Sprungbereit in Halles guter Stube: der Fischerstecher auf dem Brunnen am Markt gegenüber der Marienkirche © Natalie Kriwy für MERIAN

Halle hat es nicht leicht. Der schlechte Ruf klebt an der Stadt, wie verschwitzte Haut an Autoledersitzen. In den vergangenen Jahren schaffte es Halle hauptsächlich mit schlechten Nachrichten in die Schlagzeilen: Selbst ernannte Bürgerwehren, die gegen Geflüchtete und Roma-Familien hetzen. Die rechtsextreme Identitäre Bewegung, die direkt neben der Universität ihr deutsches Hauptquartier einrichtete, unter lautem Protest der Hallenser. Eine der Städte mit der höchsten Kinderarmut in Deutschland, Leerstand von Läden in der Innenstadt. Arbeitslosigkeit. Plattenbauten. Und ab und zu ein Hochwasser. In einer aktuellen Studie im Auftrag des ZDF zur Lebensqualität in deutschen Städten landete Halle auf Platz 318. Von 401 untersuchten Städten und Landkreisen. Es ist zum Heulen.

Doch genau deshalb sollte man genauer hinschauen. Vielleicht kann Halle seinen Besuchern etwas geben, was die Vorzeigestädte Deutschlands nicht können. Einige sagen, Halle wäre ein Geheimtipp, das neue "Arm, aber sexy", wie es Berlin einst war. Gefühl statt Hochglanz? Allein diese These ist eine Reise, eine Suche wert.

Wenn Halle eine klassische Sehenswürdigkeit hat, dann den Marktplatz mit seinen fünf Türmen und dem Händel-Denkmal. Warum nicht mit dem Offensichtlichen anfangen, wenn man auf der Suche nach dem Verborgenen ist? Halle ist stolz auf Händel, den großen Sohn der Stadt, und widmet ihm einmal im Jahr die Händel-Festspiele. Im Programmheft, zwischen Konzerten mit Feuerwerks- und Wassermusik, fällt eine Veranstaltung auf: Das "Ensemble all’improvviso" kündigt an, zu Händels Musik auf barocken Instrumenten zu improvisieren.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 09/2018 © MERIAN

Im Festsaal des Händel-Hauses sind fast alle Plätze belegt. Das Ensemble um Martin Erhardt, 35, stimmt die Instrumente. Dann legen sie los. Eine Jam-Session, in der Blockflöte, Barockvioline, Laute und Viola sich herausfordern, miteinander und gegeneinander spielen. Immer auf der Grundlage von Händels Noten. Es ist, als hätte man eine Jazz-Combo auf eine barocke Party gebeamt. Die Musik wird wilder, unaufgeräumter, irgendwas klingt schief.

Martin Erhardt setzt für ein paar Sekunden die Blockflöte ab und schnauzt in die Runde "B-Dur!" und steigt wieder ein. Das Publikum applaudiert begeistert. Fehler werden in der Improvisation gefeiert. Sie zeigen, dass jedes Konzert einzigartig ist.

Nach vielen Zugaben ist Martin Erhardt verschwitzt. "Händels Musik wird erst durch die Improvisation wirklich lebendig", sagt er, während er seine Blockflöte verstaut. "Die Noten, die bis heute überlebt haben, sind nur ein winziger Teil der Musik, wie sie damals aufgeführt wurde. Der viel größere Teil wurde während der Konzerte improvisiert." Diese verlorene Musik will das Ensemble den Zuhörern zurückgeben.

Erhardt lebt seit über zehn Jahren in Halle. Die freie Szene, erzählt er, würde in Leipzig zwar besser gefördert werden. Trotzdem will er in Halle bleiben. In größeren Städten fühlt er sich vom Kulturangebot erschlagen, in Halle bleibt Raum für seine Ideen. Dann verabschiedet der Musiker sich, seine beiden kleinen Töchter warten.

Hier meckert keiner

Von dem Abend bleibt das Gefühl, dass man manchmal improvisieren muss, damit etwas perfekt werden kann. Perfektion durch Improvisation. Es klingt wie ein Hinweis, den man auf der Suche nach dem Halle-Feeling gebrauchen könnte.

Am nächsten Tag wartet Silvia Dahle in der Kleinen Ulrichstraße, nicht weit vom Marktplatz. Die 29-Jährige erkennt man schon von Weitem an ihrem leuchtend roten Haar. Sie ist Halles erfolgreichste Food-Bloggerin. Auf Instagram postet sie unter dem Namen "Raspberry Whitechocolate" Bilder von neuen Rezepten und selbst gekochtem gesunden Essen: Fluffige Pancakes mit Erdbeeren und Schokolade, saftiger Salat mit Shrimps, selbst gemachtes Sushi... Kein Wunder, dass ihr mittlerweile über 30.000 Menschen folgen. Nun soll sie helfen, Halle kulinarisch besser kennenzulernen.

Auf Halles Kneipenmeile haben die Cafés und Restaurants ihre Tische nach draußen gestellt, die Menschen sitzen in der Sonne, ein Lokal reiht sich ans nächste. Wie schmeckt Halle? "Nach Vielfalt", sagt sie. "Und dem Mut, etwas auszuprobieren." Zum Beweis führt sie in die "Nasch Madame", eine Konditorei in der Mitte der Kleinen Ulrichstraße. Ein Puppenhaus in Lebensgröße: Alles ist pink, von den Kissen auf der Couch bis zu den Fliesen an der Wand. Statt Schwarzwälder Kirschtorte gibt’s vegane Cupcakes, Bio-Quarkkuchen und glutenfreie Cake- Pops, Qualität ganz nach Silvia Dahles Geschmack. Auf Instagram teilt sie auch Fotos von Café- und Restaurantbesuchen in Halle und macht so kleine Lokale über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Sie zeigt ihren Followern ein buntes, zuckersüßes Halle.

Schicke Fotomotive bietet auch das "Shabby" an der Ludwig-Wucherer-Straße. Früher eine reine Shisha-Bar, wird hier nun hochwertiges Frühstück serviert: Acai-Bowls, Chiapudding und Pancakes mit weißer Schokolade. Klar, in Berlin findet man das an jeder Ecke. Aber für Halle sind Lokale wie das "Shabby" eine echte Innovation, findet Silvia Dahle. Und Mut, so die 29-Jährige, würde von den Hallensern belohnt. Sie bleiben locker, auch wenn mal was schiefgeht. "Für viele Food-Blogger muss alles perfekt sein. Wenn eine Speise mal ausverkauft ist, wird gleich ein Drama gemacht. In Halle meckert keiner, man bestellt einfach was anderes. Ich liebe diese Leichtigkeit", sagt Silvia Dahle.

Leichtigkeit. Keine Perfektion erwarten. Es scheint, als käme man dem Halle-Feeling Schritt für Schritt näher.

Weiter mit dem Fahrrad, innerhalb von 15 Minuten kann man in Halle fast überallhin radeln. Macht den Kopf frei und die Lunge außerdem. Im Osten der Stadt liegt Freiimfelde, im 19. Jahrhundert errichtet als Viertel mit billigen Quartieren für die Arbeiter des Schlachthofes. Haus an Haus, kaum Grünflächen, Hauptsache funktional. Der Schlachthof wurde nach der Wende geschlossen, der Stadt fehlte ein Plan, wie es mit dem Viertel weitergehen sollte. Das Ergebnis: 2012 standen in einer der Hauptstraßen von Freiimfelde, der Landsberger Straße, gut die Hälfte der Wohnungen leer. Einige Studenten entwickelten eine Vision, wie sie den Stadtteil wieder aufleben lassen wollten: mit Graffiti.

Ina Treihse war eine von ihnen. Die heute 30-Jährige erinnert sich gut an die ersten Bürgerversammlungen, bei denen sie ihre Ideen für die "Freiraumgalerie" vorstellten. "Wir haben sowieso schon einen schlechten Ruf, und jetzt kommt ihr mit solchen Schmierereien", sagten die einen. "Was haben wir schon zu verlieren?", sagten die anderen. Ina Treihse und das Team der Freiraumgalerie gaben nicht auf. Sie überzeugten Hauseigentümer, ihnen Wände zur Verfügung zu stellen, entwickelten gemeinsam mit den Anwohnern Entwürfe für Wandbilder, schrieben Graffiti-Künstler an. Die Stadtverwaltung schaute staunend zu, was da in Freiimfelde vor sich ging. Und ließ die Künstler machen.

Sechs Jahre später schmücken über siebzig großflächige Wandbilder den Stadtteil. Um die Kunstwerke zu finanzieren, nehmen die Künstler der Freiraumgalerie Auftragsarbeiten an, für Unternehmen oder die Stadtverwaltung. Ina Treihse führt durch die Straßen, hinter jeder Ecke scheint ein Kunstwerk zu warten. Von einer Hausfassade lächelt milde das fein gezeichnete Gesicht eines alten Mannes herunter, ein schwarz-weißes Porträt, über zehn Meter hoch. Gegenüber ein buntes Gemälde mit Figuren aus "Alice im Wunderland". Eine Straße weiter ein abstrakter Bär aus leuchtenden Farben an einer Einfahrt. Berlin-Feeling in Halle.

Eine Stadt für den zweiten Blick

Bei vielen der Kunstwerke hat Ina Treihse mitgeplant, skizziert, gemalt, gesprüht, Mosaiksteinchen geklebt. Mit jedem Bild verwuchs sie mehr mit der Stadt. Ursprünglich wollte sie nur zum Studium nach Halle ziehen. Doch sie blieb. "An Halle fasziniert mich, dass diese Stadt noch nicht fertig ist. Ich kann hier selbst viel bewegen. Das hat mich hier gehalten", sagt Ina Treihse. Diesen Effekt sieht die Kulturpädagogin auch bei anderen. Früher, so erzählt sie, hätten achtzig Prozent der Häuser, die sie in Freiimfelde bemalten, leer gestanden – jetzt seien achtzig Prozent bewohnt. Internationale Künstler fragen an, ob sie in Freiimfelde malen dürfen, Hauseigentümer stellen Wände zur Verfügung. Die nächsten Kunstwerke in Freiimfelde, aber auch in Halle-Neustadt und anderen Stadtteilen sind schon in Planung.

Verantwortung für das eigene Viertel übernehmen, sich selbst kümmern – auch das ist Halle.

Zurück in die Innenstadt, es dämmert schon. Micha Hübel hat für ein Treffen das "Café Czech" neben der Uni vorgeschlagen, klein und gemütlich. Der 37-Jährige ist gebürtiger Hallenser und liebt die Stadt. Doch für seine Leidenschaft, die Elektromusik,  und die Club-Szene tue die Stadt nicht genug, kritisiert Micha Hübel. Erst vor ein paar Monaten wurde das "LaBim" geschlossen, eine Kulturoase mitten in der Stadt, mit Kino, Flohmärkten und Elektropartys. Der Grund: Die Stadt verkaufte zahlreiche Grundstücke an einen Leipziger Großinvestor, alle rund um das "LaBim" gelegen. Die Studenten der Stadt zitterten um einen ihrer Lieblingsclubs, Unterschriften wurden gesammelt – vergebens. Der Eigentümer des Grundstückes beschloss, ebenfalls zu verkaufen.

Gentrifizierung überall, "wieder ein Club weniger in der Stadt", seufzt Micha Hübel. Für die rund 21.000 Studenten bleiben zwei Elektro-Clubs, das "Charles Bronson" und das "Hühnermanhattan". Lächerlich im Vergleich mit der Clublandschaft anderer Uni-Städte mit ähnlichen Studentenzahlen.

"Die Musikszene in Halle hat unglaublich viel Potenzial, aber kein Ventil dafür", sagt der 37-Jährige. Jahrelang beobachtete der gelernte Veranstaltungskaufmann, wie gute DJs aus Halle und Umgebung nach Leipzig oder Berlin flohen, weil niemand ihrer Kunst Gehör schenkte.

Micha Hübel wollte das ändern und gründete darum mit seinem Partner Franz-Paul Senftleben den Podcast "From Halle with Love". Einmal im Monat legt für jeweils eine Stunde ein Elektro-DJ oder eine DJane aus Halle und Umgebung auf, die Website "From Halle with Love" macht ihre Musik bekannt, auch über Soundcloud und Instagram. Mehrere Tausend Menschen hören die Podcasts jeden Monat, kommt darauf an, wer auflegt.

"Halle ist eine Stadt für den zweiten Blick", sagt Micha Hübel. "Man muss genau hinsehen, um herauszufinden, was die Stadt besonders macht." Mit seinem Podcast möchte er genau das tun. Dafür sorgen, dass die Menschen genauer hinsehen und genauer hinhören. Und erkennen, welche Möglichkeiten in Halle schlummern.

Eine Stadt, deren Potenzial oft unerkannt bleibt. Man glaubt es Micha Hübel sofort.

Für den Abend empfiehlt er, zum "Hühnermanhattan" zu fahren. Die Studenten der Kunsthochschule "Burg Giebichenstein" haben eingeladen, es ist Burgparty. Und gefühlt die ganze Stadt ist gekommen. Vor dem alten Fabrikgelände stehen Hunderte Fahrräder. Hier fährt keiner mit dem Taxi zum Club. Im Innenhof brennt ein Lagerfeuer, rundherum stehen Menschen mit Bier und Falafeln. Der Schein des Feuers erleuchtet ein Baumhaus, in dem einige Studenten chillen, Glitzer und Neonfarben auf ihren Gesichtern. In den alten Fabrikhallen heizen die tanzenden, schwitzenden Körper die Luft immer weiter auf. DJs legen Elektro auf, ein paar Räume weiter heizt ein Rap-Trio der Menge ein. Viele tanzen barfuß, losgelöst zwischen rostigen Ofenrohren, Graffiti und Spinnweben an den Wänden. Die Luft riecht so intensiv nach Gras, als könnte man von nur einem Atemzug davon high werden. An der hohen Decke schweben Hunderte bunte, leuchtende Luftballons. Sieht man genauer hin, erkennt man: Es sind aufgeblasene Müllsäcke in Blau, Pink, Gelb, gefüllt mit Knicklichtern. Die Clubs in Berlin haben Laser und LED-Systeme. In Halle gibt es aufgeblasene Müllsäcke. Doch der Effekt ist nicht weniger spektakulär.

Weiter auf einen Absacker zum Reileck, ins "Zwei Zimmer, Küche, Bar". Im Innenhof der Bar glänzen Lichterketten, bald geht die Sonne auf. Barmann Gurni schenkt noch einen nach. "Halle, tja", sagt er schwärmerisch. "Halle hat kein Geld. Die Leute hier verdienen nichts. Aber sie lassen sich was einfallen. Und am Ende ist es immer wieder schön." Darauf einen Drink. Auf dich, Halle! Du brauchst keine Kohle, um etwas Besonderes zu sein. Du bist echt. Und absolut wunderbar.