"Du willst in den Krieg ziehen ohne Gewehr?" Das war die zweite Frage, die der Che mir stellte. Ich bin jetzt über 80 und vergesse manchmal, wo ich meine Schuhe ausgezogen habe oder wo mein Auto steht: Aber was damals geschah, im Kampf gegen Batista, in den ersten Jahren der Revolution – daran erinnere ich mich so deutlich, als erlebte ich es in diesem Moment.

Che und seine Rebellen hatten ihr Lager in der Sierra del Escambray aufgeschlagen. Ich war nervös, als ich da vor ihm stand, Ende Oktober 1958: ein 22-jähriger Junge aus einem Grüppchen Widerständler, die sich der Guerilla anschließen wollten, voll guten Willens, aber unbewaffnet. Der Che saß auf einem Hocker und rauchte, und hin und wieder lächelte er amüsiert. Wir schienen ihm Spaß zu machen.

Fünf vor mir hatte er schon wieder zurückgeschickt: Sie sollten sich eine Waffe besorgen, sonst könne er sie nicht brauchen. Eine Waffe besorgen, das hieß, dass man sie einem Soldaten Batistas abnehmen musste, ihn mit einem Messer überfallen oder mit einem Knüppel. Das blühte mir jetzt also. Doch da fiel Ches Blick auf die Kamera, die ich umgehängt hatte.

"Was ist denn das?"
"Meine Kamera."

Ich hatte sie nicht etwa mitgenommen, weil ich daran dachte, Fotos zu machen: Sie war meine Tarnung. Wäre ich auf dem Weg in Ches Lager der Polizei in die Hände gefallen, dann hätte ich eine glaubwürdige Ausrede parat gehabt. Alle in der Gegend wussten, dass ich ein "fliegender Fotograf" war. Die Leute riefen mich zu Taufen, Hochzeiten, Festen. Ich lebte damals mit meinen Eltern und Geschwistern in Cabaiguán, einem Dorf im Herzen Kubas. Mein Vater arbeitete in der Tabakindustrie, deshalb waren wir nach Cabaiguán gekommen. Eigentlich war mein Vater Bauer, doch er besaß kein Land, und jedes Mal, wenn er die Felder eines Grundherrn gut gepflegt hatte, dann nahm der Besitzer sie sich wieder zurück und schickte uns weg. Bevor wir uns in Cabaiguán niederließen, zogen wir ständig um.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 01/2018 © MERIAN

Arm blieben wir immer. Schon als Kind arbeitete ich als Schuhputzer oder Zeitungsverkäufer statt zur Schule zu gehen. Während der letzten Jahre von Batistas Diktatur brodelte es im Dorf: Es gab Streiks, das Regime ließ Leute foltern und umbringen. Als ein Arzt eine Zelle der Widerstandsbewegung "26. Juli" gründete, schloss ich mich an. Über Radio Rebelde verfolgten wir den Guerillakampf. Und jetzt wollte ich selber kämpfen, aber der Che war nur an meiner Kamera interessiert.

Während er sie begutachtete, erzählte er mir, wie er als junger Mann in Mexiko Fußballfotos gemacht hatte, um Geld zu verdienen. In seine Kamera war dann Wasser eingedrungen, als die Revolutionäre 1956 mit der "Granma" von Mexiko nach Kuba übersetzten, um Batista zu stürzen. Der Apparat verschwand zur Reparatur und tauchte nicht wieder auf. Er lachte. Und dann erklärte er mir, was er mit mir vorhatte: Ich sollte Kriegskorrespondent werden. Er wollte im Lager, in den Bergen, eine Zeitung produzieren – denn wer würde den Menschen vom revolutionären Kampf berichten, wenn er es nicht selber tat? Um eine Druckerpresse hatte er schon gebeten. Ich glaube, er war auf einen langen Guerillakrieg eingestellt und selbst überrascht, dass die Revolution dann so schnell siegte.

"Ich soll also nicht kämpfen?", fragte ich. "Du kämpfst auf andere Weise", antwortete er. Er war ein großer Kommunikator und glaubte an die Macht der Bilder. Noch am selben Abend schickte er mich in die nahe Stadt Sancti Spíritus, um Filmmaterial zu besorgen und alles, was man für eine Dunkelkammer braucht.