Mit 3.776 Metern ist der kegelförmige Fuji der höchste Berg des Landes. Japaner verehren den ruhigen Vulkan wegen seiner Schönheit und Größe. © Alex Dixon für MERIAN

Es beginnt mit einem Ziehen im Kopf, als würden Fäden mein Gehirn in verschiedene Richtungen zerren. Der Boden unter meinen Füßen fühlt sich nach Watte an, ein Tritt ins Nichts. Mir schwindelt. "Wir werden langsam gehen", höre ich meine Bergführerin Hanae sagen. Es gelte, die Höhenkrankheit – Symptome: Kopfschmerz, Schwindel, Übelkeit – zu vermeiden. Sonst gebe es nur noch eine Richtung: runter. Ich will aber rauf. Deswegen sage ich Hanae nichts vom Ziehen und Schwindel. Ich atme tief ein und mache den nächsten Schritt.

Vor Stunden hat uns ein Bus abgesetzt, auf 2.300 Höhenmetern. Auf dem Fuji, diesem symmetrischen Vulkan, der Japans Wahrzeichen ist. Wer einmal im Leben auf den Fuji steigt, sei weise, heißt es in einem japanischen Sprichwort. Ich war schon oft in Japan, aber zu selten im schwülen Sommer, der einzigen Zeit, in der die Berghütten geöffnet sind. Nur dann ist der 3.776 Meter hohe Gipfel ohne Schnee und der Aufstieg vergleichsweise einfach.


Dabei habe ich meine Zweifel, ob sich der Weg nach oben auch wirklich lohnt. Ist dieser Berg nicht völlig entzaubert von den 300.000 Wanderern, die da alljährlich ab Juli raufmarschieren? Jetzt ist es schon Anfang September, ich gehöre zu den letzten, die dieses Jahr den Gipfel stürmen.

Der Fuji wurde nicht nur tausendfach bestiegen, sondern auch beschrieben, besungen und gemalt. Der Holzschnitzer Katsushika Hokusai etwa fertigte ab 1830 seine "Hundert Ansichten des Berges Fuji", darunter auch die weltweit bekannte "Große Welle vor Kanagawa". Nichts, so sagte Hokusai später, was er vor dieser Serie gemacht habe, sei von Wert gewesen. 


"Oh Du weißgesichtiges Wunder", "Oh Schönheit", "Oh unvergleichlicher Anblick", schrieb 1903 der Dichter Yone Noguchi über den "ewigen Fuji", der von "göttlichem Atem berührt" sei. Seit Jahrhunderten ist der Fuji den Japanern Inspiration, seit 2013 zählt er zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 03/2018 © MERIAN

Er taucht als Kulisse von Romanen auf, sein Bild ziert Reisschüsseln, Postkarten und Handtücher. Kann dieser Berg, den wirklich jeder kennt, überhaupt noch eine Magie haben? Meine Freunde hatten mir vor meiner Wanderung ihre eigenen Gipfelerlebnisse beschrieben, weniger verzückt als die alten Dichter: "Man steckt die meiste Zeit im Stau mit anderen Touristen" und "Noch mal mache ich das nicht."

Ich mache es trotzdem, auch wenn ich keine "weißgesichtige Schönheit" sehe, wenn ich zum Gipfel hochgucke. Ohne Schneekranz sieht der Fuji ungewohnt aus. Ein brauner Kegel. Massiv, abweisend, ungerührt. Hanae erzählt mir, dass sie bisher etwa 15 Mal oben war. Magie hin oder her, gut für ihre Kondition sei es in jedem Fall. Sie ist eine dieser superzierlichen Japanerinnen, Ende zwanzig und sehr sportlich.

Ihr Badminton-Equipment hat sie in einem Schließfach deponiert, damit sie gleich spielen gehen kann, wenn wir morgen wieder runterkommen. Ich versuche, ihr meine Hochachtung zu vermitteln, aber wenn ich den Mund aufmache, bleibt mir schnell die Luft weg. Ich atme tiefer und öfter ein und nicke oft nur, statt zu antworten.

Hanae unterbricht sich immerhin öfters selbst, wenn sie findet, dass ich zu schnell unterwegs bin. Sie sagt dann: "Yukkuri, Lena!" Langsam, gemütlich, mit Muße! Es gehe beim Aufstieg um Durchhaltevermögen, nicht um Geschwindigkeit. Ein Fuß vor den anderen setzen und irgendwann ankommen.