Dennoch: Es ist natürlich eine Frechheit, Potsdam eine Geschichte in einem Berlin-MERIAN zu widmen und nicht gleich ein eigenes Heft. All die Schlösser und Gärten, der Gestaltungswille der preußischen Bau- und Gartenmeister wie Schinkel und Lenné, die Aufklärungsleistung und der Italienfimmel der Herrscher, die lebhafte Kneipen- und Kulturszene, die Leistungsschau der Mäzenaten und die kulturellen Großprojekte wie Barberini und Theater, überhaupt, die Seen, die Seen, die Seen, und schaut, dahinten ist noch ein Schlosspark, noch ein Parkschloss, es hört gar nicht auf. Ganz zu schweigen davon, dass man allein dem einzigartigen roten Backstein des Holländischen Viertels Seiten widmen könnte, wie viel roter dieser Stein noch leuchtet, heller und frischer als an den Grachten. Vielleicht liegt’s am hohen hellblauen Himmel, dessen Licht die Seen zurückwerfen bis in die Winkel der Stadt.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 07/2018. © MERIAN

Okay, wir überschlagen uns schon, das mag als Entschuldigung ausreichen. Potsdam ist eine Stadt, der man sich mit Ungeduld nähert, und die einen mit Gleichmut erwartet. Es ist bezeichnend, dass der schönste Park im südwestlichen Berlin, vielleicht der schönste der ganzen Stadt, so angelegt ist, dass er mit voller Breitseite nach Potsdam schaut: der Glienicker Park, dessen exponierte Teepavillon-Rotunde westlich des Schlosses Glienicke "Große Neugierde" heißt, weil sie über den Jungfernsee Richtung Potsdam schaut.

Schon immer sind die Berliner neugierig auf Potsdam gewesen und nicht umgekehrt: In den Potsdamer Parks sind die Blickachsen so angelegt, dass man immer wieder in die eigenen Potsdamer Schönheiten schaut, und kein Aussichtspunkt zeigt Richtung Berlin. Und wenn er es täte, würde er nicht "Große Neugierde" heißen, sondern "Wohlwollendes Desinteresse".

Ich bin in West-Berlin aufgewachsen, genauer gesagt im Süden: näher an Potsdam als an der Innenstadt. Mein Ruderverein war am Kleinen Wannsee, und das Weiteste, was man rudern konnte, hieß im Fahrtenbuch "Griebnitz-See Ende", hin und zurück etwa neun Kilometer. Damals war unsere West-Welt hier zu Ende, wir sahen zwar die Villen am Babelsberger Ufer und ahnten, wenn die Bäume ihr Laub verloren hatten, die Umrisse vom zinnenverzierten Dampfmaschinenhaus im Babelsberger Park, aber bis zur Glienicker Brücke kamen wir nicht: Von Potsdam waren wir abgeschnitten durch DDR-Grenztonnen, und Potsdam war es noch viel mehr von uns.


Im Sommer 1990 bin ich dann endlich weitergerudert, nach links durch den Tiefen See und die Havel Richtung Potsdamer Innenstadt, um die Freundschaftsinsel und unter der Langen Brücke und der Humboldtbrücke hindurch, bis ich endlich zur Glienicker Brücke kam und zum Jungfernsee. Und ich erinnere mich wie heute an das Gefühl der wunderbaren Desorientierung: Man weiß nicht, ob Potsdam von seinen Seen eingerahmt oder unterteilt wird. Sie trennen zwar die Stadtteile voneinander, binden die Stadt aber doch auch zusammen, indem sie ihr zusammen mit dem Kleeblatt der vier Parks Sanssouci, Babelsberg, Neuer Garten und Sacrow einen unverwechselbaren Charakter geben. Die Seen helfen einem bei der Orientierung, können aber auch dabei helfen, sie zu verlieren.

Wenn man die Augen unscharf stellt, ist Potsdam an einem sonnigen Tag unten blau, in der Mitte grün und oben wieder blau, und man hat eher das Gefühl, ohne Unten und Oben durch die Stadt zu schweben, als sie gemessenen Schrittes zu durchqueren.

Mir fällt keine andere mittlere Stadt ein, die direkt neben einer größten liegt und dabei so ein Selbstbewusstsein hat. Vielleicht noch Versailles vor den Toren von Paris. Natürlich liegt es an Potsdams historischer Rolle als Residenzstadt, am übergroßen Licht und Schatten von Preußens König Friedrich II., am Überfluss an klassischer Architektur, und natürlich ist Potsdams Selbstbild als kleine, aber schönere Schwester immer wieder aufgewertet worden, zuletzt durch all die Joops und Jauchs. Aber das Hauptunterscheidungsmerkmal zur Nachbarin ist: Potsdam ist eine heitere Stadt.

Über Berlin kann man alles sagen, aber das nicht. Berlin hat eine Kunst daraus gemacht, Sorgen zu zelebrieren und zu überhöhen ("arm, aber sexy"), Potsdams Markenkern ist das Friedrich’sche "Sans, Souci." Der ebenso selbstbewusste wie bescheidene Namenszug des Schlosses, in dem der preußische Aufklärerkönig sich mit seinen Hunden und gelegentlich Voltaire vor Berlin und seiner Frau zurückzog, sagt alles über Potsdam, bis hin zum überflüssigen, eigensinnigen Komma zwischen "ohne" und "Sorge"".

Steigt man die Terrassen zum Schloss hinauf, findet man rechts von der Hecke die neun Gräber von Friedrichs Hunden, ihre Namen sind kaum noch lesbar. Ich treffe dort zwei Studentinnen, die zum Herbstsemester in Potsdam anfangen und die Stadt kennenlernen wollen; gemeinsam rätseln wir ein paar Minuten. "Arsen?", vermutet Lena (Arsinoe, lese ich später). "Alchemie", meine ich zu entziffern, (nein, Alcmene). Wie ernst Friedrich seine Hunde, aber nicht die Würde der Sommerresidenz genommen haben muss, dass er ihnen den schönsten Platz einräumte. Die Gruft ist rührend – und amüsant.


Dieses Heitere prägt Potsdam bis heute. Der beste Ort, um seine Zeit in Potsdam zu planen, ist das Café "Kleines Schloß" im Park Babelsberg, direkt auf der anderen Seite vom Tiefen See. Hier sind die Obstkuchenstücke groß wie die Vorfreude auf die Stadt, von der man von hier aus schon so viel Schönes sieht: etwa den Bau des Hans-Otto-Theaters auf der Landzunge im See, der mit seinen schwerelos wirkenden roten Betonfächern das Opernhaus von Sydney zu zitieren scheint. Ohne falsche Bescheidenheit, eher mit der Haltung: Uns ist kein Vergleich zu groß, weil wir uns selbst groß genug sind.