Es ist eine Liebesgeschichte, von der die Schwestern Julia und Anne-Katrin Hummel erzählen. Eine Geschichte voller Herzklopfen und Abschiedsschmerz, Enttäuschungen und Überraschungen. Ein Auf und Ab, so wie es die Stadt erlebt hat, auf die sie durch die hohen Sprossenfenster ihres Büros schauen: Pirmasens. Gelegen im südwestlichen Zipfel der Pfalz, gebaut auf sieben Hügeln. "Wie Rom", betonen die Pirmasenser, vor allem die älteren. Die, die noch miterlebt haben, dass hier einst der Nabel einer ganz besonderen Welt lag: der Schuhindustrie.

Alle Wege europäischer Schuhfabrikanten, Gerber, Ledereinkäufer, Modedesigner, Maschinenhersteller führten einst nach Pirmasens. Im Rekordjahr 1969 etwa wurden hier in rund 300 Fabriken 62 Millionen Paar Schuhe hergestellt. Es heißt, jeder dritte Pumps, Stiefel oder Lederschuh, der in Westdeutschland getragen wurde, kam damals aus Pirmasens.

"Wer durch die Straßen geht, kann sich noch zusammenreimen, wie wohlhabend die Stadt war", sagt Anne-Katrin Hummel. Doch sie, Jahrgang 1977, und ihre zwei Jahre jüngere Schwester Julia, kennen diese Zeit nur aus Erzählungen. Denn bald nach dem Rekordjahr verlagerten die Schuhfabrikanten ihre Produktion erst nach Süd- und dann nach Osteuropa, später nach Asien. Auch der Vater der beiden, Bernd Hummel, der als 23-Jähriger die Schuhfabrik seines Schwiegervaters übernahm, lässt seine Schuhmarken Flipflop und Kangaroos in Taiwan und China herstellen. Von dort kommen mehr als die Hälfte aller Schuhe, die in deutschen Läden verkauft werden.

Pirmasens hat fast alle seine Fabriken verloren – heute sind es nur noch drei – und damit auch Arbeitsplätze und Einwohner. Lebten 1970 noch fast 60.000 Menschen hier, sind es heute weniger als 42.000. Zu allem Überfluss brach in den 1990er Jahren auch noch das zweite wirtschaftliche Standbein der Stadt weg: ein großer Militärstützpunkt der US-Streitkräfte. "Pirmasens, abgehängt", betitelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung jüngst einen Bericht über den Absturz dieser Stadt, die einst die höchste Millionärsdichte hatte und heute nur noch Spitzenplätze bei der Arbeitslosigkeit, der Kinderarmut oder der Zahl der Privatinsolvenzen einnimmt. Pirmasens wurde zum Detroit Westdeutschlands.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 04/2017 © MERIAN

"Wir haben hier sehr viel getan, um die Stadt aus dem Tal herauszuholen", hält Rolf Schlicher der Resignation entgegen, die sich mancherorts ausgebreitet hat. Als Geschäftsführer des Stadtmarketings und gebürtiger Pirmasenser wirbt er für Aufbruchsgeist, nicht nur mit Worten: Kurz nach der Jahrtausendwende kaufte die Stadt unter seiner Regie die ehemalige Schuhfabrik Rheinberger – mit mehr als 2.500 Arbeitern einst Europas größte Schuhfabrik. 

Nach ihrer Stilllegung war das Gebäude verfallen, "ein Symbol für den Niedergang der Stadt", so Schlicher. Nun aber wurde "der Rheinberger" zu einem neuen Symbol dafür, dass der Tiefpunkt überwunden sein könnte. Nach der Restaurierung eröffnete hier mit dem Dynamikum das erste Science Center in Rheinland-Pfalz. Das Thema Bewegung wird dort mit vollem Körpereinsatz erforscht: Kinder laufen mit Elefant, Känguru oder einer Samenzelle um die Wette oder bestaunen eine von Leonardo da Vinci erdachte Unendlichkeitsmaschine. 16 Zahnräder greifen hier ineinander, das letzte wird etwa eine Million Jahre für eine Umdrehung brauchen. Wie schnell sich dagegen immer wieder in der Stadt selbst das Blatt gewendet hat, können die Besucher auf einem fortlaufenden "Band der Bewegung" lesen.