Schaut auf diese Straße

Ausgerechnet an einer der lautesten Verkehrsadern der Stadt könnte Berlin zur Ruhe kommen. Dort, wo Tiergarten, Schöneberg und Kreuzberg zusammentreffen, verläuft die Potsdamer Straße, Ein- und Ausfallroute, breit und mehrspurig. Schön ist sie nicht. Feinstaubbelastet wohl. Sie lädt auch auf den ersten Blick nicht zum Flanieren ein, ihre in die Jahre gekommenen Fahrbahnen und Radwege sind auf Tempo angelegt, die Blockrandbebauung bietet wenig Halt fürs Auge.


Und doch sind ihre Grundstücke innerhalb weniger Jahre am Immobilienmarkt vergoldet worden, haben renommierte Galerien scharenweise Berlin-Mitte verlassen, um sich hier anzusiedeln, kommen fast wöchentlich Läden, Agenturen, Cafés und Restaurants hinterher. Manch einer spricht hier schon von einem neuen Ku’damm. Die "Potse", wie sie genannt wird, ist zum Zufluchtsort jener geworden, die versuchen, die Gentrifizierung abzuschütteln, und denen sie doch folgt wie ein Schatten. Auch hierher.

So wie die Hutmacherin Fiona Bennett. "Die Potse ist rau, alt und gewachsen", sagt sie. "Hier hat man das Gefühl, in einer Großstadt zu sein." Mitte, wo sie bis vor sechs Jahren ihren Laden betrieb, sei für sie zum Dorf geworden. "Da ging es nur noch um Marken, da wollte ich weg." Es war ein Abend im Januar 2012, es schneite, und auf den großen Fenstern der einstigen Anzeigen-Annahmestelle des Tagesspiegel, Potsdamer Straße 81-83, tanzten die Lichter des Varietétheaters Wintergarten, das gleich gegenüberliegt. Fiona Bennett und ihr Mann, der Designer Hans-Joachim Böhme, der eine Messebau-Firma hat, entschieden sich sofort für diesen Ort, im April eröffneten sie dort ihren Laden.

Man kann hier heute durch ein Schaufenster in die Hutwerkstatt nebenan blicken. Es ist ein sehr schöner, sehr weißer Laden, in dem die edlen Hüte ausgestellt werden wie in einer Galerie. Fiona Bennett hat namhafte Kunden, einmal kam Yoko Ono vorgefahren, nahm 17 Hüte mit und rauschte wieder ab. Aber es kommt eben auch die alte Dame aus der Nachbarschaft, die ihren einzigen Hut reparieren lassen möchte. "Das hier sind verschiedene kleine Welten nebeneinander", sagt Bennett. "Und jeder lässt den anderen Planeten in Ruhe."

Fiona Bennett ist nicht der einzige Gentrifizierungsflüchtling, der erste war Andreas Murkudis, der vorher diverse Läden in den Hackeschen Höfen betrieb und das alte Tagesspiegel-Gelände schon vor der Hutmacherin entdeckte. "Ich war 2010 durch Zufall in der Potsdamer Straße, ich kenne die Gegend, bin hier zur Schule gegangen", erzählt er. Damals habe er einen Blick in den Hinterhof des Zeitungsareals geworfen, wo alles leer stand, die Redaktion war längst zum Anhalter Bahnhof umgezogen. Der Raum, den Murkudis sich danach sicherte, hat alles in allem gut 1.000 Quadratmeter, seine Decken sind fast acht Meter hoch – genug Platz, um das, was er vorher in sechs Läden verkaufte, in einen einzigen Concept Store zu packen: edle Klamotten, die nach Farbwelten sortiert von der Decke hängen, Schuhe, Accessoires, erlesene Seife, ein paar ausgesuchte der Hunderte deutscher Gin-Sorten.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 07/2018 © MERIAN

Für Murkudis ist sein Geschäft und das passende Umfeld dazu eine Mission. Er habe sich seine Nachbarschaft selbst mit kreiert, sagt er. Das Restaurant "Oliv Eat", die dänische Kette "Sticks ’n’ Sushi", das Modelabel "Acne", die Porzellan-Designerin Stefanie Hering, die ihren Projektraum gegenüber hat – Murkudis hat viele überredet, hierherzukommen, allesamt Menschen, die für ihn hierherpassen. Es wirkt, als habe er die unvermeidliche Gentrifizierung in für ihn erträgliche Bahnen gelenkt. "So ist es eine gute Mischung", sagt er. Ende März hat auch der britische Designer-Star Paul Smith ein paar Meter weiter einen Laden eröffnet.

Die Galerien kamen von selbst, mehr als 30 haben sich rund um die Potse angesiedelt. Gleich neben Murkudis hat "Blain Southern" aus London ihre Berliner Dependance, in Räumen, die noch höher und lichtdurchfluteter sind. Auch Esther Schipper und Nolan Judin zeigen hier im Hof hochkarätige Kunst, in der Kurfürstenstraße sitzt Tanya Leighton, in der Pohlstraße Tanja Wagner, am Schöneberger Ufer Isabella Bortolozzi, für Kunstkenner allesamt namhafte Adressen. Zum jährlichen Gallery Weekend wird die Potsdamer Straße zur Partymeile.

Reibung. Davon hat die Potse noch jede Menge

Was Murkudis mit "guter Mischung" meint, das sind aber auch Ein-Euro-Läden, Carglass, ein philippinischer Imbiss, der alteingesessene Fleischer Staroske, der Schreibwarenladen "Die Lützow-Biene" und der Laden der Familie Harb, die schon libanesische Feinkost verkaufte, als keine 300 Meter von hier der Mauerstreifen verlief. Jetzt wollen auf einmal sehr viele andere hierher, aber es gibt nicht so viel Leerstand wie einst nach der Wende in Mitte. Und es klingt hoffnungsvoll, wenn Murkudis daraus schließt, dass sich eine ähnliche Entwicklung hier nicht wiederholen wird.

Metamorphosen gehen schnell in Berlin, und wo Investorengeld fließt, ist es schwer mitzuhalten. Viele Berliner haben das längst satt, das spürt man hier. Und dass jetzt heiß begehrt ist, was sich in der Hauptstadt immer mehr abschleift: Reibung. Davon hat die Potse noch jede Menge.

Das hat zum einen mit ihrer Geschichte zu tun, die ein tischplattendickes Buch voller Fotos, Begebenheiten und Schicksale füllt. Die Straße entstand als Verbindung zwischen Berlin und Potsdam, König Friedrich Wilhelm II. ließ sie Ende des 18. Jahrhunderts zur befestigten Chaussee ausbauen, später entwickelte sie sich zu einer der meistbefahrenen Straßen des Landes. Im 20. Jahrhundert wurde sie zur Vergnügungsmeile, 1910 baute man den Sportpalast, wo Boxkämpfe und Sechstagerennen stattfanden. Später hielt Joseph Goebbels dort, Potsdamer Straße 172, seine berüchtigte Rede, in der er zum "totalen Krieg" aufrief.

In den zwanziger Jahren traf sich hier die Boheme, auch damals war die Straße ein Hotspot für Galerien. Unter den Nationalsozialisten gab es nie verwirklichte Pläne, eine 120 Meter breite Prachtstraße aus der Potse zu machen. Die Mauer machte sie 1961 zur Sackgasse, am Landwehrkanal war ihr totes Ende. Die Straße geriet in Vergessenheit, Drogen und Prostitution breiteten sich aus und sind in Teilen bis heute geblieben. Dann fiel die Mauer, die Potse wurde wieder Einfallstraße und nahm auch sonst Tempo auf.

Dass die Straße Reibungsflächen bietet, hat auch damit zu tun, dass es die eine Potsdamer Straße gar nicht gibt. Der Abschnitt, an den alle wollen, ist nur wenige Hundert Meter lang. Er beginnt dort, wo die Straße einst endete, südlich des Landwehrkanals, und geht bis zur Kurfürstenstraße, bis heute Straßenstrich. Die Potse ist aber sehr viel länger. Sie läuft noch rund einen Kilometer weiter nach Süden bis zum Heinrich-von-Kleist-Park, ehemals Botanischer Garten. Unterwegs streift sie eine riesige Beton-Wohnanlage, das "Pallasseum", das in den siebziger Jahren dort errichtet wurde, wo zuvor der Sportpalast stand. Das Einzige, was an diesem Ende der Potse gelegentlich zum Verweilen einlädt, sind recht auffällige türkische Cafés.

In einem davon sitzt Regine Wosnitza in einem schwarzen T-Shirt, auf dem in Grün "Stoppt den Kiezverkauf" steht. "Meine Hoffnung ist, dass die Abschnitte mit ihrem unterschiedlichen Publikum weiter so bleiben", sagt sie. Wosnitza lebt seit 17 Jahren in der Gegend, sie ist Vorsitzende der Interessengemeinschaft Potsdamer Straße, und sie betont, dass die Interessen hier vielfältiger sind, als der Gentrifizierung zu entkommen und sie gleichzeitig mitzubringen. "Es geht nicht darum, dass alles schicker und teurer wird", sagt sie.

Dabei geht es auf dem Immobilienmarkt längst genau darum, am nahen Gleisdreieck-Park ist eine neue Wohnanlage entstanden, in der Genthiner und der Kurfürstenstraße sind Wohnungen mit sich überschlagenden Quadratmeterpreisen im Bau. Die Gentrifizierung hat hier sogar eine Abkürzung genommen, es kamen nicht erst die Künstler und Studenten, sondern gleich die Galeristen und schicken Läden. Die Verdrängung, die viele fürchten, weil sie diesen Kiez mögen, ist längst im Gange. Was Wosnitza sagt, richtet sich aber eher an die Stadtentwickler: "Aufwerten kann jeder", meint sie. "Aber wenn wir wirklich innovativ sein wollen, dann suchen wir nach Formen, miteinander auszukommen." Die Frage ist, wie wehrhaft die gute Mischung sein wird, die sie und all die anderen hier bewahren möchten. Und ob es wirklich eine Mischung ist.

Sie muss etwas enorm Verbindendes haben

Am Nebentisch im Café spielt eine Männerrunde, drei Frauen mit schillernden Kopftüchern sind im Gespräch. Diese Berliner gehen nicht zu "Sticks ’n’ Sushi". Umgekehrt findet kaum jemand von dem begehrten Abschnitt der Potse seinen Weg hierher. Die Kurfürstenstraße, wo an einem Eckgebäude zur Potse LSD für "Love, Sex and Dreams" steht, markiert die unsichtbare Grenze: Der Strich dort ist für viele Neuankömmlinge eine raue Kulisse und als solche auch ganz cool, so lange Spritzen und Kondome nicht morgens direkt vor der Haustür liegen. Aber Forderungen, ihn abzuschaffen, werden lauter.

Was der Potse ziemlich sicher bleiben wird, ist ihr Verkehr, auch wenn sie gerade versuchsweise zur Tempo-30-Zone erklärt wurde. Viele Menschen wollen hier möglichst schnell in die Stadt oder wieder raus. "Man unterschätzt die Straße", sagt die Hutmacherin Fiona Bennett. Als sie mit ihrem Laden eingezogen sei, habe es oft Auffahrunfälle gegeben, weil die Fahrer, überrascht vom neuen Schaufenster, einen Moment zu lange vom Verkehr abgelenkt waren. Die Designerin selbst wurde an der Potse angefahren und schwer verletzt.

Auch wenn diese Straße schreit, beißt und manchmal wehtut: Sie muss etwas enorm Verbindendes haben. All die Gastronomen, Galeristen, Varietébetreiber, Designer und Ladenbesitzer betonen das gute Miteinander und sprechen vom Drumherum ihrer lärmenden Magistrale als einem Dorf, wobei das dann positiver klingt als bei dem Dorf Mitte, das viele von ihnen verlassen haben.


Und tatsächlich: Wer eine Weile hier unterwegs ist, nimmt den Lärm immer weniger wahr, die Vielfalt hinter den Fassaden und in den Höfen umso mehr. Rechts neben dem Wintergarten steht eine syrisch-orthodoxe Kirche, links geht es in einen grünen Hinterhof, wo in einer alten Mädchenmalschule der bekannte Typograf Erik Spiekermann an sehenswerten alten Druckmaschinen arbeitet. Auf der anderen Straßenseite, gleich neben Paul Smith, hat einst Joseph Roth gewohnt, woran seit einigen Jahren die Joseph-Roth-Diele erinnert, eine urige Kneipe, in der das
Essen noch bodenständig und günstig ist und man dazu in seinen Büchern blättern kann. Wer hier an der Potse Zeit verbringt, der erkennt, dass diese Straße auch enorm inspirierend ist – oder all jene um sich versammelt, die Inspiration suchen.

Bestes Beispiel ist der Wintergarten, dessen Lichter Fiona Bennett allabendlich in ihren Laden leuchten: ein Haus aus den 1870er Jahren, das später als Club "Quartier Latin" legendär wurde, als Westberlin rund 200 Meter weiter am Mauerstreifen endete. Udo Lindenberg, Ton Steine Scherben, Nina Hagen und viele andere haben damals dort gespielt. Nach der Wende belebten die Zirkusfantasten André Heller und Bernhard Paul in dem Bau ein im Krieg zerbombtes Varietétheater wieder. Und nun stand vor ein paar Jahren der Bau neuer, größerer Toiletten an. "Es sollten nicht einfach nur normale Toiletten werden", sagt Geschäftsführer Georg Strecker. "Wir wollten auch da dem Entertainment-Gedanken folgen."

So kamen Fiona Bennett und ihr Mann Hans-Joachim Böhme von gegenüber ins Spiel, deren Laden Strecker sehr gut gefällt. Dreieinhalb Jahre lang arbeiteten die beiden an einer gut 250 Quadratmeter großen Toilettenlandschaft, für die der Hof unterkellert wurde. Eine geschwungene weiße Treppe führt hinunter, ein großes Mosaik ziert den Boden des eigenen Foyers. Die Herrentoilette ist ein durchdesignter Fantasie-Wald mit edlen Materialien, im "Puderraum" für die Damen ist alles Pastell und Gold, und wer in den Spiegel blickt, ist von weißen Federn umgeben, die durch seinen Rahmen wirbeln.

Man kann darin aber auch ein Zeichen dafür sehen, dass diese Straße einen eigenen Charakter hat und dass ein Vergleich wie der mit dem Ku’damm immer hinken wird. Vielleicht ist Berlin nirgends so sehr bei sich wie hier, zumindest jetzt, in diesem Moment, da für all jene, die ein Teil davon sind, die Mischung stimmt.