Und tatsächlich sind es die Menschen hier, die dem Ort seine Kontur geben. Schuster Diego, der lange über seinen handgezwirbelten Rindsfaden sprechen kann, "ein lebendes Material", sich über Kunden aufregt, die ihre Schuhe nicht fetten und zum Trocknen in die Sonne stellen, damit es schneller geht. Die 29-jährige Aurora, die gerade ihren sicheren Job geschmissen hat, um eine Kinderbuchhandlung in der Altstadt zu eröffnen, ("ich Spinnerin"). Oder die drei zusammengeschobenen Bänke in der Via del Crocifisso, gegenüber der Bar, auf denen ab halb zehn Uhr morgens die Dorfältesten wie die Hühner auf der Stange sitzen. Richtig stolz ist Bürgermeister Parodi ausgerechnet auf etwas, das es in Suvereto nicht gibt: "Andenkenläden", sagt er, "kein einziger." Er strahlt. "Der Ort ist gemacht für die Menschen, die hier leben. Und der Tourist ist Gast, nicht Kunde."

"Es geht nicht darum, etwas zurückzudrehen", sagt Paolo Saturnini. Auch nicht darum, den Glanz irgendeiner guten alten Zeit hervorzupolieren. Saturnini hat dieBewegung Cittàslow gegründet. Im Herzen der Toskana, in Greve in Chianti, vor fast zwei Jahrzehnten. Er spricht von Identität, von Wertschätzung, von einem Bewusstsein dessen, was man hat. Und das könne – ja müsse – überall etwas anderes sein. "Die Schnecke trägt alles, was sie hat", sagt Saturnini. "Aber man muss auch erst mal wissen, was man hat."

So groß wie ein Motorrad hängt die Cittàslow-Schnecke am Rathaus von Greve über dem dreieckigen Marktplatz. Sie gibt symbolisch den Takt an. Schon früh am Nachmittag sollte man in einer der Terrassenlokale im ersten Stock direkt am Geländer Platz nehmen, ein, zwei Wein bestellen. Unter einem Marktgeschehen, das man langsam in sich einsickern lässt. Worin genau unterscheiden sich Gelassenheit und Apathie?

Nach Marradi, den Ort mit dem Fußballplatz auf der Brücke, kommt man am besten mit einem Verkehrsmittel, das leicht aus der Zeit gefallen scheint: dem Zug. Es geht durch Täler, in denen kein einziges Haus steht, durch die keine einzige Straße führt. Regelmäßig unterbrechen Tunnel den Ausblick, schaffen Pausen. Wie beim Kinofilm erst das Schwarz zwischen den Bildern dafür sorgt, dass wir den Film in Bewegung sehen, so ist es auch hier. Die Tunnel sind wie ein Hall auf das, was man gerade gesehen hat: den nackten Felsen, den Fluss Lamone, der sich immer wieder in Becken und Gumpen ausruht. Der Berggrat, auf dem die Bäume wie die Silhouette einer Karawane stehen. Mal kurz Rast machen.

Bürgermeister Triberti steht auf dem Rathausturm, dem höchsten Punkt des Ortskerns. Was das alles soll mit der Entschleunigung? Er schaut ins Dorf. Von hier sieht man runter auf das Teatro degli Animosi, zu groß als Theater für die 3.000 Einwohner von Marradi, aber gerade richtig, wenn sie alle zusammen dort Silvester feiern. Auf den Bäcker Forno Sartoni, der im Sommer ab zwei Uhr morgens die ersten Focacce an die vom Feiern heimkommenden Jugendlichen verkauft – durch die kleine Tür neben dem Eingang, minutenfrisch. Auf die Via Fabbrini, die Triberti gegen alle Widerstände zur Einbahnstraße gemacht hat. "Entschleunigung hat vor allem etwas extrem Dickköpfiges. Aber positiv."

Er erzählt von einem Motocross-Crack, internationale Turniere habe der gewonnen, und er, Triberti, Rechthaber und Provokateur, habe ihn zum Saisonstart der Off-Road-Strecken hier im Mugello ins Rathaus geschickt. Mit seiner Maschine knatterte er die Treppen hoch, zog am Bürgermeisterbalkon das Vorderrad hoch und ließ das Leergas dröhnen. "Klingt nicht nach Slowfood, oder?" Nein. Aber das muss es auch nicht. Cittàslow dreht auch mal alles auf den Kopf.