Brücke zur Kunst: Wie ein Laufsteg führt die Millennium Bridge zur Tate Modern in Southwark. © Isabela Pacini für MERIAN

Eine neun Meter große Spinne bannt meinen Blick. Meine Augen ruhen auf ihrem prallen metallenen Sack voll marmorierter Eier. Ich stelle mir vor, wie der Beutel gleich aufplatzt, der ungeschlüpfte Nachwuchs der Spinne auf meinen Schädel regnet und ich eines absurden Todes sterben werde. Ich bin zwölf Jahre alt und wie versteinert von der Erhabenheit dieses Tieres.

Das ist meine erste Erinnerung an die Tate Gallery of Modern Art. Ich stand damals vor "Maman", einer Skulptur von Louise Bourgeois. Die imposante Arbeit aus Stahl und Marmor gab die Richtung vor für einen der außergewöhnlichsten und extravagantesten Ausstellungsorte der Welt. Seine Bedeutung ist heute nur vergleichbar mit der des MoMA in New York oder des Centre Pompidou in Paris. Bei einem Spaziergang durch die Tate Modern steht man Werken einiger der wichtigsten Künstler aller Zeiten gegenüber: Warhol, Picasso, Monet, Dalí, Pollock, Ray, Rothko und viele andere. 2017 besuchten etwa sechs Millionen Menschen das Museum, seit seiner Eröffnung im Jahr 2000, als ich zum ersten Mal auf Bourgeois’ furchteinflößende Skulptur blickte, hat es sich mit rasanter Geschwindigkeit zu einem Fixpunkt der Londoner Kulturlandschaft entwickelt.

Wie man sich solch einem Riesen von einem Museum am besten nähert? Mit genug Zeit – schon auf dem Weg zum Eingang. Wer von der St Paul’s Cathedral auf der Millennium Bridge die Themse überquert, hat einen unverstellten Blick auf das ehemalige Kraftwerk, in dem die Tate Modern zu Hause ist. Die Backsteinfassade und der fast hundert Meter hohe Schornstein in der Mitte wurden ab 1947 von Sir Giles Gilbert Scott entworfen – der sich übrigens auch das Design der alten roten Telefonzellen ausdachte. Wie der Geschmack eines guten Weins oder eines großen Stücks dunkler Schokolade sollte man diesen Moment genießen.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 08/2018 © MERIAN

Hat man dann schließlich den Eingang erreicht, findet man dahinter ein Museum, das Besucher mit seiner hochkarätigen Sammlung nicht einschüchtern will. Von niemandem wird hier erwartet, mit gedämpfter Stimme zu sprechen, als ob die großen Meister Alltagssprache nicht aushalten würden. Einer der Gründe für die Beliebtheit der Tate Modern ist vielmehr, dass sie geholfen hat, zeitgenössische Kunst für ein breites Publikum zu öffnen. Es herrscht Betrieb in der Tate Modern, es ist laut, und es liegt eine besondere Energie in der Luft, ein Gefühl von Unmittelbarkeit – was gerade in der Kunstwelt wichtig ist –, aber auch ein Gefühl von Spaß.

Besonders die "Turbine Hall" ist voll von Leben. Als ich letzten Monat dort war, kam ich kaum voran, so viele Kinder rannten hier herum, erkundeten und spielten. An einem Ende der Halle steigt der Boden an, ein langer Hang, auf dem unzählige Pärchen, Schulklassen und Reisegruppen in der Mittagssonne saßen. Dieses Museum hat eine fast greifbare Ausstrahlung von Akzeptanz. Ich kann mich an keinen einzigen Besuch erinnern, bei dem ich hier nicht mit jemandem ins Gespräch kam, und so gut wie immer waren es die ausgestellten Kunstwerke, über die ich mich mit völlig Fremden unterhielt.

Später an diesem Tag schaute ich zum Beispiel nachdenklich auf Robert Rymans "Ledger". Ein Bild, komplett überzogen von weißer Farbe mit ganz leichten Spuren von Pinselstrichen an der Oberfläche. Auf einmal stupste mich eine junge Frau am Arm und fragte, was das bedeute. Ich schaute zurück auf das Bild, kniff die Augen zusammen und wandte mich wieder der blonden Dame zu. "Ich weiß nicht", antwortete ich ehrlich. "Ich auch nicht!", sagte sie. Wir fingen beide an zu lachen. Die Tate Modern hat die Stimmung einer kleinen Kunstgalerie, dabei sind ihr Budget und ihr Ruf groß genug, um Besucher aus der ganzen Welt anzulocken.

Entspannen Sie Ihren Verstand

Mein Lieblingsraum ist nicht weit vom "Ledger" entfernt. Der Rothko-Raum liegt so versteckt im ersten Stock des "Boiler House", dass man ihn erstaunlich leicht verpassen kann. Er ist verhältnismäßig klein und bescheiden, so wie Rothko es wollte, mit gedämpfter Beleuchtung und einer merklich kühleren Temperatur (Ich habe nie herausgefunden, ob dies tatsächlich der Fall ist, oder ich es mir nur einbilde, aber wenn Sie hineingehen, werden Sie merken, was ich meine: Es fühlt sich anders an.).

Die Gemälde sind groß, dunkel und zutiefst berührend. "Black on Maroon" von 1959 ist besonders atemberaubend. Ich rate Ihnen, so nah wie möglich an die Leinwand heranzutreten. Nicht um die Abdrücke der Pinselstriche oder die Schichten der Farbe zu inspizieren, sondern um sich in dem Werk zu verlieren. Entspannen Sie Ihren Verstand. Sie werden überrascht sein, wie friedlich und bewegend diese nur oberflächlich simplen Kunstwerke sein können.

Beim Verlassen des Raums stehen Sie plötzlich vor einer gigantischen Leinwand voller Seerosen von Claude Monet. Die Arbeiten des Impressionisten inspirierten Rothko etwa vierzig Jahre später bei seiner Arbeit. Die Kuratoren der Tate scheren sich wenig um Chronologien. Mehr noch, sie haben es sich sogar zum Ziel gesetzt, hierarchische Abfolgen abzuschaffen.

"Was ich an dieser Sammlung wirklich liebe, ist ihre Polyfonie", erzählt mir Frances Morris. Die 59-jährige Frau mit dem kurzen, leicht gräulichen Haar und dem warmen Lächeln ist die Direktorin der Tate Modern. Sie hat dabei geholfen, das Museum von alten Traditionen zu befreien, etwa indem sie gegen die Praxis chronologischer Hängungen argumentierte. "Ich liebe es, wie man auf ein bestimmtes Kunstwerk wie Picassos "Weeping Woman" einen Scheinwerfer richten oder aber es in den Kontext einer afrikanischen Arbeit aus den siebziger Jahren setzen kann, um einen fantastischen Dialog zu entfachen. Ich habe viele Freunde und Favoriten in dieser Sammlung, und ich lasse sie gerne miteinander sprechen."

Frances Morris ist ein Eigengewächs der Tate Modern. 1987 fing sie als Kuratorin hier an und arbeitete sich dann hoch, heute ist sie als Künstlerische Leiterin die erste Frau an der Spitze des Museums. Die großen Museen Europas und der USA zeigen nur etwa zu fünf Prozent Werke weiblicher Künstler, und Morris setzt sich dafür ein, diese Ungleichheit zumindest innerhalb der Tate Modern zu beseitigen. Sie hat eine klare Vision für die Zukunft. "Ich möchte, dass die Tate Modern ihr Verhältnis zu Konventionen beibehält", sagt sie. "Ein bisschen der Zeit voraus sein, innovativ bleiben, Fragen stellen, das Unsammelbare sammeln, jederzeit das machen, das unmöglich erscheint."

Der jüngste Baustein dieses Plans ist das "Switch House", eine unförmige Pyramide aus Stein und Glas, benannt nach dem ehemaligen Umspannwerk, auf dessen Grund es errichtet wurde. 2016 öffnete das Switch House seine Türen, es ragt 65 Meter hoch in den Himmel und vergrößert die Ausstellungsfläche des Museums um 60 Prozent – Platz für mehr zeitgenössische Kunst und mehr Performance Art, aber auch für einen Buchladen, ein Café, ein Restaurant und eine Aussichtsplattform.

Als wäre das Gebäude eine Schildwache

Wenn die Sonne untergeht, wird man dort oben mit einem spektakulären Blick über die Themse belohnt. London wirkt dann, als wäre es vergoldet, und der Fluss schimmert so orange, als sei er ein See aus Honig oder geschmolzenem Stahl. Die ganze Stadt – ein einziges Kunstwerk. Die Steine in der Fassade des Switch House sind so angeordnet, dass sie wie ein Kettenhemd aussehen, als wäre das Gebäude eine Schildwache gegen die von der City heranrückenden, seelenlosen Gebäude aus Glas am anderen Ufer der Themse.

Am Tag der Eröffnung wartete ich geduldig mit tausend anderen neugierigen Menschen. Es war ein ungewöhnlich warmer Junitag, und wir standen dicht gedrängt, aber nicht einmal die drückende Hitze und stundenlange Wartezeit konnten uns Londoner davon abhalten, auf diesen eigenartigen neuen Kunsttempel in unserer Stadt zu klettern. Das Blavatnik Building, wie man das Switch House später offiziell nach einem spendablen Milliardär taufte, wurde wie die Restaurierung des Kraftwerks nebenan von dem Schweizer Studio Herzog & de Meuron geplant. Die gleichen Architekten entwarfen auch die 2012 eröffneten "Tanks", die sich direkt unter dem Switch House befinden. Die riesigen Zylinder bargen einst das Öl, das bis in die achtziger Jahre die Turbinen des Kraftwerks antrieb. Jetzt haben sie einen neuen Zweck und dienen als Ausstellungsfläche für interaktive Live-Kunst – die erste ihrer Art in einem Museum. Die visionäre US-amerikanische Künstlerin Joan Jonas trat hier jüngst auf und zeigte die Höhepunkte ihrer Zusammenarbeit mit dem berühmten Jazz-Pianisten Jason Moran.

Bei meinem letzten Besuch in der Tate Modern ging ich wie immer zu dem Raum mit Rothkos Bildern. Aber dieses Mal war etwas anders. Während ich die Gemälde bewunderte, schwebte eine Stimme, die ich noch nie gehört hatte, von weit
entfernt zu mir hinüber – eine zarte, weiche, himmlische Stimme wie singendes Glas. Aber sie klang nicht gutmütig. Sie hörte sich an wie eine quälende Sirene.

Verstört, aber neugierig ließ ich Rothko zurück und lief auf der Suche nach der Stimme durch die gewundenen Gänge der Tate Modern. Die Stimme hatte einen besonderen Rhythmus. Manchmal verhallte sie mitten im Lied, dann wieder machte sie lange Pausen, und ich musste jedes Mal warten, bevor ich ihre Spur wieder aufnehmen konnte. Schließlich sah ich eine alte Frau in der Ecke eines weißen Raums. Als sich unsere Augen trafen, drehte sie sich zur Wand und sang mit der gleichen hohen, zierlichen Stimme: "This is propaganda, you know, you know; this is propaganda." Dann drehte sie sich wieder zu mir und sang noch einmal "you know, you know", bevor sie in normaler Stimme erklärte: "Tino Sehgal, This is propaganda, 2002."

Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was gerade passiert war. Ich ging zu ihr herüber, aber sie drehte sich weg und begann wieder in die Wand zu singen. Das passierte wieder und wieder. Schnell merkte ich, dass sie immer sang, wenn jemand den Raum betrat. Ich wartete also, bis ich sicher war, dass niemand gleich hineinplatzen würde, bevor ich schließlich mit ihr sprach. In dem kurzen Moment, den wir zusammen hatten, erzählte sie mir, dass sie keine Künstlerin sei, sondern eine Museumsführerin. Sie habe sich freiwillig gemeldet, dieses Lied zu singen – ein Werk des Londoner Künstlers Tino Sehgal.

Wie sie sich dabei fühle, fragte ich die Frau. "Ziemlich mit mir im Reinen", sagte sie, "es ist sehr hypnotisch." Mir jage es eine Heidenangst ein, erzählte ich ihr. Sie brach in Gelächter aus, bevor sie schnell wieder zu singen anfing. Ich war in dieses Museum gekommen, um ein Gemälde zu bewundern, das ich schon hundert Mal gesehen hatte, aber genau jetzt, als ich sie wieder ihrem Lied überließ, wusste ich, dass Begegnungen wie genau diese der Grund dafür sind, dass ich dieses Museum so sehr liebe.