Herr Larson zählt Kühe. Als eben eine Herde in Sicht kam, unterbrach er unser Gespräch und konzentrierte sich ganz auf die Szenerie draußen. Die Marotte des Schweden, Rindviecher zu taxieren, stammt noch aus der Zeit, als ihm diverse Fleischfabriken gehörten. "Irgendwann begriff ich, dass ich mich allmählich zu Tode arbeite. Dann habe ich alles verkauft." Heute, mit 65, genießt er das Leben. Dazu gehören exklusive Reisen, die er mit seiner Frau unternimmt, wie diese Fahrt an Bord des laut Rovos Rail "most luxurous train of the world".

Man spart hier nicht mit Superlativen, und tatsächlich ist mein Abteil in diesem Zug namens "Pride of Africa", der Stolz Afrikas, spektakulär: Die De-luxe-Suite ist gut sechs Meter lang, umschließt eine mehr als ausreichend bemessene Liegewiese, am anderen Ende ein Bad mit Waschbecken, Toilette und Dusche, und hat dazwischen noch Platz für Schrank, Schreibtisch und zwei Sessel. Die Vertäfelung in Mahagoni, eine Holzklasse für sich. Und es geht noch geräumiger, doch auf unserem Trip bleiben die Royal Suites mit den Wannenbädern unbelegt.

In drei Tagen fahren wir von Durban nach Pretoria. Aber was heißt hier schon "fahren"? Ein ICE fährt die mit etwa 700 Kilometer ähnlich lange Strecke von Hamburg nach Stuttgart in gut fünf Stunden. Unser Zug lässt sich Zeit. Tagsüber rollt er ohne jede Hast, nachts ruht er sich aus. Unterwegs ist sein Fahrplan so verbindlich wie eine Sonnenuhr unter Wolken, denn fast immer hat der öffentliche Schienenverkehr Vorrang.

Warum sich eigentlich nicht an Züge hängen, die ohnehin fahren? 1985 kam der damals 39-jährige Rohan Vos auf die Idee, ausrangierte Bahnwaggons in komfortable Unterkünfte zu verwandeln und als Caravans für seine Familie durch Südafrika ziehen zu lassen. Die Umbauten waren für den Autoteilehändler und begeisterten Schrauber aus Witbank kein Problem. Anders als die Staatsbahn, die reichlich Tribut für den Schlepp forderte. Man verhandelte, bis Vos die Erlaubnis erhielt, selbst Tickets anzubieten. Wenn, dann richtig, dachte er sich und restaurierte eine Dampflok, gebaut 1938 bei Borsig in Berlin. Im April 1989 schnaufte die alte Lady mit sieben Waggons ins damalige Eastern-Transvaal – an Bord Familienangehörige, Freunde und gerade mal vier zahlende Fahrgäste. Rovos Rail war geboren.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 03/2016 © MERIAN

Da das Interesse zahlungswilliger Passagiere überschaubar blieb, rangierte die junge Gesellschaft anfangs am Rand der Insolvenz. In Europa war sie kaum bekannt, anders als der südafrikanische Luxuszug schlechthin: der Blue Train, der seit 1923 zwischen Kapstadt und Pretoria verkehrt. Erst als Rovos Rail ab 1994 auch Fahrten zu den Victoriafällen anbot, nahm die Zahl der Buchungen spürbar zu.

Am Anfang unserer Reise ziehen Wellblechhütten und Müllberge an uns vorbei. Kinder unterbrechen ihr Spiel und winken, ein Typ ruft mir von der Böschung aus zu: "Ey man, that’s a beautiful train!" Dabei grinst er breit und reckt den Daumen. Er hat recht – und ich ein schlechtes Gewissen. Ich ziehe im "Pride of Africa" an ihnen, den Afrikanern, vorbei. Der aus dem Fenster schauende Europäer ist Teil einer völlig anderen Welt, die mit der ihren anscheinend nicht das Geringste zu tun hat und mit erhabenem Rauschen in die Ferne entschwindet.

Unser in dunkelgrün und creme gestrichener Nostalgiezug ist, ohne die beiden E-Loks, 330 Meter lang und hat damit eine ähnliche Länge wie der berühmte Blue Train. Der allerdings transportiert bis zu 74 Passagiere, bei uns sind gerade einmal 24 Fahrgäste an Bord. Auch Rovos fährt mit bis zu 72 Passagieren, aber dann werden noch sechs Waggons angehängt, und der Zug misst fast einen halben Kilometer.