Seien wir ehrlich, die Gelehrsamkeit ist nicht das Erste, was einem bei Passau in den Sinn kommt. Die Stadt steht für Dom, Donau, Inn und den politischen Aschermittwoch der CSU. Für das deutsche Denkertum steht sie eher nicht. Doch damit geschieht ihr Unrecht. Kaum eine deutsche Stadt hat einen höheren Studentenanteil, kaum eine Uni einen hübscheren Campus. Und wohl nirgendwo sonst wurden junge Akademiker erst so heftig abgelehnt und dann so stürmisch gefeiert.

Es ist also an der Zeit, über Passau, die Universitätsstadt, zu schreiben. Was bis vor 40 Jahren unmöglich gewesen wäre, da gab es hier keine Universität. Heute machen Akademiker etwa ein Viertel der Passauer aus: Zum Sommersemester 2016 waren 11.588 Studenten eingeschrieben, 60 Prozent von ihnen Frauen, über die Hälfte in geisteswissenschaftlichen Studiengängen.

Rundgang mit Sebastian Ruppert, Oberpfälzer, Vollbartträger und in dreifacher Weise als Campusführer qualifiziert: Er studiert auf Realschullehramt im sechsten Semester, arbeitet beim Studentenwerk und inszeniert Theaterstücke mit Kommilitonen. Ruppert muss wissen, was wichtig ist im akademischen Leben der Stadt.

"Die Uni platzt aus den Nähten", ist das Erste, was er sagt. Dem widerspricht zwar nicht einmal die Leitung der Hochschule, die ursprünglich für 4.000 Studenten geplant war. Wenn man aber das älteste Gebäude des Campus betritt, wirkt es eher, als wisse die Uni nicht, wohin mit Raum und Geld: ein eleganter, fünfgeschossiger Barockbau aus dem frühen 18. Jahrhundert, vom Innufer wie vom angrenzenden Kleinen Exerzierplatz zu betreten durch weite, steinerne Bogen. Im Innern ist es sagenhaft aufgeräumt, der Putz makellos, die Gewölbe mancher Gänge würden einer Kathedrale Ehre machen. Das Gebäude, in dem die Universität ihren Anfang nahm, war früher das Nikolakloster.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 11/2016 © MERIAN

In dessen nordöstlichem Teil leben auch heute noch Deutschordensschwestern und beweisen täglich christliche Langmut: Sie haben sich nicht nur mit den Tausenden Studenten arrangiert, die zwischen den beiden Portalen wuseln, sondern auch mit der Kneipe Gmoa (Hochdeutsch Gemeinde) im Innenhof, die manchmal bis Mitternacht geöffnet bleibt und das Glaserl 50-prozentigen Blutwurz für eins sechzig hergibt.

Dass die Keimzelle der Uni in einem Ordensbau liegt, ist bezeichnend – Passau war jahrhundertelang vor allem eines: Bischofssitz. Die Fürstbischöfe der Stadt herrschten zeitweise über ein Gebiet, das sich donauabwärts bis nach Ungarn erstreckte; ihr Bistum war bis ins 18. Jahrhundert eines der größten Mitteleuropas. 1612 richtete der Fürstbischof in Passau ein Jesuitenkolleg ein. Darauf folgten eine Akademie, ein Lyzeum und eine Philosophisch-Theologische Hochschule. Die Universität aber wurde erst 1978 eröffnet.

Während die berühmten deutschen Denkerstädtchen mit jahrhundertealter Tradition, Marburg etwa oder Tübingen, ohne ihre Hochschule nicht vorstellbar wären, erinnert sich jeder Passauer über 45 sehr wohl daran, wie der Ort ohne die Tausenden Studenten aussah.