Morgens rasiert sich Yasuo Moriyama über einer Emailleschüssel, die er in die Astgabel eines Mandarinenbaums gestellt hat. Mitten in Tokio. Wer auf der Straße vorüber­ geht, kann ihm dabei zuschauen. Abends nimmt er sein Bad hinter dem bodentiefen Fenster einer Kabine, die gerade einmal so groß ist wie die Badewanne plus etwas Platz zum Aussteigen und Trockenrubbeln. Der Weg ins Schlafzimmer führt drei Schritte unter freiem Himmel durchs Grüne, auch wenn es gießt wie aus Eimern.

Mori­yama-­san ist ein eigenwilliger Typ, das stimmt – aber seine Art zu wohnen steht in Einklang mit den Werten und Traditionen seiner Heimat: Einfachheit, Nähe zur Natur, Offenheit zur Straße, Gemeinschaft mit den Nachbarn.

Ist sein Haus, das Moriyama House, also ein Ausdruck weltfremder Nostalgie, ein Rückgriff auf die guten alten Zeiten? Im Gegenteil! Es ist die wohl mutigste und modernste Vision für das urbane Zusammenleben im 21. Jahr­hundert, und auch mehr als zehn Jahre nach seiner Fertigstellung 2005 kommen Baumeister und Bewunderer der architektonischen Avantgarde aus der ganzen Welt in Scharen, um es mit ei­genen Augen zu bestaunen. Sie fragen sich von den Geschäftshäusern um die Kamata Station im Süden der Stadt durch ein paar stille Wohnstraßen hindurch, bis sie vor diesem Ensemble aus strahlend weißen, wie zufällig hingestreuten Baukörpern stehen. Manche der streng rechtwinklig geschnittenen Blöcke aus beschichtetem Stahl ragen zwei, drei Stockwerke hoch auf, manche sind winzig wie die Badekabine. Dazwischen Trampelpfade, Büsche und Bäume; Gartenmöbel stehen herum, eine Waschmaschine, die Rasierschüssel. Einen Zaun gibt es nicht. Wo endet hier der öffentliche Raum? Und wo beginnt der private?

Manchmal sitzt Moriyama-san dann auf einem der flachen Dächer, ein Buch in der Hand, und schaut zu, wie Neugier und Respekt miteinander ringen. Und wenn die Neugier gewinnt und sich jemand von außerhalb zwischen die eng gestellten Klötze mit ihren großzügig geschnittenen Fenstern wagt, dann gibt er artig Auskunft. Ja, das sei sein Haus, und ja, im Moment wohnten hier mit ihm noch sieben Personen als Mieter, zwei Paare, drei Singles. Jeder für sich und doch alle miteinander. Manche blieben ein paar Jahre, manche seien von Anfang an da­ bei. Demnächst komme ein Baby dazu.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 03/2018 © MERIAN

"Eigentlich war es seine Idee", räumt Ryue Nishizawa ein. Moriyama­-san war in einem Magazin auf den berühmten Architekten gestoßen; ein Entwurf von ihm, ein helles und offenes Wochenendhaus hatte den eher scheuen Mann begeistert. Und weil das Internet ihm fremd ist, bis heute, schrieb er einen Brief: Er habe gerade das Haus seiner Eltern geerbt, eine Getränkehandlung im Stadtteil Nishikamata. Er sei dort geboren worden, 1952, aber jetzt wolle er etwas Neues haben. Am selben Ort, aber etwas Eigenes. Nishizawa zögerte. Das Wochenendhaus lag zwei Stunden nördlich von Tokio in den Bergen, Moriyamas Grundstück dagegen mitten in der Stadt. Er traf sich mit dem ungewöhnlichen Auftraggeber, sprach mit ihm. Fragte nach seinem Leben, seiner Familie, danach, was er tut und was er mag. "Du brauchst kein Haus", sagte er dann. "Was du brauchst, ist ein kleines Dorf in einem Wald."

Der Hausherr hat Soba­-Cha zubereitet, eiskalten Tee aus geröstetem Buchweizen, das beste Mittel gegen die Hit­ze des japanischen Sommers. Sein
Büro in der ersten Etage ist so niedrig, dass er den Kopf einziehen muss. Aber wozu braucht er Höhe, wenn er dort ohnehin nur seine Bücher stapelt und Papierkram sitzend am Schreibtisch erledigt? Der Architekt hat jedes De­tail auf seinen Klienten abgestimmt. Dafür ist der Raum unter dem Dach
licht und hoch wie eine Kathedrale im Wohnformat. Die Fenster heben und öffnen den Raum, sie sind so angeordnet, dass sie den Blick zum Himmel
und in die Natur frei machen – aber die Bewohner auch diskret aneinander vorbeischauen lassen, wenn der Nachbar nur ein paar Armlängen entfernt lieber für sich bleibt.