Wir sind auf dem Weg nach Seronera, als der Weg aufhört, einer zu sein. Der Regen fällt so stark, er scheint von unten zu kommen. Wie tausend tropfenförmige Nägel, die aus einem Holzbrett ragen. Das Funkgerät fängt an zu knistern. Ein Guide meldet, er habe sich im Matsch festgefahren, ein anderer, sein Camp werde wegen der Fluten geräumt. Der Rest redet immer noch über das Löwenrudel, von dem es heißt, es hätte gestern eine Giraffe gerissen. Lorry, unser Guide, kichert leise, während der Jeep sich durch den Schlamm wühlt. Tim, unser Fotograf, versucht derweil, das durch die Ritzen quellende Wasser in Schalen aufzufangen. Ich denke darüber nach, wie lange Löwen wohl an einer Giraffe nagen. Nur für den Fall, dass auch wir stecken bleiben und schieben müssen.

Regenzeit in der Serengeti. Früher als sonst ist sie über den Norden Tansanias hereingebrochen und hat das gelbliche Land grasgrün gefärbt. Als wir am Tag zuvor in die Ebene gefahren sind, sahen wir drei Gewitter Kilometer voneinander entfernt über ihr hängen. Ihre Blitze so weit weg, der Donner erreichte uns schon nicht mehr. Jetzt sind wir mittendrin und schlittern hinein nach Seronera, eine kleine Siedlung mitten im Nationalpark Serengeti. Nicht viel mehr als ein paar einstöckige Bungalows, eine staubige Landebahn und ein kahles Besucherzentrum, in dem wir Zuflucht vor dem Regen finden. An der Rezeption lungert ein müder Parkwächter. An der Wand hinter ihm baumelt ein Bild von Tansanias Präsidenten schief über einer Malerei mehrerer Gnus.

Wegen ihnen sind wir hier. Jedes Jahr laufen mehr als eine Million Streifengnus, begleitet von Zebras und Gazellen, von den Hängen des Ngorongoro durch die Serengeti bis nach Kenia und wieder zurück. Getrieben vom Hunger nach frischem Gras folgen sie dem Regen mehr als tausend Kilometer durch enge Schluchten, weite Prärien und Flüsse, in denen Krokodile auf sie lauern. Ihre Wanderung ist die gewaltigste Tiermigration der Erde. Sie gilt als das achte Weltwunder. Viele Gnus erliegen den Raubtieren, noch mehr der Erschöpfung. Sie laufen, bis sie umfallen. Und stehen meistens wieder auf. Das Gnu ist die verkörperte Hartnäckigkeit. Der schiere Wille zum Weitergehen.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 03/2016 © MERIAN

Große Fabeln hat es deswegen nie inspiriert. Das Gnu, heißt es in Tansania, sei ein Tier aus lauter Ersatzteilen: der Schwanz eines Pferdes, die kurzen Hinterbeine einer Hyäne, die Mähne eines Löwen, die Hörner einer Kuh und das Gesicht eines Grashüpfers. Und dann erst das Gehirn! Einen Kopf wie ein Gnu zu haben ist in Tansania eine sprichwörtliche Beleidigung. Politiker warnen in ihren Reden bisweilen das tansanische Volk davor, den Versprechungen ihrer Gegner ahnungslos wie Gnus zu folgen.

Dabei ist es gar nicht so einfach, selbst den Gnus zu folgen. Die Serengeti ist so groß wie Nordirland, da ist selbst die größte Herde der Welt bisweilen schwer zu finden. Ein paar Wochen zuvor haben noch Gnus in Seronera gegrast, jetzt sind auch sie weiter Richtung Süden gezogen. Am nächsten Tag versuchen wir sie einzuholen. Die Sonne hat die Wolken weggebrannt und steht nun hoch über der Savanne. Nicht einmal mehr Akazien spenden hier Schatten, nur kleine Inseln riesiger Felsbrocken, kopjes genannt, durchbrechen die Ebene.

Wir kurven durch die Leere, als auf einmal drei Geparden unseren Weg kreuzen. Aus den Augenwinkeln schauen sie kurz zu uns herüber und streifen dann so nah an der Stoßstange vorbei, dass wir ihre sehnigen Pfoten durchs Gras rascheln hören. Sind sie auch auf der Suche nach den Gnus?