Vom Hippie-Versteck zum Hotel in Traumlage: Selbst aus der Luft sind die Dächer des "Sanctuary" nur schwer zu erkennen. © Darshana Borges für MERIAN

Mein Plan war perfekt. Ich hatte von einem Ort namens "The Sanctuary" gehört. Das Heiligtum. Ein ehemaliges Hippie-Versteck, eingenistet in einer entlegenen Bucht von Koh Phangan, das sich in ein esoterisches Wellness-Resort verwandelt hatte. Alex Garland schrieb der Legende nach in den Neunzigern an genau diesem Ort "The Beach", den modernen Klassiker über eine Kommune von Backpackern, die in Thailand den perfekten Strand finden und daneben in utopischer Idylle leben – bis sie langsam verrückt werden. Das Heiligtum hatte Garland dabei möglicherweise als Vorbild gedient, auf mich wirkte es jedenfalls verrückt genug: Auf seiner Website wirbt das "Sanctuary" nicht nur mit Yoga und Pilates, komplexen Detox-Programmen und Spa-Paketen, sondern auch mit sonderbaren Heilverfahren wie "Schamanische Pflanzenessenzen des alten Mexikos". Der Abschnitt über die Anfahrt trägt den Titel "Wegbeschreibung zum Paradies".

Ihr wollte ich folgen und aus Eden eine Backstage-Story mitbringen. Ich nahm mir vor, unvoreingenommen zu bleiben, aber insgeheim wusste ich längst, dass es im "Sanctuary" nur so vor durchgeknallten Typen wimmelte. Ich würde mich neben sie vor die Wellen setzen und ihnen lauschen, wie sie über Harmonie mit Gaia predigten – und über das ganze verdammte System da draußen, Mann! Meine Geschichte würde ein Lehrstück sein über den Traum vom Leben am Strand, der so viele Aussteiger nach Thailand brachte, und der doch immer Gefahr lief, zum Albtraum zu werden. Sie würde einen zum Lachen bringen und dann zum Weinen. Verdammt, Mann.

Bis ins Paradies brauchte ich drei Flugzeuge und zwei Boote. Das erste, eine Fähre von Koh Samui nach Koh Phangan, berühmt für seine Vollmondpartys, war zum Bersten gefüllt mit Backpackern. Das zweite, ein Wassertaxi, das weiter zur Bucht Haad Tien fahren sollte, in der das "Sanctuary" liegt, ging kaum als Boot durch. Der Kahn schaukelte schon am Ufer beunruhigend in der Brandung. Ein Passagier sah die Nussschale und machte auf dem Absatz kehrt. "Kann ich ihm nicht verübeln", sagte eine junge Amerikanerin zu ihrer Freundin. Da waren wir nur noch zu siebt – zwei Deutsche, zwei Franzosen, ein Engländer und die beiden Amerikanerinnen. Als der Kahn losbretterte, krallten wir uns an den Planken fest.

Das erste, was wir vom "Sanctuary" sehen, ist ein Ponton mit einer Hängematte. Wie ein Willkommensschild treibt er in der Bucht, die dahinter auftaucht. Steile Hänge links und rechts, dazwischen der Strand, gut hundert Meter lang, an einem Ende durchsetzt mit Felsen, am anderen durchschnitten von einem Bach, an dessen Mündung unser Kahn anlegt. Hier am Ufer befinden sich die großen Stätten des Heiligtums: das Detox-Center, der Spa-Bereich, ein kleiner Shop, der alles von Mückenspray bis Badehosen verkauft, und die Rezeption, in der ich den Schlüssel für meinen Bungalow abhole, der ein Stück durch den Dschungel den Hang hinauf liegt. Auf dem Tisch finde ich ein Booklet mit wichtigen Informationen. Nachts solle man immer mit Taschenlampe durch den Dschungel laufen, heißt es darin. "Wir teilen diese wunderschöne Umgebung mit Eidechsen, Skorpionen, Spinnen, Fröschen, Affen und anderen." Erst einige Tage später werde ich merken, dass auch ich meinen Bungalow mit einer Ameisenkolonie teile, die den Nachttisch als Schnellstraße benutzt.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 04/2019 © MERIAN

Nachdem ich im Paradies eingecheckt habe, treffe ich seine Manager. Die beiden Iren Mike Doyle und Nolan Dalby warten auf mich im Restaurant. Das liegt direkt am Strand, ein Rundbau mit Stühlen, Kissen und Hängematten, in denen Gäste den ganzen Tag Smoothies schlürfen und über die Wellen schauen. Die beiden sind die Chefs des "Sanctuary", ich hatte sie von zu Hause um eine Einführung gebeten. Nolan lebt immerhin seit sechs Jahren am Strand, Mike sogar dreimal so lange. Er war schon hier, als das Paradies 1991 seine Pforten öffnete. "Der Anfang!", raunt der 58-Jährige, als ich ihn danach frage, und gluckst ein bisschen.

"Vier Bungalows, ein kaputter Generator und, ja, ein Strand." Nicht der schönste, aber er hatte einen gewissen Zauber für die beiden Gründer Jill und Steve, die Oshos Ashram im indischen Poona aufgesucht hatten und nun auf Koh Phangan ein Mini-Poona eröffnen wollten – "ein Zentrum für einen gesunden Lifestyle, Yoga, coole Leute und Selbsterforschung", wie Mike es nennt. Er erzählt mir, dass er damals von einer israelischen Prinzessin – "in meinen Augen!" – zur Einweihungsparty eingeladen worden sei. Mit ihr sei er von Haad Rin an der Südküste durch den Dschungel bis zur Bucht gewandert. "Ich werde nie vergessen, wie ich durch diese Steine lief und das Gefühl hatte, durch eine Membran von Energie zu treten. Ich dachte: "Wow, mit mir ist gerade etwas passiert." Und ab diesem Moment hat sich mein Leben verändert."

Als die Party nach drei Tagen endlich zu Ende war, holte Mike in Haad Rin nur seinen Rucksack, bevor er zum Strand zurückkehrte. Drei Monate blieb er – das erste Mal. Danach kehrte der gelernte Krankenpfleger, der irgendwie in Brunei gelandet war, wo er für die Familie des Sultans ein privates Krankenhaus aufbauen sollte, so oft zurück, dass Jill und Steve ihn schließlich fragten, ob er das Heiligtum nicht übernehmen wolle. Also zog Mike an den Strand. Seitdem habe es nie einen echten Plan gegeben, wie das "Sanctuary" wachsen solle, mit der Zeit habe es sich einfach weiterentwickelt.