Gigantische Pfeiler aus Stahlbeton tragen Fahrbahn und Schienenstrang der Schrägseilbrücke – am Scheitelpunkt 57 Meter hoch über dem Meer. © ultrakreativ - Fotolia.com für MERIAN

Sogar als Filmstar hat sie Furore gemacht. Mehr als drei Millionen Menschen sahen 2012 zu, als am späten Abend im ZDF die Öresundbrücke Titelheldin eines der finstersten skandinavischen Krimis wurde: Mitten auf der dänisch-schwedischen Grenze über dem Öresund liegen zwei halbe Leichen. So begann die Krimiserie "Die Brücke – Transit in den Tod".

Keine leichte Kost, nicht für die deutschen Zuschauer und erst recht nicht für die Dänen und Schweden, die im Thriller schon ein Jahr zuvor im Fernsehen erleben mussten, wie ihre Brücke gesperrt wurde. Die Vorstellung, die Verbindung zwischen Dänemark und Schweden könne unterbrochen werden, ist für sie schwer zu ertragen. Viel zu sehr bestimmt das Millenniumsbauwerk seit dem Jahr 2000 den Alltag der Region.

Überreif war in den neunziger Jahren die Zeit für eine ungehinderte feste Verbindung über den Sund. Seit 1958 gab es zwischen Dänemark und Schweden keine Grenzkontrollen mehr. Doch Kopenhagen und Malmö, nur 40 Kilometer voneinander entfernt, fristeten ein Königskinder-Dasein, während sich überall in Europa Metropolregionen bildeten.

Im März 1991 hatten die beiden Anrainerstaaten das gemeinsame Projekt beschlossen. Schon im Namen "Øresundsbron" fanden sich beide Länder wieder: links das dänische Ø, rechts das schwedische bron für "die Brücke".

Auf den ersten Blick hätte sich der Norden des Sunds für eine Querung angeboten. Keine vier Kilometer trennen Helsingør von Helsingborg, eine Verbindung, über die seit Jahrhunderten der Haupt-Transitverkehr zur skandinavischen Halbinsel verläuft. Doch die Musik spielt heute weiter südlich, in Dänemarks Kapitale Kopenhagen und Schwedens drittgrößter Stadt Malmö. Sie bilden den Kern der "Öresundregion", in der – großzügig ausgelegt – mit rund 3,9 Millionen Einwohnern mehr Menschen leben als in Berlin. Noch dazu ist Kopenhagen-Kastrup der größte Flughafen in Skandinavien.

Für die Brückenbauer erwies sich genau das aber als Problem: Der Flughafen liegt direkt am Meer, eine durchgehende Brücke wäre den Flugzeugen beim Starten und Landen im Weg gewesen. Wer heute im Landeanflug auf Kastrup zusteuert, kann die elegante Lösung aus dem Fenster erleben: Aus Schweden kommend, senkt sich die Brücke auf eine längliche Insel und verschwindet mitten im Meer einfach so im Erdreich. Erst direkt am Flughafen tauchen die Züge und Autos wieder aus dem Untergrund aus.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 07/2016 © MERIAN

Dass bei dieser ausgeklügelten Kombination aus Brücke und Tunnel auch die Durchfahrt für hohe Schiffe offen blieb, war dabei gar nicht ausschlaggebend: Schwimmende Kolosse mit einem Tiefgang von zehn Metern und mehr können den relativ flachen Öresund ohnehin nicht passieren, daher verläuft etwa die Route russischer Supertanker durch den tieferen Großen Belt.

Ab Ende 1995 wurde der Öresund zur gigantischen Baustelle. Es galt, einen vier Kilometer langen Tunnel unters Meer zu legen, eine künstliche Insel aufzuschütten, zwei über drei Kilometer lange Rampen zu errichten und eine 1.092 Meter lange Hochbrücke mit vier 206 Meter hohen Pylonen zu konstruieren, die nicht nur eine Fahrbahn, sondern darunter auch einen Schienenstrang für die Züge tragen mussten. Fast 16 Kilometer mussten von Küste zu Küste überwunden werden.

Während die Insel aufgeschüttet und die Tunnelrinne ausgehoben wurde, entstanden an Land die gigantischen Puzzleteile dieses Bauwerks: in Malmö die Fundamente und Pfeiler für die Brücke, in Karlskrona und im andalusischen Cádiz die Segmente für die Fahrbahn, in Kopenhagen die zwanzig Tunnelelemente. Die verschwanden nach und nach unter Wasser – erst auf dem Meeresgrund konnten sie aneinander montiert werden. Um die übrigen Stücke millimetergenau einzupassen, nahmen sich die Ingenieure den Schwimmkran "Svanen" zu Hilfe: Dieser "Schwan" ist ein gigantisches Kraftpaket, das auf dem Wasser ein Gewicht von über acht Tonnen stemmen kann und auch schon den Bau der Brücke über den Großen Belt ermöglicht hatte.