Wann gewöhne ich es mir ab? Immer wieder falle ich auf das trügerische Versprechen von Navigationssystemen herein. Adresse eintippen, Hirn ausschalten und einer fragwürdigen Autorität folgen. Eigentlich wollte ich längst am Ziel sein, auf einer Bio-Finca im Norden Teneriffas. Und jetzt? Sitze ich in einem Kleinwagen auf einer halsbrecherisch steilen Schotterpiste fest. Das Navi sagt: geradeaus. Zum Wenden ist kein Platz, also gebe ich Gas. Schwitzend lenke 
ich um Felsbrocken und Schlaglöcher und steigere mich hinein in meinen Ärger. Über vorgeschriebene Wege, denen man folgt, weil es einfacher ist
 als selbst zu denken. Über Selbstbestimmung, die man sich erkämpfen sollte. Und irgendwann stelle ich fest, dass es längst nicht mehr um ein schlecht aktualisiertes GPS-System geht, sondern um mich. Ich habe dringenden Bedarf an Erdung und Ruhe. Die Finca el Quinto könnte der richtige Ort dafür sein.

Eine freundliche, weiße Fassade, ein grünes Tor – ich bin endlich da. Von oben führt eine glatt asphaltierte Straße hierher, mein Navi wusste davon nichts. Ich drücke auf die Klingel und bin gespannt, wer aufmacht. Die Finca el Quinto ist ein Familienbetrieb deutscher Auswanderer, soviel weiß ich schon. In den achtziger Jahren hat sich das Ehepaar Köllmann mit fünf Kindern für einen Neuanfang auf den Kanaren entschieden und Land in der Gemeinde Los Realejos im Norden Teneriffas gekauft. Das Ziel: Selbstversorgung und eine ökologische Lebensweise. Inzwischen leben drei Generationen auf der Finca, bauen Obst und Gemüse an und vermieten neun Ferienhäuser.

Eine junge Frau mit Fransenpony kommt ans Tor. Sie winkt schon aus der Ferne, als hätte sie sich den ganzen Tag auf mich gefreut.  "Ich bin Anna", sagt sie auf Deutsch. Sie muss eines der Kinder des Auswandererpaares sein. Während sie mich in die Finca führt, macht sie weiter, als wären wir alte Bekannte: "Wir gehen jetzt mit den Hunden, kommst du mit?", fragt sie. Ich schaue mich um. Ein gepflasterter Weg führt zwischen Beeten und Bäumen hindurch. Von einem Laubengang baumeln fremdartige Früchte, und dahinter steht ein schwarzer Hund. Er ist mir eigentlich eine Spur zu groß, aber ich sage ja. Anna bringt mich zu einem weißen Häuschen mit farbigen Bleiglasfenstern. Hier darf ich einziehen. Ich stelle meinen Koffer ab und schaue mich kurz um: oben dunkle Deckenbalken, unten Terracotta-Fliesen. Dazwischen eine Kochzeile und ein Essplatz mit einem üppigen Obst- und Gemüseteller. Gemütlich ist es hier. Ausgiebiger kann ich meine Bleibe vorerst nicht erkunden, denn die Gassirunde ruft.

Fünf Hunde tummeln sich am Eingangstor, alle ziemlich groß. Zum Glück interessieren sie sich kaum für mich, denn sie werden von einem Dutzend Kinder belagert, die darum streiten, wer welchen Hund an der Leine führen darf. Die Jungen und Mädchen gehören zu den Familien, die auf der Finca Urlaub machen. Um nicht als Außenseiter zu gelten, streichle ich den Hund, der mir am friedfertigsten vorkommt. "Das ist Mora", sagt Anna und erklärt mir, Mora sei zu dick und müsse abnehmen. "Sie frisst immer die Avocados, die vom Baum fallen. Das ist zwar gesundes Fett, aber bei fünf Stück am Tag wird es zum Problem."

Ich liebe Avocados. Bei der Vorstellung, dass sie hier einfach so vom Baum fallen und herumliegen, habe ich das Gefühl, im Schlaraffenland Urlaub zu machen. Mora soll jetzt Kalorien abstrampeln, und Anna soll mir vom Leben auf der Finca erzählen.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 11/2017 © MERIAN

Hätte es Tschernobyl nicht gegeben, wäre Anna wahrscheinlich nicht hier. Es war die Nuklearkatastrophe, die ihre Eltern 1986 zum Aufbruch aus Deutschland bewegte. Sie waren sicher, dort nicht mehr leben zu können. Anna ist 34 und hat inzwischen mit ihrem älteren Bruder Timo die Leitung der Finca übernommen. Annas Mutter lebt wieder in Deutschland. Wir spazieren über staubig-stachelige Felder und sehen 200 Meter unter uns das Meer im Abendlicht. Am Wegesrand liegt ein abgewetztes Kuscheltier, das Anna sich schnappt und mit verstellter Stimme zum Leben erweckt. Alle lachen, und es fühlt sich an, als ob diese Menschen sich seit Jahren kennen. "Das ist hier meistens so", sagt Anna. "Wir gehen mit den Gästen ziemlich familiär um. Viele mögen das Gefühl, gleich dazuzugehören." Ein Mädchen drückt mir seine Hundeleine in die Hand, und ich stelle fest: Ich mag dieses Gefühl auch.

Zurück auf der Finca wird es schon langsam dunkel. Anna zeigt mir ein Art Outdoor-Hofladen: Vor dem Haupthaus steht ein Tisch mit einer Waage, und drumherum stehen Schüsseln und Kisten voller Gemüse, Eier, Früchte. "In das Buch trägst du ein, was du genommen hast", sagt sie und fügt hinzu, dass ich mich auch selbst vom Feld bedienen könne. Tomaten, Auberginen, Radieschen, alles Mögliche.

Langsam spüre ich, wie lang der Tag schon ist und ziehe mich in mein Häuschen zurück. Ich mache Rührei mit Gemüse und bewundere beim Essen die Einrichtung. Der Tisch wirkt antik, die Schränke sind kunstvoll aus dunklem Holz geschreinert. Als ich mich ins Bett lege, kann ich kaum erwarten, die Finca bei Tageslicht zu erkunden.