Jan-Erik Ritzman ist 73 Jahre alt und ein Star der Glaskunst. Seit Jahrzehnten tourt er als Lehrer durch die Welt, war schon in Japan, den USA, Stipendiaten aus aller Welt wollen bei ihm hospitieren. Um ihn zu besuchen, müssen sie allerdings zuerst die knirschende Schotterpiste finden, die nahe dem Ort Kosta von der asphaltierten Straße abzweigt. Sie führt zu einigen Holzhäusern, hinter Bäumen versteckt. Wie in einem Feenreich fühlt man sich hier: Unter hellen Pappeln leuchten große bunte Pilze aus Glas, auf einem Teich treiben bunte Kugeln.

Ein Kiesweg führt zu einem kleinen Laden. In den Fenstern stehen Skulpturen und Vasen in weich geschwungenen Formen. Sie sind durchsetzt von Luftblasen, durch einige ziehen sich spiralförmig gewundene farbige Netze. Wie um alles in der Welt macht man so was? Der Weg führt weiter zu einem großen Haus, das wie eine Scheune aussieht. Die vordere Seite besteht aus großen Fenstern, vom Boden aus vielleicht vier Meter hoch: Transjö Hytta, die Werkstatt von Jan­-Erik Ritzman.

"Hier kam mal ein Paar aus Basel mit zwei kleinen Töchtern an – die dachten, wir seien Zauberer", erzählt drinnen der Glasbläser Dan Clausen und lacht. "Kann man ja auch verstehen: Wir holen glühende Klumpen aus dem Feuer, und da kommen dann solche Sachen bei heraus." Clausen ist 40 Jahre alt, lange blonde Haare und langer blonder Bart, das graue T­-Shirt wölbt sich über einem Bäuchlein. "Du brauchst ein ganzes Leben, bis du die Technik gelernt hast", sagt er und zeigt über die Schulter zu Jan­-Erik Ritzman, der das Unternehmen 1982 mitgegründet hat.

"In seinem Alter sind viele längst in Rente, aber Jan­-Erik hat mit 70 gesagt: ›Nee, ich kann doch jetzt nicht aufhören, ich habe doch gerade erst angefangen!‹" Ritzman macht gerade eine Schale und zeigt den Trick, wie die farbigen Muster ins Glas kommen: Er modelliert mittels einer Gussform einen gerippten Konus aus glühendem Glas, wälzt ihn in einer Schale mit Farbpigmenten und dreht das Ende mit einer Zange, sodass die farbigen Linien sich spiralförmig drehen.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 07/2016 © MERIAN

Ritzman zieht seine Arbeitshandschuhe aus, Zeit für ein biss­chen frische Luft. Viele Reisende kommen nach Schweden, um die Schönheit der Natur zu genießen, er ist hier geboren und aufgewachsen: Genießt er es noch, hier zu leben? "Natürlich, es ist fantastisch", sagt er, während er auf einen großen See zugeht, hinter dem ein dichter Kiefernwald beginnt. Ritzman wirkt beschwingt, die Augen hinter der schmalen Brille sind fröhlich und wach. Müsste nicht auch mal jemand nach dem Laden schauen? Er lächelt und winkt ab. "Wenn Leute das Geschäft sehen wollen, kommen sie in die Werkstatt, und jemand gibt ihnen den Schlüssel", sagt er. Mo­ment mal – da stehen Objekte, die kosten 900 Euro! Ritzman zuckt mit den Schul­tern. "Es hat noch nie jemand was geklaut." Er scheint kein Mann zu sein, der irgendwann einmal Probleme mit seinem Blutdruck bekommt.

Es ist aber auch eine Gegend, die sich in ihrer Abgelegenheit für Stress überhaupt nicht eignet. Die Transjö Hytta ist eine der bekanntesten Manufakturen im glasriket, dem Glasreich im Süden Schwedens, berühmt für das Können seiner Handwerker. Wer mit der Fähre nach Trelleborg reist, gelangt über eine stille Bundesstraße hierhin. Abbiegen muss man nur selten, tatsächlich sagt die Frau im Navigationssystem einen Satz, den man abseits der Autobahn nur sehr sel­ten hört: "Bitte dem Straßenverlauf für 100 Kilometer folgen." Dunkle Wälder ziehen vorbei, moosbewachsene Felsen, mal ein See, Sümpfe, noch mehr Felsen, noch mehr Wälder. Während der ersten 20 Kilometer machen die Gedanken sich noch selbstständig, danach trollen sie sich. Das Autofahren wird zur Meditation im fünften Gang.