Die Landschaft war alt, uralt, wie aus einer anderen Ära der Erdgeschichte. Bergriesen wuchsen fast senkrecht aus der Heide. Sie bildeten kein Gebirge, sie sahen aus wie riesige Skulpturen, jeder Berg ein aus Urgestein gemeißelter Charakterschädel. Vierzig Jahre später entfährt mir immer noch ein "Wow", wenn sie im Licht der Abendsonne rotgold aufleuchten, oder wenn ihr schneebekapptes Ebenbild sich in stillen Moorseen spiegelt.

Ich wurde Lachsfischer. Nicht mit einer Rute in der Hand an einem Fluss stehend, sondern auf dem Meer, in einem winzigen Boot, von dem aus wir Netze auslegten, wenn die Fische im Sommer aus ihren Futtergründen im Nordatlantik in ihre Heimatflüsse zurückkehrten. Wir fingen sie zu Tausenden. Manche waren so schwer, dass wir sie zu zweit an Bord hievten. Das Jagdfieber trieb uns durch die Nacht. Ich hatte noch nie Nächte erlebt, in denen die Sonne erst kurz vor Mitternacht im Meer versank und drei Stunden später wieder auftauchte. Drei Stunden, in denen Abend- und Morgenröte in lichter Dämmerung den nördlichen Himmel färbten. Ich war an meinem Bestimmungsort angekommen.

Und in Achiltibuie, wo ich seit 1978 lebe, fand ich auch das Schottland der Aufklärung. Ich fand es in der Debattierlust, die mir neu war. Einer Meinung zu sein, war nicht gestattet. Oft saß ich bis tief in die Nacht bei Willie Muir, eines mir an Jahren und Redegewandtheit weit überlegenen Mannes, und führte mit Whisky befeuerte Streitgespräche. Er rauchte Gauloises. Vor ihm stand ein tellergroßer, in einen Gummireifen eingelassener Aschenbecher.

Oft verstand ich nur die Hälfte seiner mit der Intensität eines Bekenntnischristen vorgetragenen Interpretationen des wissenschaftlichen Materialismus und der Ideen Bernals. John Bernal war ein angesehener, doch umstrittener irischer Physiker und Molekularbiologe, der in seinen Ferien einmal Achiltibuie besucht und in demselben Stuhl, den ich jetzt einnahm, seine Theorien vertreten hatte. Was Willie Muir an ihm faszinierte, war – so denke ich heute – dessen unfügsames Wesen, eine Mischung aus Rationalismus und Eigensinn.

Diesen Geist eigenwilliger Unangepasstheit fand ich auch in Willie "Ruadh" Fraser, dem örtlichen Patriarchen des Clans, dem sich meine zukünftige Frau zurechnete, und in seiner Äußerung: "Ich bin ein Jakobiter, aber ich bin froh, dass die andere Seite gewann." 

Das Wort "zurechnen" und die rätselhafte Äußerung von Ruadh, was Gälisch ist und Rotschopf bedeutet, bedürfen einer Erklärung: Mit der Clanzugehörigkeit nehmen die meisten Schotten es nicht so genau, wie man sich das vorstellen mag. Willie Ruadh war ein Großonkel meiner Frau, aber sie kam mit dem Mädchennamen Gunn zur Welt. Den mag sie nicht. Die Gunns sind nordischer Abstammung. Schottland setzt sich im Großen und Ganzen aus drei Bevölkerungsgruppen zusammen, den irischstämmigen Kelten des Westens, den Angelsachsen des Ostens und den Abkömmlingen der Wikingerherrschaft im Norden.

Die Frasers kamen dagegen aus Frankreich nach Schottland. Sie hatten prominente Clanchefs mit Beinamen wie "Der Fuchs" und "Der graue Wolf". Das findet meine Frau viel romantischer als die Vergangenheit ihres eigentlichen Clans. Also rechnet sie sich den Frasers zu. Ihr Großonkel nahm auch mich in den Clan auf. Nicht formell oder in einer Zeremonie, sondern indem er zeit seines Lebens zu mir hielt.

Was uns zu den Jakobitern führt. Die Frasers unterstützten die Jakobiter, die aufrührerischen Anhänger des in der Thronfolge 1714 übergangenen Königshauses der Stuarts. Letztlich setzte sich die aufblühende Ideenwelt des modernen Schottland, will heißen die Aufklärung, gegen die reaktionären Stuarts durch. Doch die emotionalen Bande zerren am Bewusstsein.