwiegen und schauten gemeinsam auf den Eingang, durch den gleich das Publikum kommen würde. Ob sie mir es dann nicht beibringen könne, fragte ich nach einer Weile, das Tanzen. Ohne mich dabei anzusehen, streckte sie ihre Hand nach meinem Handy aus und tippte ihre Nummer und ihren Namen ein.

Sie hat mich später nie gebeten, ihn für mich zu behalten. Aber ich ändere ihn trotzdem – ich könnte sie in Schwierigkeiten bringen. Ich nenne sie Yadira. Sie sah an diesem ersten Tag aus, als wäre sie mit ihren langen schwarzen Beinen gerade von einem Karnevalswagen an der Copacabana gesprungen. Seit acht Jahren arbeitete sie im Cabaret "Tropicana" in Santiago de Cuba. Das ist eine teuflische Kombination: Das "Tropicana" ist das bekannteste Tanz­ensemble der Insel und Santiago die Wiege von Son und Salsa. Selbst wenn sie sprechen, dann singen sie, heißt es über die Santiagueros, und wenn sie gehen, dann tanzen sie.

Tief im Osten liegt die zweitgrößte Stadt des Landes, näher an Haiti als Havanna, mit der sie eine lange Rivalität verbindet. Havanna öffnet sich Richtung Nordamerika, Santiago gen Afrika. Havanna ist majestätisch und ehrenhaft und großzügig. Santiago ist eng und schwarz und schwül. Am besten stellt man es sich so vor: Havanna ist wie der beste Freund, mit dem man im Sommer nach der Schule jeden Tag draußen verbringt und sich wie der König der Welt fühlt. Santiago ist wie seine geheimnisvolle ältere Schwester, mit der man gerne den ganzen Tag drinnen bliebe, würde sie bloß fragen.

Ich war zum ersten Mal in der Stadt. Mein Auftrag war, eine Reportage zu schreiben, die etwas von dem Feuer Santiagos auf Papier brannte, aber die Recherche lief miserabel. In der Casa del Caribe schlenderte ich vorbei an Statuen der Santería, der mysteriösen afroamerikanischen Religion, von der Santiago durchdrungen ist –, und versuchte vergeblich, mir die Namen ihrer Hunderter Heiligen zu merken.

Im Cuartel Moncada, der Kaserne, die Fidel Castro und seine Kämpfer 1953 angrif­fen und damit die Revolution anzettel­ten, studierte ich die Bilder der gefallenen Guerillakämpfer – und spürte nichts von ihrem Geist. Um mir wenigstens einen Überblick zu verschaffen, fuhr ich mit einem Sightseeingbus durch die Stadt. Die Umrisse Kubas gleichen einem Krokodil, schnarrte eine Stimme über die Lautsprecher, und Santiago liegt am Kopf. Es war ein sehr weit angelegter Überblick. Ich brauchte dringend jemand anderen, der mir die Stadt erklärte. Ich rief Yadira an.

Das zweite Mal, als ich sie sah, er­ kannte ich sie kaum wieder. Es war Abend, und sie lief über den Parque Céspedes auf mich zu. Statt ihres schrillen Kostüms trug sie eine blaue Jeans und ein pinkes Shirt. Ihre Haare hatte sie auf der rechten Seite zu geschwungenen Cornrows geflochten, die wie ein drittes Auge aussahen. Ihre anderen beiden waren so groß, dass sie ein wenig außerirdisch wirkte, so wie sehr schöne Menschen oft nicht ganz von dieser Welt zu sein scheinen.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 01/2018 © MERIAN

"Du bist spät dran", sagte sie. "Wo gehen wir hin?"

Das wollte ich zwar eigentlich von ihr wissen, zugeben wollte ich das aber nicht. Also zeigte ich auf das schneeweiße Gebäude an der Ostseite von Santiagos großem Platz. Seit mehr als hundert Jahren thront dort das Hotel "Casa Granda", und genauso lange, hatte man mir erzählt, genießt man von seiner Dachterrasse die beste Aussicht der Stadt. Yadira fand das für den Anfang nicht schlecht, also suchten wir uns einen Tisch an der Brüstung. Sie hatte an der Bar den Choreografen des "Tropicana" erspäht, der heute Abend hier ein anderes Ensemble dirigierte, und verschwand einen Moment, um ihn zu begrüßen. Ich ließ den Blick über die Häuser schweifen. Wie ein Juwel wurde Santiago von Hügeln eingefasst. Von ihren Hängen schien die Stadt in Wellen zur Bucht hinabzurauschen.

Tagsüber hätte ich vom "Casa Granda" ein Gewirr aus mit Holz, Ziegeln und Wellblech gezimmerten Terrassen ent­deckt. Jetzt sah ich nur die ackernden Lichter der Bewohner, die wie wir in der kühleren Abendluft auf den Dä­chern hockten. Auch die Liebespärchen im Parque Céspedes hatten die Regenschirme, mit denen sie sich vor der Sonne geschützt hatten, zusammengefaltet und rückten nun auf den Bänken näher zusammen.

Als Yadira sich wieder neben mich setzte, zündete sie sich eine Zigarette an und bestellte uns zwei Bier. Wie lange ich in der Stadt bleiben würde, fragte sie. Nur ein paar Tage, dann weiter nach Havanna und zurück nach Hamburg. Sie sei einmal in Havanna gewe­sen, sagte sie, aber Santiago sei ihre Heimat. Hier sei sie vor 28 Jahren geboren, hier sei sie zur Schule gegangen, hier hatte sie eine casita, ein Häuschen. Das Tanzen, erzählte sie endlich, habe sie sich selbst beigebracht. Endlose Stunden vor dem flimmernden Fernseher und seinen Musikvideos. Nachtanzen, hinfallen, aufstehen, nach­tanzen. Und dann in den Kneipen ausprobieren, fügte ich hinzu. "Die sind alle gleich. Es gibt eine Bar, es gibt Bier und es gibt Musik", sagte sie gelassen, als kenne sie jeden Winkel der Stadt.