Schottland bestand in meiner jugendlichen Vorstellung aus drei Dingen: Johnnie Walker, Jackie Stewart und Sean Connery. Im Deutschland der 60er-Jahre trank man noch keine Malzwhiskys. Der Schotte Stewart gewann eine Formel-1-Weltmeisterschaft nach der anderen. Und wir imitierten mit Vorliebe die Nuschelstimme des vormaligen Edinburgher Maurergehilfen und Sargpolierers Sean Connery: Mein Name ist Bond. James Bond.

Wir erzählten uns natürlich Schottenwitze. Im Geschichtsunterricht kam der Norden Großbritanniens auch einmal vor, als Wiege der Aufklärung. Das machte bleibenden Eindruck auf mich. So ein winziges Land und so eine große Sache wie die Aufklärung.

Doch wenn mir jemand damals prophezeit hätte, dass die Heimat whiskytrinkender Dudelsackpfeifer und mit Hafer, Fett und Innereien gefüllte Schafsmägen verschlingender Kiltträger einmal mein Heimatland werden sollte, dass meine Kinder und Enkelkinder als kleine Schotten auf die Welt kommen würden, und dass ich auf meine alten Tage schottische Schafe züchten würde, hätte ich laut aufgelacht.

Trotzdem kam es so. Vielleicht, weil ich als Teenager zu viel Hemingway gelesen hatte. Der hatte zwar nichts mit Schottland zu tun, er war ein Mann des Südens. Doch was ihn vor meinem inneren Auge mit Schottland verband, war das Fischen. Fliegenfischen an perlenden Wildbächen, der alte Mann und das Meer. Wenn es ums Fischen ging, dachte ich an Lachse. Das klang fremd, geheimnisvoll, selten.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 08/2016 © MERIAN

1975 landete ich auf einer entlegenen Halbinsel, auf die man nur über ein einspuriges Sträßchen mit Ausweichplätzen gelangte. Es wand sich schier endlos an steilen Bergflanken und lang gestreckten Seen dahin. Der Ort an seinem Ende trug den seltsamen, aber, wie ich fand, wunderschönen Namen Achiltibuie – das man mit ganz weichem ch, der Betonung auf ui und einem Dehnungs-e ausspricht, sodass es fast wie feinmusikalisches Hochdeutsch klingt.

Die ersten Lachse, die ich sah, schnellten delfingleich aus einem schilfbesäumten Teich. Ihre Flanken glänzten silbern in der Sonne, bevor sie in spielerischen Bogen wieder in das Wasser tauchten. Aus dem See sprudelte ein kleiner Fluss zwischen heidebewachsenen Ufern über moorbraune, rundgeschliffene Steine zum Meer. Das Meer war tiefblau. Die Küstenfelsen rochen nach Tang. An ihnen hingen dicke Klumpen Miesmuscheln.