Das Milliarden-Sterne-Haus – Seite 1

Daniel Padrón klebt vor seinem Computerbildschirm, aber er surft nicht im weltweiten Netz, sondern im Universum. Im echten. Seine Augen haften auf dem Bildschirm, verfolgen einen winzigen weißen Punkt. Es ist der Komet namens "Johnson V2", der erst kürzlich entdeckt wurde und gerade in rund zweihundert Millionen Kilometern Entfernung um die Sonne schießt. Padrón legt einige elektronische Filter über das grauweiße Bild, bis eine helle Spur erkennbar wird. "Der Schweif", sagt er. "Er kann mehrere Millionen Kilometer lang werden."

Da oben in unendlichen Weiten nähert sich dieser Komet gerade jetzt auf seinem Orbit der Sonne, er schmilzt vor sich hin, löst sich auf, ionisiert. "Eines Tages ist er verschwunden", sagt Padrón. "Vielleicht in tausend Jahren." 

Es ist weit nach Mitternacht am höchsten Gipfel Teneriffas, doch für die wenigen Menschen, die noch am Observatorio del Teide weilen, schlagen jetzt die wichtigsten Stunden des Tages. Auch der junge Astronom Padrón wird noch lange vor seinem Rechner sitzen und die weißen Pünktchen betrachten, die das Teleskop IAC-80 ihm liefert. Tausende Bilder macht das Okular des Sternenauges in dieser Nacht, die Computer sammeln Millionen Daten, um mehr über den fernen Kometen zu erfahren.

Es ist eine entrückte Arbeit. Abstrakt und mathematisch, aber letztlich doch konkret und echt. Im Universum lesen. Die Himmelskörper da oben erkennen, verfolgen und verstehen. Eine knifflige Angelegenheit. Denn das einzige, das den Astronomen dafür zur Verfügung steht, ist das Licht, das die Erde aus den Tiefen des Weltalls erreicht. Bündel elektromagnetischer Strahlen, mehr nicht.

Das Instituto de Astrofísica de Canarias betreibt hier oben auf dem Teide eine der wichtigsten Sternwarten der Welt. Die Lage ist ihr größter Vorteil: 85 Prozent aller Nächte hier oben sind sternenklar, die Wolken liegen meist tiefer und schirmen alles künstliche Licht ab. Der Teide ist dann einer der dunkelsten Orte der Erde. Um die Sterne besser beobachten zu können, ist sogar der Luftraum über dem Vulkan gesperrt. Der perfekte Ort, um tiefe Blicke ins All zu werfen.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 11/2017 © MERIAN

Je nach Reflektion und Winkel zur Sonne kann das aus dem Weltraum empfangene Licht viel über Kometen und Asteroiden verraten. Wie schnell sind sie? Rotieren sie gleichmäßig oder taumeln sie durchs All? Verlassen sie ihren Orbit? Könnten sie eines Tages der Erde nahe kommen, gar mit ihr kollidieren? Und woraus bestehen sie: Wasser, Silizium, Uran? Könnten wir sie eines Tages als Energiequelle anzapfen? Die Astronomen gehen vielen Fragen nach, teils in jahrelanger Sisyphusarbeit.

Etwa 20 Nationen betreiben verschiedenste Teleskope am Teide und führen zahlreiche Experimente durch. Sie messen Eruptionen der Sonne, suchen nach Exoplaneten oder versuchen, beim "Experimento Quijote" anhand radioteleskopischer Messungen die Reststrahlung des Urknalls aufzuspüren. Die Europäische Weltraumorganisation ESA führt am Teide eine "Optical Ground Station". Hier wird die lasergestützte Satellitenkommunikation vorangetrieben, und Forscher verfolgen selbst zehn Zentimeter kleine Teile Weltraumschrott, die um die Erde rasen und der Internationalen Weltraumstation gefährlich werden könnten.

Alle sind wohl Sternenverrückte hier

Padrón, 27, sitzt in seinem Kontrollraum, überall stehen Monitore auf den Tischen, Computer, Anzeigen, Bildschirme. Koordinaten flackern auf, ellenlange Zahlenreihen, Parameter und Perioden. Es sind die Positionsangaben von Sternen und Asteroiden, Berechnungen von Umlaufbahnen und Entfernungen zur Sonne. "Etwa tausend der wichtigsten Asteroiden kennen wir bereits recht gut, hinzu kommen um die zwanzig Kometen, die wir jedes Jahr entdecken", sagt er. "Unser Ziel ist es, sie genauer zu charakterisieren. Denn sie könnten uns etwas Neues darüber verraten, wie das Universum entstanden ist."

Noch drei weitere Stunden widmet sich Padrón seiner Arbeit. Dann fährt er die Systeme runter, verlässt das Teleskop und tritt hinaus – über ihm der von Milliarden Sternen übersäte Nachthimmel. Fünf Minuten zu Fuß sind es bis zum Hauptgebäude der Sternwarte, und nun, um vier Uhr morgens, kippt auch Daniel Padrón endlich ins Bett.

Am nächsten Morgen geht die Sonne schon früh über den Kanarischen Inseln auf. Im Westen tauchen La Palma und La Gomera aus dem Atlantik empor. Und hier oben, auf dem Dach Teneriffas, tritt eine menschenleere Vulkanwelt ans Tageslicht. Eine karge Landschaft ohne Bäume zieht sich über die Flanken der Insel, schwarzes Gestein, pieksiger Ginster. Kalt ist die Luft an diesem Morgen, nur ein leiser Wind zieht über die 2.400 Meter hoch gelegenen Gipfelausläufer des Teide. Überall stehen runde Gebilde auf dem dunklen Lavaboden, weiße Kugeln und flache Gebäude, deren Kuppeln und Schiebedächer sich nachts öffnen, um Antennen, Teleskope und Radare freizugeben, die sich ungestört dem Weltraum zuwenden. Millionen Euro teure Sensoren, Spiegel und Kameras, die Asteroiden beobachten, Sonnenwind einfangen und das Licht ferner Galaxien empfangen.

Die Karaokebars der Touristenorte sind hier weit weg, die Strände tief unten nur noch helle Striche. Von hier oben liegt einem die Welt aus Flugzeugperspektive zu Füßen. Ringsherum blaues Meer, ein paar tiefe Wolken werfen ihre Schatten auf das Wasser und die Inseln; an klaren Tagen ist sogar Fuerteventura weit im Osten zu sehen. Noch grandioser gerät nur die Aussicht nach oben in den Weltraum. Fast jede Nacht beginnt das Firmament regelrecht zu knistern, steigt die Milchstraße aus dem östlichen Horizont und zeigen sich die Sterne in maßloser Fülle.

Bis zu 30 Leute arbeiten regelmäßig oben auf der Sternwarte, vom Koch der Basis bis zu Professor Miquel Serra, dem astronomischen Leiter der Station. Seit 25 Jahren ist Serra für das Instituto de Astrofísica de Canarias tätig, forscht nach NEAs, "Near-Earth Asteroids", er hält Vorlesungen in aller Welt. Der Professor ist an diesem Morgen als erster wach, nach einer kurzen Nacht kommt er um neun in den Frühstücksraum, dippt sein Croissant in den Milchkaffee. "Ja, ja", sagt er, "Astronomie hat viel mit Mathematik und Theorie zu tun". Vor allem aber müsse man eines beherrschen: "mit wenig Schlaf auskommen."

Gegen zehn taucht auch Daniel Padrón wieder auf. Putzmunter schnappt er sich einen Orangensaft, gesellt sich an den Tisch mit den anderen jungen Wissenschaftlern. Da sind Lucía Magdalena Alonso, 24 Jahre alt, und Paloma de la Luz Mínguez, 29. Die beiden angehenden Astrophysikerinnen sind sogenannte night assistants, sie kümmern sich nachts um die nicht besetzten Teleskope, warten Geräte, überwachen Experimente. Sie alle sind wohl Sternenverrückte hier, infiziert von den Geschehen im All, denen sie hier auf die Schliche kommen.

Und sie erhaschen fantastische Bilder: Gebilde wie den 1.500 Lichtjahre entfernten Pferdekopfnebel oder die Magellanschen Wolken. Zwerggalaxien neben der Milchstraße, die nachts in aller Stille wie weiße Flecken durch den Teide-Himmel reisen. Lucía will sich später der Suche nach erdähnlichen Planeten widmen, Paloma dem Urknall hinterher forschen. Natürlich kennen beide den Film "Contact" mit Jodie Foster. "Ich war zehn, als ich ihn das erste Mal sah", sagt Lucía. "Seither lassen mich die Sterne nicht mehr los."

Am meisten Zeit jedoch verbringt Daniel Padrón in der Mondwelt des Observatoriums. Seit sieben Jahren fährt er regelmäßig mit seinem Auto auf den Vulkan, quartiert sich in der einfachen Basisstation ein und bleibt länger als die meisten anderen. Seit zwölf Tagen weilt der studierte Astronom und assistant observer diesmal nun schon am Berg. Schiebt Nachtschichten und klemmt sich bei Dunkelheit vor die Monitore der Teleskope.

"Du vergisst, dass du auf Teneriffa bist."

"Ich mag die Abgeschiedenheit hier oben, die Stille am Vulkan", sagt Padrón. "Du vergisst, dass du auf Teneriffa bist." Erst recht, wenn er mal wieder seinen Kometen hinterherjagt. Tagsüber aber stehen meist ziemlich irdische Tätigkeiten an. Statistiken auswerten, Computerprogramme und Koordinaten der NASA laden. Manchmal führt Padrón auch Touristen und Schulklassen über die Sternwarte, erklärt ihnen die Teleksope und die Arbeit der Astronomen.


Am frühen Abend sinkt nun wieder die Sonne, es wird Zeit für das wahre Geschäft, den Weltraum. Professor Serra, Padrón und die beiden Assistentinnen sitzen beim Abendessen in der Kantine, vor den Fenstern thront der Vulkan in der kargen Lavawelt, tief unten das Meer. Auf dem Dach Teneriffas kehrt jetzt eine Art andächtige Stille ein: In der staubfreien und klaren Luft kriecht die Sonne wie eine glühende Tomate in den Atlantik.


Das Team hat derweil neue Daten von der NASA bekommen. Heute Nacht wollen sie "2014 JO 25" verfolgen: einen Asteroiden von 650 Metern Durchmesser, der in diesen Wochen in anderthalbfacher Distanz zur Sonne einen Orbit durchläuft, bevor er für drei Jahre wieder von den Schirmen verschwindet.

Allerdings kam "2014 JO 25" auch der Erde schon einmal bedenklich nahe: 1,76 Millionen Kilometer oder 4,5 mal die Distanz zwischen Erde und Mond. In kosmischen Dimensionen weniger als eine Haaresbreite. Und was geschähe bei einer Kollision? "Bumm", sagt Padrón, beim Abendessen noch in seinen Spaghetti stochernd. "Die Energie von mehreren hundert Atombomben würde sich entladen. Das Ende. Aber zum Glück wissen wir, dass dies in nächster Zeit nicht passieren wird."

Um neun ist es soweit. Padrón und die anderen gehen runter zum Teleskop, draußen glimmt längst der Sternenhimmel. Ein paar Stufen führen zu der Tür eines weißen Gebäudes, dahinter liegt das Innere der Kuppel, das verkabelte "Auge" des Teleskops: ein Gerüst aus Metall, bestückt mit Spiegeln und Optiken, die das Licht der Sterne einfangen und komprimieren.

Unten im Kontrollraum fahren Serra und Padrón die Rechner hoch, laden diverse Daten und Positionen. Millimetergenau richtet sich oben nun das Teleskop aus. Auch in dieser Nacht werden sie wieder Stunden vor ihren Rechnern sitzen und Daten sammeln. Damit füttern sie einen Supercomputer namens "La Palma node", übersetzt "La Palma Knoten". Er ist Teil eines Netzwerks aus acht Hochleistungscomputern. Seine 512 Prozessoren können 4,5 Milliarden Berechnungen pro Sekunde anstellen. "Unser Hirn", sagt Padrón, "gerade schnell genug, um den Dimensionen des Kosmos gerecht zu werden."

Und dann, weit nach Mitternacht, taucht er endlich auf: der Asteroid "2014 JO 25". Ein weißes Pünktchen unter hundert anderen weißen Pünktchen. Ein einziges Geflirre, das sich auf dem Monitor breit macht. Padrón zeigt auf den Schirm. "Dieser Punkt hier ist der Asteroid, die anderen sind alles Galaxien, jede mit einem Durchmesser von mindestens 200 Millionen Lichtjahren."

Das Unvorstellbare, das Galaktische. Oben auf dem Teide hat es Daniel Padrón jede Nacht vor Augen. Seine letzten Worte, bevor er die Kopfhörer aufsetzt und endgültig abtaucht: "Schön, nicht?"