"Woher kommst denn nu. Hier aus der Gegend?" Ich hatte diesen waschechten Berliner Michael beim Wandern auf der Schwäbischen Alb getroffen. "Stuttgart", antwortete ich. "Ach, das ist doch diese Stadt am Neckar? Und wie is es so in Stuttgart? Doof? Kenn ick nur vom Umsteigen."

"Dann komm halt mal nach Stuttgart", knurrte ich. "Ich zeig dir diese Stadt am Neckar. Sie ist viel besser als ihr Ruf bei euch Berlinern." 

Aber ich möchte schon jetzt die Gelegenheit beim Schopf packen und diesem nicht unsympathischen Umsteige-Berliner wie auch all den anderen, denen beim Stichwort Stuttgart nichts als tiefste Provinz, nichts los, kleinkariert, komischer Dialekt und dergleichen einfällt, erzählen, warum ich hier lebe. Und warum ich sehr gerne hier lebe.

Ich gebe ja zu: Diese Stadt im dichtbewohnten Kessel, an dessen Rändern vornehme Villen mit Gärten in die Halbhöhe hinaufwachsen, macht es einem nicht gerade leicht bei der ersten Begegnung. Eine Stadt sicherlich nicht für jedermann, schon gar nicht für einen schnellen Flirt, für was zwischendurch beim Umsteigen oder so. Einfach anbaggern kann man Stuttgart nicht, es ist nicht arm, aber sexy, sondern reich, aber spröde. Und es hat nun mal nicht diesen Enge-Gassen-altes-Fachwerk-ach-wie-romantisch-Charme, den Touristen gerne suchen.

Natürlich, Michael, Stuttgart hat lange nicht so viele Kneipen wie Berlin. Dafür kommt am Tresen einer Stuttgarter Besenwirtschaft auf eine Weinbestellung nicht die ungeduldige Frage "rot oder weiß?" Die Wirtin wird sich vielmehr freundlich erkundigen, ob’s ein Weißburgunder, Riesling, Lemberger oder Trollinger sein darf. Und möglicherweise sind die Weine in Stuttgarter Weinbergen gelesen.

Selbst die Industrie- und Handelskammer Stuttgart bewirtet ihre Gäste mit selbst angebautem Lemberger, aber nicht, lieber Michael, weil’s so "günschtiger isch". Wenn’s um schwäbische Sparsamkeit ginge, dann wären diese kammerlichen Selbstversorger mit ein paar Flaschen aus dem Laden nebenan besser bedient. Die IHK-Reben an den Steilhängen gleich neben dem Hauptbahnhof zu pflegen und im Herbst zu ernten, ist teuer und geht auf die Knochen. Einer der stadteigenen Weine heißt Cannstatter Zuckerle, ist aber nichts zum Lutschen, sondern eher was zum Schlotzen. So heißt das bei uns, wenn wir unser Viertele trinken. Aber das kriegt man natürlich nicht mit, wenn man in Stuttgart nur umsteigt.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 04/2018 © MERIAN

Doch, Stuttgart hat auch jenseits der Rebhänge seine schönen Ecken. Einer meiner Lieblingsorte ist der Schlossplatz mit dem Kunstmuseum und dem weitläufigen Schlossgarten mit Oper und Theater. Nicht zu vergessen die Stadtbibliothek, ein nachts geradezu magisch leuchtender Büchertempel von strenger Symmetrie, von dessen Dachterrasse man einen der schönsten Blicke über Stuttgart hat. Und auf keinen Fall sollte der architekturinteressierte Stuttgart-Besucher einen Abstecher zum restaurierten und umgebauten Wilhelmspalais am Charlottenplatz versäumen.  Die Stadt hat sich mit diesem Schmuckstückchen endlich ein Museum für Stadtgeschichte geschaffen. Und ein Stück Stadt repariert.

Weitere Reparaturen werden nötig sein, denn ein großer Teil der Innenstadt ist schlicht Bausünde, zerschnitten und zerfurcht von mehrspurigen Straßen. Stadtverwaltung und ein eigens gegründeter Verein haben nun große Pläne, diese Nachkriegsnarben im Stuttgarter Gesicht endlich zu entfernen. Noch liegen diese Pläne allerdings in stadteigenen Schubladen. Und dort bleiben sie vermutlich auch so lange, bis der Bahnhof endgültig tiefer gelegt ist.

Unser demnächst unterirdischer Hauptbahnhof und euer Berliner Flughafen, lieber Michael, haben übrigens mehr gemeinsam als den Verantwortlichen lieb sein kann: Beide werden nicht zu den angekündigten Terminen fertig, dafür aber um ein Vielfaches teurer als ursprünglich versprochen.