Der Weg endet an einer Bank mit Blick auf tiefgründig schimmerndes Wasser. Bäume recken sich ins Bild, ein Steg lädt dazu ein, noch etwas näher heran zu kommen. Aber den Eisvogel auf einem der Äste – blauer Umhang über orangenem Bauch –, den kann der Mann auch von der Bank, auf der er sitzt, gut sehen. "Sonst ist heute eher tote Hose", meint er, "wenig Wasservögel unterwegs und die Fische eher passiv."

Er ist einer der vielen Naturbeobachter, die Tag für Tag hierher kommen, ins Naturschutzgebiet Riddagshausen. "Vor ein paar Tagen hat sich ganz in der Nähe von hier eine Schleier­eule auf meinen Lenker gesetzt", erzählt er. "Minutenlang war sie nur etwa einen Meter von mir entfernt." Er macht eine Pause, schiebt bedeutungsvoll die Sonnenbrille aus dem sonnengeröteten Gesicht – und sagt: "Dann kamen die Jogger."

Wenn Laufschritte auf Schotter Ruhestörung bedeuten, dann sagt das viel über die Ruhe. Wobei es gar nicht so sehr um Ruhe geht, es ist ja eine Menge los. Es geht eher darum, ein Leben wahrzunehmen, das innerhalb einer Großstadt höchst selten geworden ist. "Einmal lief eine große Gruppe Jogger an mir vorbei", erzählt der Mann. "Und mittendrin Wildschweine, wann sieht man schon mal Wildschweine?" Die Jogger hätten die Tiere nicht mal be­merkt. Oder einfach ignoriert.

Diese Landschaft, in der Naturbeobachter, Graugänse, Sportler, Löffel­enten, Wildschweine, Spaziergänger und Laubfrösche mal mehr, mal weniger sichtbar auf verschiedenen, sich kreuzenden Wegen unterwegs sind, ist keine Schöpfung der Natur. Sie wurde von Menschen gemacht, von Mönchen des Zisterzienserordens. Vor mehr als 850 Jahren, 1145, gründeten sie im heutigen Braunschweiger Stadtteil Riddagshausen ein Kloster. Die Kirche soll in ihrer heutigen Form eine der längsten Kirchen Norddeutschlands sein, was nicht sonderlich beeindruckt. Bis man sich ans eine Ende stellt und singt – und die schmucklosen Kirchenwände im Kanon mitsingen, einige Sekunden lang. Es ist eine schön schlichte Kirche mit einer wechselvollen Geschichte in ei­nem sehenswerten Ortskern. Doch was Riddagshausen seinen Zauber verleiht, ist das, was die Zisterzienser mit ihrer Umgebung anstellten, um von und mit ihr gut leben zu können.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 09/2016 © MERIAN

Sie stauten das Wasser diverser Zuläufe, die u. a. Schapener Graben, Wed­deler Graben und Wabe heißen, und schufen 28 Teiche, zusammen etwa drei­mal so groß wie die Wasserlandschaft heute. Zisterzienser aßen kaum Fleisch, und da im Kloster mehrere hundert Menschen lebten, brauchten sie umso mehr Fisch. 13 der Teiche gibt es noch, einer der größten liegt nur rund 200 Me­ter vor den alten Klostermauern: der Kreuzteich. Dahinter, nur durch einen von Bäumen gesäumten Weg getrennt, beginnt der Mittelteich, dahinter der Schapenbruchteich, drumherum weite­re Teiche, Wälder und Wiesen.

1936 wurde die von den Mönchen geformte Landschaft eines der ersten deutschen Naturschutzgebiete. Inzwischen ist sie auch Europäisches Vogelschutzgebiet und FFH­-Gebiet, was "Schutzgebiet nach Fauna­-Flora­-Habitat­-Richtlinie der EU" bedeutet und dem Laien nicht viel sagt. Aber man muss kein Experte sein, um zu sehen, dass Riddagshausen ein rarer Schatz ist und ein Drei­fach-­Schutz durchaus angemessen.

Manchmal kommt so ein Letzter- Mensch-­Gefühl auf. Jenseits des Kreuzteiches sind schon keine Autos mehr hörbar, jenseits des Mittelteiches auch immer weniger Laufschritte. Hin und wieder knarzt es in den Bäumen, die ihre langen Arme schattenspendend über fast alle Wege halten, ständig ra­schelt und gluckst es aus dem feuchten Dickicht, das zu betreten tabu ist, auch wenn die Neugierde noch so groß ist.