Der Pfad ist steinig. Zu beiden Seiten dehnen sich weit geschwungene Hügel, deren baumlose Hangflächen mit taufeuchtem Gras und knorrigem Heidekraut bewachsen sind. In tiefen Senken schlängeln sich glitzernde Bäche. Ihr Gluckern mischt sich mit den Rufen der Moorhühner. Die Luft ist feucht und kühl. Wind pfeift ungehindert über die Höhen, treibt wilde Wolkenherden über den blauen Himmel. Diese wild romantische Natur muss man erlebt haben, um zu verstehen, warum sich der schottische Nationaldichter Sir Walter Scott dieser Landschaft so bedingungslos verschrieben hatte.

Vor zwei Tagen bin ich mit meinem Sohn Aaron zu Fuß und mit dem Rucksack in die Lowlands eingetaucht, Schottlands südlichstes Mittelgebirge. Jahrhundertelang war das Grenzgebiet zu England wild umkämpft, oft Schauplatz großer Schlachten. Hier, zwischen den Flüssen Tweed und Cheviot, wo einst Clanfehden und Viehdiebstähle auf der Tagesordnung standen, hat Schottlands 1771 geborener Romancier Walter Scott gelebt und geschrieben.

Viele seiner historischen Romane zählen heute zu den Klassikern der Weltliteratur und dienten als Vorlage für zahlreiche Filme, Schauspiele und Opern. Ihm zu Ehren trägt auch ein Teilstück des Southern Upland Way, auf dem man die Britische Insel vom Atlantik bis zur Nordseeküste durchqueren kann, seinen Namen. Diesen 150 Kilometer langen Sir Walter Scott Way, der an zahlreichen Stätten vorbeiführt, die mit dem Leben und Werk des berühmten Schriftstellers verbunden sind, wollen wir erkunden.

Seit ich als Junge einige Bücher von Walter Scott gelesen habe, träumte ich davon, durch seine Heimat zu wandern. Vor allem die Romane um den Freiheitskämpfer Rob Roy, die Abenteuer des Quentin Durward, das Ritterepos Ivanhoe und Waverley, die Geschichte eines jungen Adligen, der von seinem Onkel in Schottland aufgezogen wird und als Offizier des britischen Militärs 1745 in den letzten Aufstand der Jakobiten gerät, habe ich regelrecht verschlungen. Mich begeisterten Scotts Erzählkünste, seine Naturbeschreibungen, die abenteuerlichen Wirrnisse um Liebe und Leid sowie die Verstrickungen seiner Helden mit geschichtlichen Ereignissen.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 08/2016 © MERIAN

Scotts Lebensgeschichte ist so faszinierend, wie es seine Romane sind: Vom Jurastudenten zum Prozessanwalt, der später Sheriff von Selkirk wurde. Vom Sekretär des Edinburgher Gerichtshofes zum Dichter und Schriftsteller, dessen literarischer Erfolg zu großen Ehrungen führte. Vom Ehrendoktor der Universitäten Dublin, Oxford und Cambridge, der in den Adelsstand eines Barons berufen wurde, zum vermögenden Landedelmann und Mitgesellschafter eines Verlages, der schließlich Bankrott ging.

Im Herzen ein Schotte und im Geiste ein Anhänger der britischen Union – auch so ist Walter Scott treffend beschrieben. Er engagierte sich öffentlich und trieb viele politische und gesellschaftliche Themen voran. Als energischer Humanist und Enthusiast der Freiheit trat er für Projekte ein, die ihm wichtig waren – visionär, aber nie fanatisch. Er unterstützte Steuererhöhungen zur Finanzierung kostenloser Schulen für die Kinder der Armen. Er befürwortete die Öffnung von Parlament und Beamtenschaft für Katholiken, die bis 1829 ausgeschlossen waren, und förderte mit seinen historischen Romanen das schottische Nationalgefühl. Noch heute gilt er als bedeutender literarischer Initiator des modernen Schottlands.