Meine Familie kommt aus dem Norden, er ist bergig, im Winter weich und grün. Im Sommer gilbt die Sonne alles saftig Elastische an den Hängen weg, vereinzelt grüne Chumberas, Feigenkakteen, bläuliche Agaven-Inseln. Der Rest gelbbraun, aufs Wesentliche reduziert, auf Fasern und Ästchen, Holziges und Ledriges, störrisch und scharfkantig. Felsvorsprünge, Brüche und Schnitte dazwischen, die im Winter sanfte Hügel und Senken sind.

Mein Großvater liebt Technik und verabscheut Pfarrer. Nach dem Bürgerkrieg baut er ein Kristalldetektorradio in einer Zigarrenkiste und hört nachts heimlich die französischen Sender aus Marokko. Meine Urgroßmutter bekreuzigt sich, sobald er es einschaltet und murmelt fortwährend "Santa Maria, Madre de dios". Mein Großvater fährt einen weißen Austin Morris A60, "La Uva", die Weintraube, genannt, denn er wiederholt ständig, dass Auto sei gesund wie eine Weintraube. Meine Urgroßmutter lässt Santa Candelaria unter einer Glasglocke mittig auf dem Armaturenbrett festschrauben und betet während der Fahrt unablässig ihren Rosenkranz. Als ich klein bin, gibt es keinen TÜV auf der Insel, es fährt, was fährt.

Nach dem Tod meiner Urgroßeltern wurde das Land unter den Kindern aufgeteilt, mein Großvater erbt das Haus, ein wenig Grund. Die ersten Jahre ändert sich nicht viel, anders als im Süden baut im Norden niemand, die Grundstücke überwuchern mit wilden Brombeeren, Agaven und Chumberas, im Frühjahr blüht der wilde Fenchel gelb, die Schöne Gärtnerin hellblau. Mein Großvater interessiert sich nicht für Landwirtschaft, er betreibt eine Baufirma in La Laguna. Als ich in den Ferien auf die Insel komme, ist er bereits im Ruhestand.

Damals treibt jeden Morgen – Vorsicht Postkartenmotiv – ein Hirte seine Ziegenherde durch den kleinen Barranco hinter unserem Haus. Die Ziegen haben kurzes, stumpfes Fell und eingefallene Flanken, Glocken um den Hals, die im Gleichtakt mit ihren zwischen den Hinterbeinen hin und her schaukelnden Eutern schwingen. Alle Nachbarn besitzen Hühner. Concha, die Milchfrau, bringt mehrmals in der Woche leche buena, unpasteurisierte Kuhmilch, die jeden Tag aufgekocht werden muss, eine dicke, gelbliche Fettschicht schwimmt obenauf. Jedes Jahr gibt es einen neuen Hund: Boca Negra, mehrere Herkules, General, Dani, Sueño, Chiqui.

Als ich klein bin, ist dort, wo mal die Felder waren, ein wilder Schrottplatz, Autowracks stehen kreuz und quer, Straßenhunde leben hier. Blecheimer, Stangen, Zementmischer, immer rostig, immer verbeult. Weiße, leergepickte Schneckenhausrispen an den vertrockneten Pflanzenstielen. Bei jedem Schritt rascheln Eidechsen, überall die Reste verendeter Tiere. Meine Schwester und ich haben die erstaunlich sauberweißen Schädel aufgereiht. Puppenteile dazugelegt und Horrorfilm gespielt. Erzählen einander in einem nach Hundepisse stinkendem Autowrack ausgedachte Geschichten. Endlich dürfen wir vorne sitzen. Ein Schrottplatz ist in unserem Vorort-Deutschland so erreichbar wie der Mond.

Ein paar Häuser stehen damals am Fuß des Hanges, ein kleiner Laden und irgendwann auch eine Bar. Der Schrottplatz verliert seine untere Hälfte, erst ist dort ein Fußballfeld, später wird eine Kirche gebaut. Vor zwölf Jahren ist die Siedlung immer noch nichts als eine unregelmäßige Ansammlung von Häuserwürfeln zwischen zwei Bergfalten, als wären sie die Hänge hinabgerutscht und seltsam übereinander in der Senke liegen geblieben.