Von Giraffenherzen bis Pinguinzungen: Die Sammlung "Anatomie im Glas" zeigt meisterhaft präparierte Stücke. © Klaus Bossemeyer für MERIAN

So ein Wasserschwein ist kein Appetithäppchen. Das größte Nagetier der Welt wird immerhin über einen Meter lang und wiegt dann an die 50 Kilo. Die Anakonda aber reißt ihr Maul auf und macht sich über das Tier her. Halb hat sie es verschlungen, Kopf und Rumpf des Opfers sind schon in der Riesenschlange verschwunden.

Von Präparatoren lebensecht arrangiert, gehört diese Szene zu den beliebtesten des Senckenbergmuseums, gleichauf mit den Urelefanten und Urwalen und den haushohen Sauriern und ihren kleineren Verwandten. Nicht nur Triceratops und Tyrannosaurus sind die Stars der Ausstellung, sondern auch Seltenheiten wie der Schnabel-Dinosaurier Edmontosaurus, von dem weltweit nur drei komplette Exemplare bekannt waren – bis eines bei einem Schiffstransport zum zweiten Mal unterging. Oder der Ichthyosaurus, der mit einem Fötus im Körper versteinerte, und das weltweit einzige komplette Skelett der "Pflasterzahnechse" Placodus gigas, deren klobige Zähne ihr den Namen gaben.

Die belebte Welt und ihre Geschichte auf 6.000 Quadratmetern: Das Senckenberg-Naturmuseum, benannt nach dem Arzt und Stifter Johann Christian Senckenberg, ist ein Magnet für Kinder, Familien, Forscher, Studenten und alle anderen Naturfreunde. Rund eine halbe Million Menschen bewegen sich jedes Jahr zwischen Milliarden Jahre alten Urweltfaunen und gerade erst entdeckten südamerikanischen Fröschen.

Das Haus zeigt eine Welt der Tiere (und in bescheidenerem Maß auch der Pflanzen), die nicht nur Lebensräume, sondern auch Lebenszeiten umfasst, das Entstehen und Vergehen ganzer biologischer Epochen. Und schafft so eine Einordnung unserer Gegenwart: eine Welt, die geworden ist und vergehen wird, um sich in eine andere zu verwandeln.

Etliche Tausend Exponate sind in Frankfurt zu bewundern, und wer glaubt, das sei viel, sollte erst einmal die wissenschaftlichen Sammlungen des Hauses erleben: Rund 35 Millionen Pflanzen und Tiere, präpariert oder konserviert, dazu Fossilien und Gesteine lagern in Hallen und Kästen, in Schubladen und Vitrinen. Denn Senckenberg ist mehr als das, was man in Frankfurt bewundern kann. Insbesondere die Naturhistorischen Sammlungen Dresden, die teilweise auf das 16. Jahrhundert zurückgehen und seit 1991 zu Senckenberg gehören, haben die ohnehin schon gewaltige Sammlung am Main bereichert. Weitere Standorte finden sich etwa in Görlitz, Hamburg und Weimar.

Das alles aber wäre nur eine spektakulär inszenierte Sammelleidenschaft, wenn nicht noch etwas anderes dahintersteckte. Was man in Frankfurt sieht, ist das aufbereitete Wissen, das eine Riege von Forschern in allen Teilen der Welt zusammenträgt. Senckenberg beschäftigt etwa 300 Wissenschaftler in seinen Instituten und ist an Forschungsprojekten auf der ganzen Erde beteiligt. Im CeDA-Mar (Census of the Diversity of Abyssal Marine Life) etwa hat man in 17 Ländern die noch immer kaum bekannte Welt der Tiefsee erforscht. Denn um die sich verändernde Welt zu verstehen, muss man erst einmal herausfinden, woraus sie besteht: Mehr als 90 Prozent der geschätzt 100 Millionen Arten sind noch nicht beschrieben; Senckenbergs Forscher konnten das Unwissen immerhin um einige Hundert Spezies verringern.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 05/2016 © MERIAN

Selbst in den Höhen des Himalaja sind sie unterwegs. Das Tibetan-Plateau-Projekt untersucht die abgeschiedene Welt und die Veränderungen, die sie in den letzten Jahrhunderten durchgemacht hat, auch hier mit dem Ziel, daraus für die Gegenwart zu lernen. Die Sammlungen spielen dabei für die Forschung ebenfalls eine wichtige Rolle: Gerade die große Zahl der Objekte und der große Zeitraum ihrer Zusammenstellung machen sie zu einer Fundgrube bei der Erforschung von Variationen, Anpassungen, Evolutionsstrategien.

Diese Forschung ist für den Besucher des Museums noch fast unsichtbar. Doch das wird sich bald ändern. Schon heute zeigen Filme im hauseigenen Kino, was sich außerhalb der Schauräume abspielt. Man kann dann etwa miterleben, wie die Senckenberg-Forscherin Renate Rabenstein abgelegenste Orte erkundet, um herauszufinden, ob es noch irgendwo auf der Welt ein Biotop gibt, das jenem See gleicht, der vor 48 Millionen Jahren dort schwappte, wo heute die ehemalige Ölschiefergrube Messel liegt, jener Schatz der Paläontologen südlich von Frankfurt. Der Film zeigt Rabenstein, wie sie im Dschungel Boliviens Käfer, Krokodile und Schlangen beobachtet, die den Fossilien aus der Grube Messel gleichen. Auf Sumatra findet sie schließlich einen nur schwer erreichbaren und von Menschen noch kaum berührten See, der nahezu dieselben Merkmale wie der in Messel aufweist. Wissenschaftler Senckenbergs sind es auch, die vor Ort in der Grube Messel forschen. Und es waren die Senckenbergianer Jens Franzen und seine Kollegen, die in den Siebzigern und Achtzigern die Grube vor der Nutzung als Mülldeponie retteten. Heute ist sie Welterbe der UNESCO.