Ylber Loka rattert auf seiner Honda C90 durch die Rushhour. Er schlängelt sich mit dem Motorrad durch den morgendlichen Stau, quetscht sich vorbei an den Rücklichtern der roten Doppeldeckerbusse, und wenn gar nichts mehr geht, steigt er auch mal ab und schiebt seine Honda über den Bürgersteig. Es gibt kein Anhalten, das ist Lokas Credo, nicht im Leben und nicht im Verkehr. Obwohl beides für ihn eigentlich das Gleiche ist.

Manchmal ruft Loka dabei laut die Namen der Straßen, über die er brettert, durch die Häuserschluchten: "Gracechurch Street! Bishopsgate! Threadneedle Street! Old Broad Street! Austin Friars!" Und als er die Honda schließlich doch vor einer schmalen Stadtvilla zwischen den Wolkenkratzern abstellt und sich den Helm vom rabenschwarzen Haar zieht, wiederholt er noch einmal die Wegbeschreibung. Er kann nicht anders.

Loka will Taxifahrer werden und lernt für die Aufnahmeprüfungen. Während in Deutschland ein einmaliger Ortskundetest zum Erhalt der Lizenz genügen kann, müssen Anwärter in London eine ganze Reihe brutaler Examen bestehen, bevor sie sich hinters Steuer der legendären schwarzen Taxis setzen dürfen. Durchschnittlich brauchen Schüler dafür zwischen drei und vier Jahren. Um überhaupt eine Chance zu haben, müssen sie sich den Londoner Stadtplan mit seinen rund 25.000 Straßen und 10.000 Sehenswürdigkeiten einprägen. Und zwar nicht nur Wahrzeichen wie Tower Bridge und Buckingham Palace, sondern auch Hotels, Restaurants, Krankenhäuser, Botschaften, Kirchen, Theater, Friedhöfe – einfach jeden Ort, an den ein Fahrgast vielleicht gebracht werden möchte. Und natürlich die kürzesten Routen dazwischen. Deswegen gilt die Londoner Taxifahrerprüfung als einer der härtesten Tests der Welt. Genannt wird er selbst offiziell einfach nur: "The Knowledge" – "das Wissen".

Seit dreieinhalb Jahren lernt Loka schon dafür, aber er ist noch lange nicht fertig. Der 33-jährige Albaner kam zum Studium nach England, hat zwei Abschlüsse in Politikwissenschaften und Sportmanagement – "aber das war ein Kinderspiel", sagt er. "Das hier ist das Härteste, was ich je gemacht habe." Morgens schält sich Loka um sechs Uhr aus dem Bett, um vor seiner Schicht als Sushikoch ein paar Stunden mit der Honda durch die Stadt zu fahren und sich Routen und Orte einzuprägen. Heute sind die "Livery Halls" dran, die Räume der mehr als hundert ehrwürdigen Zünfte, die zum Teil schon seit dem Mittelalter bestehen. Über dem Eingang der Stadtvilla, vor der Loka seine Honda abgestellt hat, weht die Fahne der Möbelmachergilde. Es gebe da einen alten Prüfer, erzählt Loka, der die angehenden Taxifahrer immer darum bitten würde, von einer Zunft zur nächsten zu fahren – was gar nicht so einfach sei. "Hier im Stadtzentrum ist immer viel los, und wenn man nicht die Gassen und Abkürzungen kennt, steckt man ewig fest." 

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 08/2018 © MERIAN

Das Herz Londons, dieser Megametropole mit fast neun Millionen Einwohnern, ist ein verwirrender Ort. Nördlich der Themse wuchert ein wildes Labyrinth voller Einbahnstraßen, Sackgassen und versteckter Schätze wie etwa den prächtigen Zunfthäusern. Seit mehr als 150 Jahren müssen "Cabbies", wie Taxifahrer hier heißen, deswegen für das Knowledge büffeln. Es war der viktorianische Polizeipräsident Sir Richard Mayne, der die berüchtigte Prüfung ins Leben rief. Zu viele Fahrgäste hatten sich während der Weltausstellung von 1851 darüber beschwert, dass die Taxifahrer sich mit ihren Droschken verfahren hätten, und so erklärte Mayne, dass jeder Kutscher London ab sofort wie sein eigenes Wohnzimmer kennen müsse. Eine Reihe von Musterrouten wurde ausgewählt, die jeder Taxifahrer im Schlaf beherrschen sollte.

Die Musterrouten gibt es immer noch. 320 Strecken stehen heute im sogenannten Blue Book, das mittlerweile pink ist. Das Blue Book ist die Bibel der "Knowledge Boys and Girls", wie Schüler des Tests genannt werden. Sie müssen aber nicht nur die Routen auswendig lernen, sondern auch im Umkreis einer Viertelmeile von Start und Ziel jede Sehenswürdigkeit kennen, bevor sie den schriftlichen Multiple-Choice-Test mit seinen dreißig Fragen bestehen können. Und das ist erst der Anfang.

Denn wer das schriftliche Examen schafft, auf den warten die mündlichen Prüfungen. Das Blue Book bringt einen bloß durch den äußersten Kreis der Hölle. Es folgen die "Appearances", die anfangs in einem Abstand von 56 Tagen stattfinden. Der Prüfer gibt dem Kandidaten dabei zwei Punkte, die irgendwo innerhalb eines Radius von sechs Meilen um die Kreuzung Charing Cross im Zentrum Londons liegen. Der Kandidat muss dann die kürzeste Route zwischen diesen beiden Orten aufsagen. Je näher er der Ideallinie kommt, desto mehr Punkte erhält er. Wer einen Ort nicht kennt, verliert Punkte. Wer falsch abbiegt, verliert Punkte. Wer nicht rechts des Ziels anhält, sodass auch Behinderte sicher das Taxi verlassen können, verliert Punkte. Wer auch nur zögert – Punktabzug.