Der Künstler klatscht in die Hände, ihm ist gerade etwas eingefallen. "Wenn ein Foto diese Stadt repräsentiert", sagt er, "dann dieses." Er zeigt auf ein Bild, 40 mal 60 Zentimeter groß, darauf ein Baum, getaucht ins gelbliche Licht der Nacht. Hunderte Telefondrähte und Stromkabel durchkreuzen seine weitverzweigten Äste. "Sehen Sie das?", fragt er. "Das ist die Essenz. Das ist Hanoi!" Er holt tief Luft. "Ein Durcheinander von Natur und Technik, über Jahrzehnte zusammengewachsen. Alt und Neu miteinander verflochten."

Nguyen The Son, 38, rundes Gesicht, steht in seinem Atelier, ein kleiner Raum, links Skulpturen, rechts Stapel von Fotos, Collagen, Gemälden. Draußen vorm Fenster liegt Hanoi, der Hai-Ba-Trung-Distrikt, ein Viertel im Süden, hohe Häuser, grauer Putz. Er sagt: "Ich habe 200 solcher Fotos gemacht. Um die Stadt zu zeigen, wie sie ist." Chaotisch, aber liebenswert.

The Son ist so etwas wie Hanois Vater der zeitgenössischen Kunst. Professor am Seminar für Bildende Künste. Ausbilder in Seidenmalerei. Er hatte Ausstellungen in Paris, Amsterdam, Seoul. Seine bevorzugten Medien: Foto und Video. Am liebsten aber Foto. "Die Malerei", sagt er, "reicht mir nicht mehr, um die Welt zu fassen."

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 02/2017 © MERIAN

Von unten dringt, wie von Ferne, das ewige Hupen der Mopeds und Autos herauf. Hektisch reißt er sein Handy aus der Hosentasche. "Hier, sehen Sie selbst!" Er scrollt durch eine Reihe Fotos, Straßenszenen und Hausfassaden, die er zu Reliefs verarbeitet hat. Hunderte Fotos, Schicht für Schicht übereinandergeklebt. Geschnitten, geklebt, geschnitten, geklebt, in einem fort. "Nur so kommt Tiefe ins Spiel", sagt er, "nicht nur optisch." Kunst, vor allem seine, soll mehr sein als nur Fassade. "Ich will da wirklich rein."

Früher hätten die Straßenzüge trist wie in der DDR ausgesehen. "Jetzt leuchtet Hanoi wie eine Litfaßsäule." Überall Plakate, Werbung, Hinweisschilder. Alles brüllt nach Aufmerksamkeit. Er ruckelt seine Brille zurecht. "Für mich ist das manchmal erstaunlich", sagt er. "Weil es wie Kapitalismus aussieht, obwohl Vietnam doch nach wie vor kommunistisch ist."

Bei diesen Veränderungen spüre jeder: Die Stadt ist im Aufbruch. "I’m happy!", ruft er. Vor allem, weil Hanoi, acht Millionen Einwohner, vier Millionen Mopeds, dabei auf Kunst setzt. Sich vielleicht sogar zu einem Zentrum zeitgenössischer Kunst wandelt. Es gibt kein Viertel ohne Galerien, keine Straße ohne Cafés mit Ausstellungen. Zum Beispiel die Trang-Tien-Straße im Zentrum Hanois: elf Galerien auf 300 Metern und mittendrin das L’Espace, das französische Kulturzentrum, in dem gerade seine Reliefs hängen. "Was", fragt er, "gibt es Schöneres für einen Künstler?"

Und was ist mit den Kopisten? The Son runzelt die Stirn. "Mit wem?" Na, den Künstlern, die Werke von Picasso nachmalen, von Monet, von wem auch immer. Dafür war Vietnam doch berühmt. Gibt’s die noch? "Ja, klar!", die säßen doch überall in der Altstadt. Diese Tradition wird das Land nie aufgeben. "Wir sind schließlich das Land des Fake! Besser als die Chinesen."

Moderne Kunst ist sehr en vogue

In Hanoi sieht kein Haus aus wie das andere © JA Knight/Getty Images

Die Altstadt. Das Viertel der 36 Gassen. Tausend Jahre alt, ein Labyrinth aus verschachtelten, bunten Häusern, manchmal nicht breiter als eine Armspanne. In jedem Winkel Cafés, Garküchen und Geschäfte, randvoll mit Fälschungen: Adidas-Schuhe, Louis-Vuitton-Taschen, Lacoste-Shirts. Laut, eng, ruhelos, ein Wirrwarr an Strom- und Lampenkabeln, ein Wirrwarr an Menschen: Rucksacktouristen, Frauen unter Kegelhüten, die frittierte Teigkringel verkaufen, ein Ohrenputzer, die Stirnlampe tief ins Gesicht gezogen, beugt sich über sein Opfer. An einer Ecke ruft ein Mann "no, please!" und schaut entsetzt nach unten. Ein Schuster versucht, ihm den Schuh zu kleben, während er läuft und gar nicht will.  

Dazwischen irgendwo die Kim Do Gallery, geöffnet täglich zwölf Stunden. Ein schmaler Laden, vollgestopft mit Bildern: Jesus mit Heiligenschein, orangefarbene Bäume, Vietnams Übervater Ho Chi Minh beim Lesen. Aus dem Radio dudelt JustaTee, Popmusik aus Hanoi. Auf einem Plastikstuhl sitzt Doan, die Zigarette im Mundwinkel, und huscht mit dem Pinsel über die Leinwand. Neben sich das Foto, das ein Kunde zum Abmalen gemailt hat. Ein großer Kopf, grüne und gelbe Pinselstriche. Vom wem ist das Original? Doan zuckt mit den Schultern. Rasch tritt seine Chefin dazu und sagt: "Keine Ahnung." Ihr Gesichtsausdruck verrät: Ist auch völlig egal. Sie schaut auf ihre Ware. "Wir malen alles. Was brauchen Sie? Was fürs Schlafzimmer? Fürs Büro?"

In ihrem Geschäft arbeiten sieben Maler, Kunststudenten, Kunstlehrer, Autodidakten wie Doan. Und was kostet so ein Bild? Zum Beispiel was von Paul Klee, sein Werk Senecio vielleicht? Ein kurzer Blick ins Handy, sie grübelt. Dann sagt sie vorsichtig: "50 Dollar." Es klingt eher wie eine Frage.

Ein paar Straßen weiter öffnet sich das Gewusel zu einer Allee, auf der sich ohne Unterlass Mopeds, Autos und Rikschas überholen. Rechts liegt der Hoan-Kiem-See, eingerahmt von Gummibäumen und Palmen. Vor 600 Jahren, sagt die Legende, entriss hier eine gierige Schildkröte dem Helden Le Thai To das Schwert, mit dem er die Chinesen vertrieben hatte. Heute verbiegen sich am Ufer die Frühsportler beim Tai-Chi.

Grau hängt plötzlich der Himmel über Hanoi, es riecht nach Regen. Ein bisschen um den See herum, vorbei an den Jungs, die mit rostigen Hanteln ihre Muskeln stählen, geht es wieder hinein in den Trubel. Zur Ly-Quoc-Su-Straße: Antiquitätenläden, Postergeschäfte, die Kathedrale des heiligen Joseph, Hanois älteste Pagode, Bäume, die mit Hausfassaden verwachsen, und, natürlich: Galerien. Vor einer parkt gerade ein Pick-up, auf der Ladefläche ein neuer Schwung quietschbunter Ölschinken. Drinnen im Laden sagt der Verkäufer: "Moderne Kunst ist bei uns im Moment sehr en vogue."

Wer wollte da widersprechen? Uyen tut es nicht. Le Thuan Uyen, 24, Pagenschnitt, Brille, weiße Bluse. Sie sitzt in der Art Vietnam Gallery von Suzanne Lecht, der großen Dame des heimischen Kunstmarkts, die 1994 aus den USA an die Stadt "zwischen den Flüssen" kam, das bedeutet Hanoi. Die Galerie liegt in einem Hinterhof, zwei Treppen nach oben, gleich daneben ein Klamottenladen, der "wearable art" verkauft, tragbare Kunst. "Es gibt wirklich viel Potenzial", sagt Uyen. Sie faltet ihre Hände wie zum Gebet. "Was unseren Künstlern manchmal fehlt, ist die Richtung." Dann lächelt sie zaghaft.

Uyen ist Managerin des Nha San Collective. Chefin von 13 Künstlern, die Vietnams Kunst auf neue Wege führen wollen. Mit Tanz, Malerei, Musik, Performances. Ihre Basis: der 15. Stock der Hanoi Creative City im Süden der Stadt, ein Hochhaus, bemalt mit Drachen des deutschen Graffiti-Künstlers Julian Vogel. Ein Treffpunkt der Jugend: Es gibt Bars, Ausstellungen, eine Halfpipe fürs Skateboarden.

"Oh God, oh God, that's amazing!"

Tagesanbruch am Hoan-Kiem-See in Hanois Altstadt © JAYJAY/Getty Images

Früher, sagt Uyen, hatten wir den "Sozialistischen Realismus", Bauern auf dem Feld, Arbeiter in der Fabrik, Panzer und Soldaten. Nun ist die Welt offen, halbwegs wenigstens. Dank Doi Moi, Glasnost auf Vietnamesisch, 1986 ins Leben gerufen, der Startschuss für ein bisschen Freiheit.

Vor ihr hängen Fotos von Chinh Le, der Dichterin und Malerin, schmale Gemälde, metaphysische Melancholie. An der Wand gegenüber goldene Masken. Eine Amerikanerin blättert durch einen Ausstellungskatalog. Bei jeder Seite, die sie aufschlägt, ruft sie: "Oh God, oh God, that’s amazing!"

Ausländer lieben das Abstrakte mit diesem Hauch asiatischer Exotik. Uyen sagt, viele Vietnamesen interessieren sich eher nicht dafür. Vielleicht, weil Vietnamesen im Schnitt bloß 160 Euro im Monat verdienen. Und Kunst in einer hippen Galerie locker das Zehnfache kostet. Wenn nicht mehr. Unaufhörlich prasselt jetzt Regen gegen die Scheiben. Letztlich, sagt sie, wollen alle jungen Künstler sein wie die "Gang of Five". Wie bitte? Uyen lächelt. Sie sagt: "Die besten Maler ihrer Generation." Damals vor 25, 30 Jahren. Ha Tri Hieu, Tran Luong, Viet Dung, Dang Xuan Hoa, Pham Quang Vinh. Fünf, die zum ersten Mal überhaupt Tradition und Moderne mischten. "Absolut aufregend."

Viel habe sich geändert, die Wahrnehmung der Menschen, das Interesse für Kunst. "Wir spüren den Aufbruch, ganz klar." Wie zur Bestätigung haut Uyen mit der Hand auf ihren Schenkel. Dann nickt sie. Hanoi lechze danach. Nach Bewegung. Nach Ausdruck. Vor allem die Jugend.

Die Touristen suchen oft noch anderes. Als die Sonne verschwunden ist, der Himmel wieder klar, und der Mond wie ein gebogener Strich am Himmel hängt, fahren noch immer die Reisebusse vor. Seit Mittag geht das so, ohne Pause. Vor Hanois Wasserpuppentheater parken fünf Luxusliner. Menschen drängen heraus und ins Theater hinein, Baseballkappen auf dem Kopf, Gürteltaschen um den Bauch. Vorn auf der Bühne leuchtet ein roter Bambustempel, dann tanzen kunstvoll geschnitzte Figuren durchs Wasser. Ein Drache speit Feuer, ein König schwingt tapfer sein Schwert. Frauen singen mit hohen Stimmen. Es ist eine Geschichte von Liebe und Heldentaten.

Im Dunkeln mühen sich die Schauspieler in wasserfesten Latzhosen, das Ballett der Holzpuppen so elegant wie möglich aussehen zu lassen. Gar nicht einfach, denn eine Puppe wiegt immerhin bis zu 15 Kilogramm. Geschmeidig tanzen sie durch den Teich vor der Bühne, nur von Seilen und Stangen gezogen oder geschoben.

Es ist Schwerstarbeit im Akkord. Eine Vorstellung dauert 60 Minuten. Pro Tag sind es mehrere, vier im Winter, sechs im Sommer. Dann schweigt die Musik, die 16 Schauspieler treten aus ihren nassen Katakomben und verneigen sich. Das Publikum klatscht so brav, als ginge hier ein Parteitag der Kommunistischen Partei zu Ende.

Draußen flaniert halb Hanoi wie bei einem Volksfest um den Hoan-Kiem-See. Am Ufer warten Porträtmaler, und eine Band mischt harte Gitarrenriffs mit süßlichem Singsang. Im Takt leuchten Lampen auf und tunken die Bäume dahinter mal in blaues, mal in rotes Licht. Im glatten Wasser spiegeln sich schwach die Neonschriften der Cafés und Restaurants. Drumherum rasen die Mopeds. An einer Ecke steht ein Trupp schwarz gekleideter Leute: Sie bewegen sich im Stakkato-Schritt, tanzen, vollführen Pantomime. Experimentelles Theater unter freiem Himmel, mittendrin im kreativen Chaos der Stadt.