Tandern ist ein kleines Dorf im oberbayerischen Hinterland. Ein fast unsichtbarer Punkt irgendwo zwischen München und dem Lech. Meine Oma ist dort geboren, meine Großtanten, mein Uropa ... und ich. Als ich noch Filmstudentin war, habe ich einmal einen Kurzfilm in Tandern gedreht. Verstanden hat die Geschichte keiner. Aber das ganze Dorf ist in der Früh um sieben schon Kopf gestanden. Meine Oma hat drei riesige Apfelstrudel gebacken, der Bäcker hat zwanzig warme Brezen zum Filmset gebracht, am Baum auf der Wiese.

Um zehn war noch keiner da. Das Filmteam aus München hat Tandern nicht gefunden. Das war die Zeit vor den Navis. 1999. Ich habe sie dann an der Autobahnausfahrt Allershausen abgeholt. Im Konvoi sind sie mir durch die Hinterlandhügel gefolgt. Raus aus dem Gewerbegebiet. Wiese. Acker. Wald. Hügel. Viele Kurven. Dorf mit Zwiebelturm. Wieder Acker. Acker, Acker, Acker. Strommasten. Wald. Hügel. Strommasten. Aufpassen, fiese Kurve! So geht das fast eine Stunde. Dann endlich das Ortsschild: Tandern. Keiner hat mehr gewusst, wo er ist. Aber schön ist’s bei uns. Wunderschön.

Ich wollte weg von dort, seit ich denken kann. Meinen Freunden habe ich dabei zugeschaut, wie sie ein Haus bauen. Noch eine Neubausiedlung ans Dorf kleben. Glücklich sind. Kinder kriegen, neue Autos kaufen und für die 20-jährige Mitgliedschaft im FC geehrt werden. Für mich war klar: Niemals!

Also bin ich nach Amerika. Ich habe Green Day gesehen, in einer schwarz gestrichenen Lastwagengarage. The Offspring. Und Beck. Da war sie, die wilde Welt. Wow.

Und dann kam das Heimweh. Ich wollte Hügel, Wald, Strommasten, das Dorf mit spitzem Kirchturm und goldenem Gockel oben drauf. Völlig wurscht, wie viel Punkrock ich höre und wie lang ich schon aus der katholischen Kirche ausgetreten bin.

Mir san Oberbayern. Upper Bavaria. Darüber kommt nur noch der Himmel, und der ist weiß-blau. Mir san mir. Da gibt’s koan Radi. (Wir sind wir. Da gibt es keinen Rettich. Soll heißen: Dagegen ist kein Kraut gewachsen.) Wir haben alles, was man haben muss auf der Welt. Den Chiemsee, die Zugspitze, Dirndl und Lederhosen, eine eigene Hymne, Audi, Siemens, BMW und einen Kini (König). "Oh! Zugspitz! Beautiful!", schreien die Amis, die Kanadier, die Südafrikaner und Schweden auf, wenn sie das hören. Das ist Oberbayern global. Schweinsbraten mit Knödeln. Hackl Schorsch, der Rennrodler. Kühe. Jodeln. Alm. Man sieht eine Sennerin im Dirndl. Hoch droben über den Berggipfeln kreist der Adler. Und der fesche Jäger steigt durch die Schutzwaldsanierung. Mit seinen strammen Wadln. Noch immer ist die Ausprägung der Wadenmuskulatur für einen Oberbayern ein Kriterium für Männlichkeit.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 04/2016 © MERIAN

Eine Ansammlung mehrerer kleinerer Katastrophen führte dann vor einiger Zeit dazu, dass sich in mir eine beträchtliche Menge Zorn und Wut angestaut hat. Was wiederum dazu geführt hat, dass ich der Stiefmutter meines Ex ins Gesicht gebrüllt habe, dass das Einzige, das ich in ihrem Haus jemals bügeln werde, meine Ski sind. Und wo ich schon dabei war, hab ich Green Day auf volle Lautstärke gedreht und vor der Garage meines Ex seinen Hochzeitsbaum zersägt. Der war noch übrig von seiner Hochzeit mit seiner noch nicht ganz geschiedenen Ehefrau. Dieser unsägliche Brauch, einen maibaumartigen Glückwunsch-Pfahl aufzustellen – ist der auf Oberbayern beschränkt? Ich hoffe es. Oh, ich habe gesägt. Vor den Augen aller Nachbarn in einer Neubausiedlung am Rand von Ampfling. Tandern hoch 15.

Ich brauchte einen Ortswechsel und habe mich als Sennerin auf einer Alm beworben. Von Kühen und Bergen hatte ich keine Ahnung, aber von Tandern aus konnte ich die Berge sehen. Bei Föhn. Ein Streifen Filmkulisse am Nachmittag. Wenn das Licht auf Technicolor umschaltet. Seit ich den Führerschein habe, bin ich reingefahren in die Berge. Ich war schon auf dem Watzmann. Und auf der Zugspitze, zu Fuß und mit der Zahnradbahn. Auf der Rotwand, der Brecherspitz, dem Schinder. Ich hab den Wallberg umrundet und das Karwendel durchquert. Aber ich bin ein Moostapper. Das ist der oberbayerische Ausdruck für weich- und breitfüßige Moos- und Sumpfbewohner aus den nördlichen Landkreisen, im Gegensatz zum strammwadligen Bergbewohner aus dem Oberland.