Licht und Schatten: Der Kreuzgang entstand im 13. Jahrhundert, wurde mehrfach umgestaltet und 1944 erheblich zerstört. Heute wieder gut erkennbar: der ursprüngliche gotische Stil. © Lukas Spörl für MERIAN

Auf dem Weg zur Arbeit eilt Josef Still jeden Morgen durch die Epochen. Von der Straße aus tritt er in die Ruhe eines mittelalterlichen Kreuzgangs ein, läuft vorbei an Maßwerk-Arkaden, die einst gotische Steinmetze gemeißelt haben. Biegt dann durch ein Portal in den ältesten Teil des St.-Petrus-Doms ein – in den Mauern um den Altar sieht man noch die flachen, langen Ziegel, die römische Handwerker in der Antike aufgeschichtet haben. Josef Still passiert Grabaltäre aus Renaissance und Barock, auf denen steinerne Fürstbischöfe hingebungsvoll knien und beten. Er verschwindet im Seitenschiff hinter einer Holztür, schwebt mit einem Aufzug hinauf zu den romanischen Emporen. Von dort steigt er über eine Holztreppe sieben Stufen hinab zu seinem Arbeitsplatz: der riesigen Orgel aus den 1970er Jahren. Schwer wie ein Sattelschlepper ist sie hoch oben an der Wand des Mittelschiffs angebracht.

"Die Statiker meinen, das hält ewig – ich will das mal glauben", sagt Still, dem man auch nach vielen Jahren in Trier noch anhört, dass er aus Niederbayern stammt. Während er sich an den Spieltisch setzt, kann der Besucher an die Holzbrüstung treten und den spektakulären Blick ins Kirchenschiff auf sich wirken lassen.

Links und rechts der Orgel schießen massige Pfeiler empor, dazwischen schwingen Spitz- und Rundbögen. Darüber spannen sich Gewölbe – und beschirmen einen Ort, der seit 1.700 Jahren für Christen von großer Bedeutung ist. Der Dom von Trier ist die älteste Bischofskirche Deutschlands, Teil des UNESCO-Weltkulturerbes, ein riesiger Komplex, der seine Wurzeln in der Zeit von Kaiser Konstantin II. hat. Wahrscheinlich war er es, der um 340 nach Christus hier den Bau einer Kirche befahl – nur knapp dreißig Jahre, nachdem sein Vater das Christentum von der Religion einer verfolgten Minderheit zur Staatsreligion gemacht hatte.

Josef Still arbeitet seit einem Vierteljahrhundert in diesem Bau voller Geschichte. Das Kirchenschiff ist ein überraschend heller und freundlicher Raum mit unbemalten Fenstern und roten Bodenkacheln. An jedem Werktag spielt Still, immer korrekt gekleidet mit Jackett und Krawatte, um neun Uhr in der Morgenmesse – auch wenn oft keine dreißig Leute in den Bänken sitzen. Er greift in die Tasten bei den großen Pontifikalämtern mit dem Bischof, gibt außerdem Konzerte, etwa mit Werken seines Lieblingskomponisten Max Reger. Und weil er seinem Publikum Abwechslung bieten möchte, übt er oft spät noch Stücke, manchmal hallt die Orgel bis Mitternacht durch die leere Kathedrale.

Wenn man dann wieder nach unten geht und durch die Schiffe der Kirche läuft, muss man sich klar machen, was 1.700 Jahre Geschichte an diesem Ort bedeuten: Der Dom ist keine pharaonische Grabkammer, die gut konserviert die Epochen überdauert hat, sondern ein Raum, den Menschen seit der Antike ununterbrochen nutzen, in dem sie immer wieder Neues aufstellen, Altes verschwinden lassen und von den Türen bis zu den Decken im Laufe der Zeiten fast alles verändert haben. Er ist ein Raum in Bewegung.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 03/2019 © MERIAN

Und das ist nicht nur metaphorisch gemeint: Die Kirchenanlage lag zunächst gut vierzig Meter weiter westlich, wanderte dann durch Umbauten nach und nach Richtung Osten. Erst um das Jahr 1000 fand der Dom seinen westlichen Haltepunkt: die burgartige Fassade mit wuchtiger Apsis. Um 1700 entstand die Heilig-Rock-Kapelle, in der das angebliche Gewand Jesu Christi aufbewahrt wird. Sie markiert seitdem das östliche Ende der Kirche.

Wo heute die Vierungspfeiler stehen, ragten ursprünglich vier Granitsäulen auf. Die Überreste von einer liegen heute vor der Westfassade. Als während der Völkerwanderung Germanen die Stadt eroberten, brannte der Dom aus, die Granitteile zerbrachen. Für den Wiederaufbau schleppten Handwerker Kalksteinsäulen aus einem demolierten Römertempel des 2. Jahrhunderts herbei und richteten sie an derselben Stelle im Dom auf. Fast ein halbes Jahrtausend waren diese Tempelsäulen zu sehen, dann ließ sie ein Erzbischof, um den Dom zu stabilisieren, mit den heutigen Vierungspfeilern ummanteln. Bis heute sind sie darin verborgen, nur der südwestliche Pfeiler ist leer, dort war die Säule zuvor umgestürzt.

Nicht nur der Dom veränderte sich, sondern auch das Selbstverständnis seiner Hausherren. Die Trierer Erzbischöfe regierten in der frühen Neuzeit über weite Gebiete an Rhein und Mosel und waren als Kurfürsten berechtigt, den Kaiser zu wählen. Wie diese einflussreichen Männer sich selbst sahen, kann man an ihren Grabaltären ablesen, die zu den schönsten Kunstwerken im Dom gehören. Einer der ältesten ist der von Richard von Greiffenklau an einem nördlichen Pfeiler, angefertigt von einem Renaissance-Künstler. Ungeheuer realistisch ist hier die Kreuzigung Christi dargestellt, fast meint man zu sehen, wie Jesu Brustkorb sich hebt und senkt! Unter dem Kreuz stehen die Heiligen Petrus, Maria Magdalena und Helena und blicken zu ihrem Herrn empor. Der Erzbischof kniet zwischen ihnen und nimmt damit auch symbolisch den niedrigsten Platz in der Gruppe ein.