Ein Wald aus Licht und Formen: Der Innenraum ist seit 2010 fertig. Keine Säule ist wie die andere, jede Form, jedes Detail hat eine Bedeutung. © Tim Langlotz für MERIAN

Das also ist der Wald, der dem Architekten vorschwebte: Baumstämmen ähnlich wachsen die Säulen in die Höhe, verändern ihre Form, gabeln sich, und von hoch oben fällt das Licht wie durch ein Blätterdach. "Vertrautheit mit Weite" sollte das Kirchenschiff der Sagrada Família suggerieren, so die Vorstellung Gaudís, von der er wusste, dass nicht er sie verwirklichen würde: Zu gigantisch war das Projekt, eine Aufgabe für Generationen. Durch das Kirchenschiff hallt das Dröhnen von Maschinen. Gerade ist man mit der ersten der Sakristeien beschäftigt, auch ein weiterer Turm ist schon im Bau.

Der riesige Innenraum – so groß, dass in der Vierung die Kirche Santa Maria del Mar Platz fände – ist seit 2010 vollendet. Dies sei so etwas wie ein Wunder, erklärte der damalige Chefarchitekt Jordi Bonet, als Papst Benedikt im Herbst jenen Jahres die Sagrada Família weihte. 128 Jahre waren vergangen, seit der Grundstein gelegt wurde, und Jordi Bonet hatte Zeiten erlebt, in denen man auf der Baustelle weniger mit Bauen beschäftigt war als damit, herauszufinden, wie man weiterbauen sollte: Es existierte kein Plan für diese unklassifizierbare Kirche, von der beim Tod ihres Schöpfers, 1926, gerade mal ein Zehntel stand: die eindrucksvolle "Geburtsfassade", ein Skulpturengewusel wie aus Erdreich geknetet, mit einem ihrer Türme. Antoni Gaudí hatte seinen Mitarbeitern vor allem detaillierte Gipsmodelle hinterlassen, und von diesen wurden viele bei Ausbruch des Bürgerkriegs 1936 zertrümmert, alle Skizzen und Schriften vernichtet. Nur was schon irgendwo veröffentlicht oder notiert war, zeugte noch von den Vorstellungen des Meisters.

Als Gaudís Mitarbeiter in den vierziger Jahren die Arbeit wieder aufnahmen, begannen sie also mit nicht viel mehr als einem Haufen Scherben. Überzeugt, dass darin sämtliche Informationen steckten, die man brauchte, um die Kirche zu vollenden, fingen sie wie Archäologen an, die Gipsmodelle wieder zusammenzusetzen, zu analysieren und interpretieren. Dabei gewannen sie so wertvolle Einblicke in Gaudís Denken, dass der heutige Chefarchitekt Jordi Faulí der Zerstörung auch Gutes abgewinnt. Was übrigens an Gaudís Halung erinnert – der begrüßte seinerzeit finanzielle Durststrecken, weil sie ihm Zeit gaben, für jedes Bauproblem eine wirklich neuartige Lösung zu finden.

Wie Kartografen vermaßen die Experten die Oberflächen, suchten nach den Entwurfsstrategien dahinter. Jedermann war klar, dass Antoni Gaudí "nichts einfach so tat", wie Faulí es ausdrückt: "Er war ein ernsthafter Mann." Gaudí hatte unzählige Studien und Experimente zu einzelnen Bauelementen gemacht und erklärt: "Ich berechne alles." Außerdem steckte er zwölf Jahre Arbeit in die Gipsmodelle. Zweifellos hatte er ein System – man musste es nur erkennen.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 08/2015 © MERIAN

Mithilfe modernster Software und in Zusammenarbeit mit Universitäten gelang es nach und nach tatsächlich, Gaudís Modus Operandi zu entschlüsseln. Zutage trat, was die Mitarbeiter des Meisters immer vertreten hatten: Hinter scheinbar frei fließenden Linien und organisch wirkenden Gebilden verbirgt sich strenge Rationalität. "Gaudí hat mithilfe von Geometrie Natur geschaffen", erklärt Faulí. Joan Maragall, Gaudís Zeitgenosse, nannte ihn einen "Poeten des Steins". Diese Poesie ist Ergebnis der Manipulation einer Handvoll geometrischer Formen. Hyperboloide etwa (Kühltürme von Kraftwerken haben diese Form) oder hyperbolische Paraboloide (sattelartige Wölbungen, wie man sie etwa bei Kartoffelchips findet). Gaudí hantierte mit diesen Formen so virtuos, weil er nach eigener Einschätzung die Fähigkeit hatte, "den Raum zu sehen". Ein Talent, das er als Sohn, Enkel und Urenkel von Kesselschmieden sozusagen in den Genen trug: "Geometrische Probleme gibt es für mich nicht."

Als Generalprobe für die Anwendung seiner Methoden in der Sagrada Família diente ihm ein kleines Kirchenprojekt in der Colonia Güell, einer Arbeitersiedlung vor den Toren Barcelonas. Gebaut wurde davon nur die Krypta, doch hier testete Gaudí, wie man in einem ausbalancierten Tragwerk die Kräfte auf schräg stehende, sich gabelnde Säulen verteilen muss, damit selbst eine riesige Kathedrale keine "Krücken" braucht, wie er die gotischen Strebebalken nannte. Stattdessen wollte er Licht und Leichtigkeit.