"Pornobrunnen" nennen ihn die Rostocker. Kreisrund liegt er mitten auf dem dreieckigen Universitätsplatz und heißt offiziell ganz anders: Der "Brunnen der Lebensfreude" zeigt ein Wasserspiel mit verschlungenen Nackten von dem überall in Rostock verewigten DDR-Bildhauer Jo Jastram. Rund um diesen beliebten Treffpunkt sitzen internationale Studenten mit Laptops neben Ur-Rostockern mit viel Zeit, die in Gedanken auf die Wasserfontänchen blicken. Die Terrasse des herrlich spießigen Ecklokals Grand Café neben dem Brunnen bevölkern Pizza essende Gruppen weißhaariger Skandinavier auf Tagesausflug in Rostock, während junge Rostockerinnen in Skinny Jeans ihren Bummel zum Chatten unterbrechen.

Die Geschäfte sind in einem Sammelsurium aus Jahrhunderten Kaufmannsarchitektur untergebracht. Mitten im Zentrum zeigt Rostock seine ganze Vielfalt. An der "Kröpi", der Kröpeliner Straße, reicht das Spektrum der Bauepochen von mittelalterlichen Kontorhäusern bis zur ortlosen Kommerzarchitektur. Und hier am vitalen Kreuzungspunkt der Innenstadt, dem einstigen Hopfenmarkt, der nach dem Krieg in Stalinplatz umbenannt wurde und heute Universitätsplatz heißt, erscheint Rostock in seiner ganzen hybriden Eigenart als wild zusammengestückelter Architektur-Wolpertinger.

Am Platz dominiert die rote Neorenaissance-Fassade des Universitätshauptgebäudes. Dahinter liegt das Kloster zum Heiligen Kreuz, erbaut im 13. Jahrhundert, in dem das Kulturhistorische Museum seine Schätze zeigt. Von der Uni fällt der Blick auf ein barockes Palais und eine klassizistische Wache zur Rechten sowie auf die vielfarbigen Kröpi-Fassaden zur Linken.

Walter Kempowski, der einzig wirklich berühmte Chronist Rostocks, schrieb in seinem Roman "Tadellöser & Wolff" über seine Heimatstadt: "Von Rostock sagen die Leute, es sei zwar weniger als Lübeck und Hamburg, aber mehr als Wismar und Stralsund. Eine Stadt, die seit Jahrhunderten von schlechten Baumeistern verhunzt wurde." Wie zum Trost an alle Rostocker fügt er hinzu: "Wunderbar, dass sie trotz allem noch gewisse Reize hatte."

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 08/2017 © MERIAN

Reizvoll ist Rostock im 800. Jahr seiner Stadtexistenz nicht als baukünstlerisch homogenes Freilichtmuseum für Hanseromantik, wie es Besucher an Wismar, Stralsund, Delft, Brügge oder Gent lieben. Die Stadt ist attraktiv als geschichtliches Mosaik und beeindruckt mit der Gelassenheit, mit der sie dieses Mosaik zur Schau stellt. In Rostock hat jede Epoche ihre Berechtigung. Die gesamte Baugeschichte innerhalb des alten Mauerrings ist wie im Zeitfächer überall präsent. Und diesem historischen Schichtmodell sieht man wie in kaum einer anderen Stadt an, dass die alte Kaufmannssiedlung an der Warnowmündung sich vier Mal neu erfinden musste: Als Barockstadt, Industriestadt, sozialistische Alternative – und schließlich als Teilnehmerin in der globalisierten Städtekonkurrenz.

60 Prozent der Altstadt brannten 1942 bereits nach den ersten Bombenserien der Alliierten, mehr als 1.700 teils Jahrhunderte alte Häuser wurden zerstört. Der Schadensplan der Stadt im alten Mauerring sah nach dem Krieg aus wie urbaner Alzheimer im letzten Stadium. Und was nicht ganz kaputt war, dem versagten die Stadtplaner der DDR oft das in ihrer Hymne Versprochene: Auferstehen aus Ruinen durfte nur wenig Charakteristisches der roten Seestadt.

Die nach dem Krieg gebaute neue Lange Straße pflügte sich auf 60 Metern Breite 600 Meter lang durch die einst kleinteilige, niedrige Altstadt. Dabei zerstörte Walter Ulbrichts Aufmarschboulevard alles, was an originalem Heimatstil im Wege stand. Der damals noch konforme sozialistische Heimatstil der Stalin-Ära schuf stattdessen ein prägnantes Ensemble, das viele Besucher Rostocks heute spontan für sehr alt halten.