"Die heutige Jugend hat ein sehr positives Zukunftsbild" – Seite 1
Der Politikwissenschaftler Mathias Albert ist Hauptautor der 19. Shell Jugendstudie – und überrascht von der aktuellen Auswertung. Für die repräsentative Erhebung wurden im Zeitraum von Januar bis März 2024 insgesamt 2.509 Jugendliche im Alter von 12 bis 25 Jahren befragt. Wir haben uns zu einer Stunde Videocall verabredet, um vorab über die Ergebnisse zu sprechen, die heute Abend in Berlin vorgestellt werden. Es werden anderthalb Stunden, dann macht Alberts Stimme nicht mehr mit. In den nächsten Tagen wird er jedoch noch viel zu erklären haben.
ZEIT ONLINE: Herr Albert, wie würden Sie die heutige Jugend in drei Worten beschreiben?
Mathias Albert: Die heutige Jugend ist pragmatisch, weltoffen und hat ein sehr positives Zukunftsbild.
ZEIT ONLINE: Ist das Ihr Ernst?
Albert: Wir hatten auch nicht erwartet, dass die Jugendlichen so positiv in die Zukunft blicken – sogar positiver als bei der letzten Erhebung 2019. Dabei liegen zwischen unserer damaligen und der aktuellen Befragung unter anderem die Coronazeit und der Beginn des Ukrainekriegs. Es gab einen äußeren Schock nach dem anderen. Und dann so ein Ergebnis. Das ist schon ein Knaller!
ZEIT ONLINE: Das klingt fast unglaubwürdig.
Albert: Nun, um ihre persönliche Zukunft machen sich viele Jugendliche durchaus große Sorgen. In der Vergangenheit war es allerdings so, dass äußere Schocks die Jugendlichen eher zu einem düsteren Blick auf die Zukunft der Gesellschaft veranlassten, während der Blick auf die eigene Zukunft positiv blieb. Jetzt ist es genau andersherum.
ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie dieses Ergebnis?
Albert: Die für mich plausibelste Interpretation ist: Die Jugendlichen haben zwar Lockdowns erlebt und konnten ihre Freunde über längere Zeit nicht sehen, zudem haben die Bildungseinrichtungen keine brillante Figur abgegeben während der Pandemie. Aber das ist trotzdem die erste Generation seit dem Zweiten Weltkrieg, die live erlebt, dass die Gesellschaft in relativ überschaubarer Zeit durch eine Megakrise gekommen ist.
Wie siehst du die Zukunft unserer Gesellschaft?
Anteil der befragten Jugendlichen, die mit "eher zuversichtlich" antworteten.
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ZEIT-GRAFIK/Quelle: Shell Jugendstudie 2024, *Befragt wurden Jugendliche im Alter von
12 bis 25 Jahren in den Shell Jugendstudien 10-19 von 1984-2024
Wie siehst du die Zukunft
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die mit "eher zuversichtlich"
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ZEIT-GRAFIK/Quelle: Shell Jugendstudie 2024,
*Befragt wurden Jugendliche im Alter von
12 bis 25 Jahren in den Shell Jugendstudien
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ZEIT-GRAFIK/Quelle: Shell Jugendstudie 2024,
*Befragt wurden Jugendliche im Alter von
12 bis 25 Jahren in den Shell Jugendstudien
10-19 von 1984-2024
Wie siehst du die Zukunft unserer Gesellschaft?
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ZEIT-GRAFIK/Quelle: Shell Jugendstudie 2024, *Befragt wurden Jugendliche im Alter von
12 bis 25 Jahren in den Shell Jugendstudien 10-19 von 1984-2024
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ZEIT-GRAFIK/Quelle: Shell Jugendstudie 2024,
*Befragt wurden Jugendliche im Alter von
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Wie siehst du die Zukunft
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ZEIT-GRAFIK/Quelle: Shell Jugendstudie 2024,
*Befragt wurden Jugendliche im Alter von
12 bis 25 Jahren in den Shell Jugendstudien
10-19 von 1984-2024
ZEIT ONLINE: Die Coronazeit hat laut der Shell Jugendstudie also positive Folgen für die junge Generation? Die meisten anderen Studien kommen zum gegenteiligen Schluss.
Albert: Es ist ein Glücksfall, dass wir erst Anfang 2024 die Daten für die aktuelle Auswertung erhoben haben, also mit ausreichend Abstand zur akuten Pandemiesituation. So haben wir nun zum ersten Mal eine realistische Langzeitbetrachtung. Als ich die Ergebnisse gesehen habe, dachte ich: Ja, Corona hat Spuren hinterlassen. Aber nicht nur die, die wir erwartet haben, sondern auch positive. Diese Generation hat ein hohes Zutrauen in die Problemlösungsfähigkeit der Gesellschaft. Es gibt hohe Zustimmungswerte zu staatlichen Institutionen und zur Demokratie, sie sind gegenüber 2019 sogar minimal gestiegen.
ZEIT ONLINE: Trotzdem sagen Sie, die Jugendlichen sind auch sehr besorgt. Unzufrieden mit der konkreten Politik sind sie laut Ihrer Studie ebenfalls, weil vieles in Deutschland nicht funktionieren würde, was anderswo klappt.
Albert: Es ist eine seltsame doppelte Grundbefindlichkeit. Normalerweise würde man ja erwarten, dass das zusammenfällt: Wenn ich mit allem Möglichen unzufrieden bin, bin ich auch mit den grundsätzlichen Rahmenbedingungen unzufrieden. Doch die Jugendlichen sagen aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre heraus: Im Großen und Ganzen wird schon alles irgendwie hinhauen. Das einzelne "Es funktioniert nicht!" verdichtet sich nicht zur Systemfrage, so wie es am rechten Rand üblich ist.
ZEIT ONLINE: Wie passen Ihre Erkenntnisse mit all den Artikeln und Studien der vergangenen Monate zusammen, in denen die Jugend als pessimistisch, verunsichert und rechtsextrem beschrieben wurde?
Albert: Die Shell Jugendstudie ist eine langfristig angelegte Trendstudie, keine Momentaufnahme. Sie zieht ihre Stärken genau daraus, dass sie 2024 gucken kann, was der Unterschied zu 2019 ist. In unseren Daten sehen wir: Im Vergleich zu vor fünf Jahren geben deutlich mehr Jugendliche an, rechts oder eher rechts zu sein. Im Vergleich zu den Erhebungszeitpunkten davor, 2015, 2010 und 2006, haben wir allerdings fast gar keinen Anstieg.
"Von der Aufgeregtheit kann man mindestens ein Drittel abziehen"
ZEIT ONLINE: Sind die Medien also zu alarmistisch, wenn sie vor der rechten Jugend warnen? Das passierte ja gerade infolge der Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen.
Albert: Persönlich bin ich bei solchen Wahlergebnissen auch hochgradig alarmiert – doch nicht nur wegen der Jugend, die mittleren Altersgruppen sind da ja nicht besser. Aus einer nüchternen sozialwissenschaftlichen Betrachtung heraus kommt diese Entwicklung allerdings nicht überraschend. Bei den Jugendlichen sehen wir, dass jene, die sich schon immer als eher rechts oder rechts eingeordnet haben, es jetzt akzeptabel finden, auch so zu wählen. Vor fünf Jahren sagten 33 Prozent der Jungen, sie hätten Angst vor Zuwanderung nach Deutschland. In der aktuellen Erhebung sind es 34 Prozent. Dieser Anstieg ist zu vernachlässigen.
ZEIT ONLINE: Wovor haben die Jugendlichen noch Angst?
Albert: Die bei Weitem größte Angst ist die vor Krieg. Die hat vor fünf Jahren kaum eine Rolle gespielt. Auch vor den Folgen des Klimawandels fürchten sich die Jugendlichen weiterhin. Massiv hochgegangen auf über 50 Prozent ist die Angst vor Ausländerfeindlichkeit und wachsender Feindseligkeit zwischen den Menschen. In der Mehrheit sorgen sich Jugendliche also nicht vor Migration, sondern davor, was Populismus und Polarisierung mit der Gesellschaft machen.
ZEIT ONLINE: Laut Ihren Daten ist das Interesse an Politik so hoch wie seit 1991 nicht mehr.
Albert: Diese Generation politisiert sich – das ist unübersehbar. Fast alle Jugendlichen positionieren sich, die Mehrheit interessiert sich und informiert sich. Erstmalig verschwindet auch der Unterschied zwischen den Geschlechtern. Bisher waren Mädchen ganz klar weniger politisch interessiert. Bei der Positionierung gibt es deutliche Bewegungen nach links und nach rechts: Die jungen Frauen rücken nach links, die jungen Männer nach rechts. Im Durchschnitt liegen sie knapp links der Mitte. Insgesamt bleibt die Wertorientierung der Jugendlichen absolut stabil. Ihnen ist weiterhin ein gutes Verhältnis zu Familie und Freunden am wichtigsten. Außerdem legen sie Wert auf Gesetz und Ordnung, auf Eigenverantwortung und Unabhängigkeit.
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ZEIT ONLINE: Viele Leserinnen und Leser werden denken: Wie kann das sein, dass die Jugendlichen nun auf einmal so stabil und optimistisch sein sollen? Man hat in den vergangenen zwei, drei Jahren so oft gehört, dass sie psychisch stark belastet sind.
Albert: Moment, über die psychische Gesundheit der Jugendlichen sagen wir gar nichts, das ist nicht unser Thema. Und noch mal zum besseren Verständnis: Sie müssen sich die Shell Jugendstudie vorstellen wie einen Langzeitfilm. Das ist etwas ganz anderes, als wenn Sie einen Schnappschuss mit einer Polaroidkamera machen und die Jugendlichen mitten in der Pandemie fragen, wie es ihnen geht, oder Sie kurz vor einer Wahl eine Umfrage zum Wahlverhalten machen.
ZEIT ONLINE: Das bisher vermittelte Bild der Jugend ist also falsch?
Albert: Der Blick auf die Jugend ist eine schwierige Sache. Von der ganzen Aufgeregtheit kann man dabei mindestens ein Drittel abziehen. Die Jugend war schon immer besser als ihr Ruf. Zudem ist die Wahrnehmung der Jugend sehr stark geprägt durch diese unsäglichen Generationenlabels – Generation Z, Generation Greta, Generation Praktikum, Generation bla, bla, bla.
"Die Botschaft der Jugendlichen ist: Packt die Probleme an"
ZEIT ONLINE: Was ist so schlimm daran?
Albert: Sie sind völlig verkürzt. Der Begriff Generation Z zum Beispiel wird stark geprägt vom Arbeitsmarkt. Er hat sich schon immer nur auf ein ganz bestimmtes Milieu bezogen, das der oberen, akademisch gebildeten Mittelschicht. Uns geht es in der Shell Jugendstudie aber darum, alle Jugendlichen in den Blick zu nehmen. Und da sehen wir, dass sich die Jugendlichen nicht in eine ganz andere Richtung entwickeln als andere Altersgruppen. Wir können da keine Brüche feststellen. Dieses Klischee etwa, dass die jungen Menschen keine Überstunden mehr machen wollen und nicht leistungsorientiert sind – in unseren Daten ist das nicht feststellbar.
ZEIT ONLINE: Gibt es dann überhaupt etwas, das Menschen zwischen 12 und 25 Jahren miteinander verbindet und sie von den Älteren unterscheidet?
Albert: Am auffälligsten ist ihr Pragmatismus und ihre positive Zukunftsorientierung. Doch diesen Pragmatismus beobachten wir eigentlich für alle Generationen, die nach der Wende geboren wurden. Wir werden von den Medien und der Politik immer gefragt, was das Neue ist. Das für mich überraschendste Ergebnis unserer Studie ist aber gerade, dass sich vor dem Hintergrund der vielen Krisen und Umbrüche in diesem zentralen Punkt so wenig geändert hat.
Wie interessiert bist du an Politik?
Anteil der befragten Jugendlichen, die mit "stark interessiert« oder
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ZEIT-GRAFIK/Quelle: Shell Jugendstudie 2024, *Befragt wurden Jugendliche im Alter von
12 bis 25 Jahren in den Shell Jugendstudien 10-19 von 1984-2024
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ZEIT ONLINE: Was genau verstehen Sie unter pragmatisch?
Albert: Das Gegenteil von pragmatisch wären feste Lebensentwürfe, wenn die Jugendlichen zum Beispiel auf einmal stark traditionelle oder stark materiell orientierte Lebensentwürfe hätten. Oder wenn es Ihnen schwerfallen würde, all das zuzulassen, was heute pauschal als Diversität bezeichnet wird. Das sehen wir alles nicht. Wir sehen eine unglaublich hohe und anhaltende Toleranz in dieser Generation und ein unaufgeregtes Verfolgen von Lebensentwürfen.
ZEIT ONLINE: Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel?
Albert: Nehmen wir das Reizthema Gendern. Viel interessanter als der Anteil, der fürs Gendern oder gegen das Gendern ist, ist der relativ große Anteil der Jugendlichen, dem das vollkommen egal ist. Das ist pragmatisch!
ZEIT ONLINE: Gibt es eine Botschaft für die Älteren, die aus Ihren Erkenntnissen hervorgeht?
Albert: Die Jugendlichen nehmen sehr sensibel wahr, wenn ihre Belange nicht berücksichtigt werden. Das kann zum Problem werden in einer alternden Gesellschaft, deren Anteil an Jungen immer kleiner wird. Grundlegende Fragen werden bald womöglich stärker als Generationenfragen verhandelt – wir kennen das bereits aus dem Klimadiskurs.
ZEIT ONLINE: Bei welchen Themen erwarten Sie das?
Albert: Wenn es um soziale Fragen geht oder um wirtschaftliche Chancen. Ich vermute, dass die Generationengerechtigkeit dabei in Zukunft eine stärkere Rolle spielen wird. Die Älteren können es sich nicht leisten, die Jüngeren dabei zu verlieren. Die Botschaft der Jugendlichen ist: Wir sind ein Stabilitätsanker – noch. Aber bezieht uns ein und packt die Probleme an!