Drei Tage dauert die Tour auf dem Camino de Chasna, dem Humboldt folgte. © Gregor Lengler für MERIAN

Ob Humboldt fluchen würde? Der Weltbürger, der Adelige mit den feinen Manieren? Grund genug hätte er an diesem Morgen. Die Calima, ein heißer Ostwind, hat einen Schleier aus Saharasand über Vulkan und Insel gelegt. Die Sicht endet am Kraterrand. Das Cyanometer, mit dem Humboldt das Blau des "azurnen Himmelsgewölbes" exakt mit einem Wert von 410 bestimmte, wäre heute ziemlich nutzlos. Und für all die anderen Messungen, die er hier anstellte, würde ihm zwischen den knipsenden Touristen wohl die Muße fehlen.

Der Teide ist längst ein Modeberg. Seit 1971 trägt eine Seilbahn Besucher zu den Aussichtsplattformen in 3555 Metern Höhe. Wer sich nicht anmeldet, steht Stunden in der Schlange vor der Talstation. Rund vier Millionen Besucher zählt der Nationalpark pro Jahr, mehr als jeder andere in Europa. Und doch kann man erstaunlich ungestört wandern auf dem höchsten Berg Spaniens. Man muss nur Humboldts Spuren folgen.

Alexander von Humboldt war 29, als er im Juni 1799 in Teneriffa an Land ging. Die Vulkaninsel war nur ein Zwischenstopp auf dem Weg nach Südamerika, der Reise, die ihn weltberühmt machen sollte. Aber ein bedeutender: Der Teide wurde sein Testlauf für die Eisriesen der Anden. Um die 50 Instrumente ließ der reiche Adlige angeblich mitschleppen, von der Inklinationsbussole bis zum Hygrometer. Er wollte messen, Proben nehmen, notieren. Dabei hatte ihm der Kapitän seiner Korvette nur ein paar Tage Zeit gegeben für die Tour, die damals noch eine ernsthafte Expedition war.

Seine Route ist bis heute leicht zu finden. "Camino de Chasna" steht auf einem Schild, weit oben im Tal von Orotava. Wie in Humboldts Tagebuch. "Damals war das ein Maultierpfad, über den der Handel zwischen Nord- und Südküste lief", sagt Lothar Schmid. "Und der einzige Weg auf den Gipfel." Schmid, 52, lebt seit 1999 auf Teneriffa, und genauso lange führt er Gäste auf den Teide. Wie oft er schon auf dem Gipfel gestanden hat? "Da fehlt nicht viel zum Vierstelligen", sagt er.

Wir gehen steil bergauf, vorbei an pastellbunten Häusern und Gärten voller Blumen und Kräuter. Auf Terrassenfeldern wachsen Weinstöcke, Mais und Aprikosenbäume, über die Straße sind Girlanden fürs nächste Dorffest gespannt. Für die Jungfrau von Candelaria, die Schutzpatronin der Kanaren.

Es ist heiß, Calima lässt den Schweiß strömen. Zum Glück steht alle paar Minuten ein fremdartiger Busch oder Baum, da kann man stehen bleiben und nach botanischen Details fragen. Und Schmid erzählt gerne. Von der Baumheide, vom Lorbeerbaum und vom Erdbeerbaum, dessen Früchte rot sind, aber mies schmecken.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 11/2017 © MERIAN

Als Humboldt hier wanderte, muss das Orotava-Tal ein bildschöner Garten gewesen sein. Der sonst so nüchterne Forscher rühmte es als ein "harmonisches Gemälde", das er so mannigfaltig und anziehend sonst nirgendwo auf der Welt gesehen habe. Zum Dank haben ihm die Tinerfeños an einer Serpentine eine Statue gebaut. Als ewig bartloser Jüngling sitzt der Universalgelehrte dort auf einer Mauer, in Gehrock und Stiefeln – und hinter Gittern.

Das Café am Aussichtspunkt ist seit Jahren geschlossen. Aber zu rühmen hätte Humboldt hier ohnehin nicht mehr viel. Unterhalb quert heute die Autobahn, Wohnblöcke quetschen sich zwischen Bananenplantagen, Hotelburgen umzingeln die Buchten.

Hier oben dagegen ist es immer noch ruhig. Wir passieren das Cruz del Dornajito, wo Humboldt rastete und sein Thermometer in eine Quelle tauchte, und wandern weiter im Schatten von Baumheide und Lorbeerbaum. An einer Kurve sehen wir das letzte Dorf, dann beginnt der Wald, der sich als Gürtel um den Teide legt. Fichtenwald, schrieb Humboldt. "Aber da hat er sich vertan", sagt Schmid. Kaum zu glauben: Der Botaniker, der in Südamerika Hunderte Arten entdeckte, sah nicht, dass er hier Kiefern vor sich hatte.