Das Servitenviertel: Ich hatte noch nie etwas davon gehört, als ich an einem sonnigen Septembernachmittag in einem Heurigen die Zeitung aufschlug. In ei­nem dieser weinumrankten Lokale, die gleichermaßen Touristen wie Wiener anziehen, hatten sich einige Freunde zum Wochenausklang einge­funden. Die Anzeige bot eine Wohnung in diesem mir unbekannten Stadtteil an, weswegen ich beiläufig in die Runde fragte: "Kennt einer von euch das Servitenviertel?" Statt einer Antwort verstummten schlagartig alle Gespräche. Dann brach Euphorie aus. "Das schönste Grätzl Wiens!", lautete die vielstimmige Meinung. Die Zeitung machte die Tischrunde, die Annonce wurde studiert, einer zückte sein Handy und wählte die angegebene Telefonnummer. Ich hörte ihn im breiten Weanerisch sagen: "No, dann kommen wir um sieben Uhr vorbei."

Die Eigentümerin blickte unser angeschickertes Häufchen so abfällig an, als hätten wir ihren Gartenzwerg erdrosselt. Aber die Wohnung machte alles wett. Sie stammte aus dem Jugendstil, also aus einer Zeit, als die Decken hoch, die Fenster doppelt und die Verzierungen elegant waren, als Wohnraum eine Oase des Künstleri­schen und nicht funktionale Notwen­digkeit war. Kurzum, es war Liebe beim ersten Blick aufs Fischgrätparkett.

Eigentlich hatte ich keine Chance, diese Wohnung zu ergattern, denn die Eigentümerin beschied uns sogleich, sie habe bereits mehr als ein Dutzend Interessenten. Zum Abschied streckte sie mir die Hand entgegen und erklärte zu meiner Überraschung feierlich: "Es wäre mir eine Ehre, wenn Sie mei­ne Wohnung nehmen würden."

Ich nickte, so begeistert wie verblüfft. Erst draußen auf der Straße erfuhr ich, wieso sie ihre Meinung geändert hatte. Einer der Freunde hatte ihr ins Ohr geflüstert, ich sei Schriftsteller, oben­drein kein unbekannter. Auf meinen nachträglichen Protest hin wurde mir erklärt, so mache man das in Wien. Das Entscheidende sei, wer man sei, und wen man kenne. Das war meine erste Begegnung mit dem Servitenviertel, in dem ich seitdem lebe.

Wien besteht aus einer Vielzahl sol­cher Grätzl, kleine Viertel mit fast dörflicher Struktur, die in ihrem Mittelpunkt eine Kirche oder einen Markt haben, die Gassen voller Cafés, Werkstätten, Läden und Beisln, den typisch urigen, holzgetäfelten Wiener Gasthäusern. Im Servitenviertel, gelegen im 9. Bezirk, begrenzt von Währinger Straße, Schottenring und Rossauer Lände, ist der Mittelpunkt leicht aus­zumachen: die gleichnamige kaisergelbe Barockkirche mit ihrem ange­gliederten Kloster, in dem allerdings keine Mönche mehr beten und arbei­ten – wegen Nachwuchsmangel wurde das Konvent vor mehreren Jahren geschlossen. Der baumbeschattete Vor­platz und die angebaute Peregrini­-Kapelle laden zur Meditation ein. Die Servitengasse selbst ist genau 1900 im Jugendstil erblüht, wie jedes der Häuser in seiner ganz eigenen Fassadeninterpretation kundtut.

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 02/2018 © MERIAN

Wie sich in jeder großen Metropole Europas prachtvoll die Geschichte inszeniert, so tut sie das auch im Servitenviertel. Es empfiehlt sich, mit leicht in den Nacken gelegtem, langsam von links nach rechts pendelndem Kopf zu schlendern, um all die Häuser bewundern zu können. Was wurde hier um die vorvorige Jahrhundertwende prachtvoll gebaut, stuckiert und karyatiert. Hier ein geschwungener Sims, dort ein von Rocaillen umgebenes Fenster und drüben Atlas, muskelbepackt, wallebärtig, der in zweifacher Ausführung das Eingangsportal stützt. In mehreren Seitengassen – Obacht: In Wien können Gassen ausgewachsene Straßen sein – finden sich zum Kontrast lang gestreckte Gebäude, die sich dem legendären Wiener Gemeindebau verdanken, der vor allem zwischen 1918 und 1934 dafür sorgte, dass Arbeiter menschenwürdig wohnen konnten.

Im Servitenviertel residiert auch das Gartenpalais Liechtenstein, barocker Familiensitz einer der reichsten Adelsfamilien Europas. Um die fürstliche Kunstsammlung zu besuchen, muss man sich zur Führung anmelden. Wer das versäumt hat, der kann es sich wenigstens hinter dem dazugehörigen romantischen Park, der sich hinter hohen Mauern ausbreitet, ganz grün ums Gemüt werden lassen. Und nur wenige Schritte eine Seitengasse hinauf steht man vor der Strudlhofstiege, der Heimito von Doderer in seinem gleichnamigen, grandios dahinmäandernden Mammutroman ein Denkmal gesetzt hat. Mit ihren ungewöhnlichen, grünen Geländern und Straßenlaternen, umgeben von Bäumen und Brünnlein wirkt sie mystisch, wie aus der Zeit gefallen.