© Veronika Eschbacher

Vom Wandel zerrissen

Eine Reportage von , Herat, Kabul, Bamian, Faisabad
Die Globalisierung und die Folgen der Kriege schleudern die Afghanen in eine neue, ihnen unbekannte Welt. Die Folgen für die Psyche der Menschen sind enorm.

Still waren die Tage, still waren die Nächte in den zentralafghanischen Bergen. Ungezählte Male lag der junge Abdul Wadood Pedram nachts auf dem kargen Boden und starrte in den Sternenhimmel, wo er Gott wähnte. "Ich bitte Dich, mögen die Wölfe meine Schafe heute Nacht verschonen", richtete er sein Gebet an den Allmächtigen, bevor ihm die Augen zufielen.

Es dauerte selten mehr als wenige Sekunden, bis der Junge in tiefen Schlaf gefallen war, denn seine Tage waren lang, damals in den Neunzigerjahren. Jeden Morgen um fünf Uhr marschierte er drei Stunden zu Fuß in die Schule, ein Sitzpolster in der rechten Hand, ein Heft in der linken. Nach vier Stunden Unterricht nahm er denselben schmalen Pfad zurück. Schnell trank er ein Glas Tee bei seiner Mutter, bevor er mindestens eine Kuh und einen Esel, oft auch die 400 Schafe seines Dorfes in die Berge trieb. Blickte er zurück, wurde das Lehmhaus seiner Eltern zunehmend kleiner, bis es schließlich unerkennbar in der Landschaft versank.

Es rührte sich nicht viel in seinem abgelegenen Heimatdorf in der Provinz Bamian im Herzen Afghanistans, als Pedram seine ersten Schuljahre absolvierte. Eines Tages jedoch herrschte große Aufregung unter den Dorfkindern. Ein Gast war aus Pakistan gekommen. Der afghanischen Gastfreundschaft entsprechend wurde nicht nur der Gast versorgt, sondern auch dessen Pferd. Pedram holte also einen Packen Heu aus dem Stall und legte es vor etwas, das er als "so etwas wie eine große Kuh" wähnte. In Wirklichkeit legte er das Heu vor ein Auto. Es war das Jahr 1995 und es war das erste Mal, dass die Dorfbewohner ein motorisiertes Gefährt sahen.

Heute, etwas mehr als zwanzig Jahre später, sieht Pedrams Umgebung anders aus. Er sitzt in der afghanischen Hauptstadt Kabul in einem wuchtigen Bürosessel, umgeben von Laptops und Mobiltelefonen, die unentwegt klingeln. Sie zeigen Nachrichten aus London, Neu-Delhi oder Almaty. Blickt er aus seinem Bürofenster, versperren ihm Hochhäuser den Blick auf die landestypischen einstöckigen Lehmbauten. Autos sieht er, so weit das Auge reicht.

Der ehemalige Schafhirte und heutige Menschenrechtler Wadood Pedram © Veronika Eschbacher

Aus dem Schafhirten Pedram wurde innerhalb von zwei Dekaden ein international anerkannter Menschenrechtsanwalt. Er begreift oft selbst nicht, wie rasant sich sein Leben entwickelte. Pedram war von klein auf wissbegierig. Ihn hat das Neue immer interessiert. Doch bei Weitem nicht alle Afghanen kommen mit der Modernisierung und der damit einhergehenden gesellschaftlichen Liberalisierung der vergangenen eineinhalb Dekaden so zurecht wie er. Von ihnen handelt dieser Text.

Bis in die Neunzigerjahre hatte Afghanistan sich eher in eine rückwärtsgewandte Richtung entwickelt. Die Kriege – erst der Widerstand der Mudschaheddin gegen den Einmarsch der Sowjets ab 1979, danach der innerafghanische Bürgerkrieg und schließlich die Machtübernahme der radikalislamischen Taliban – hatten die Menschen immer konservativer gemacht. Die rasche Liberalisierung Afghanistans nach dem Fall der Taliban durch die US-Intervention im Jahr 2001 schleuderte die Afghanen dann jedoch in eine neue, ihnen unbekannte Welt. Wenn sich die Menschen heute umsehen, finden sie sich umringt von modernen Ideen, alternativen Lebenswegen und neuen Werten. In Europa dauerte die Entwicklung hin zu einer offenen Gesellschaft viele Jahrzehnte. In Afghanistan drang das Neue in wenigen Jahren über Radiowellen und Fernsehbildschirme in die Köpfe. Es kam mit Hunderttausenden Flüchtlingen, die aus dem liberaleren Ausland zurückkehrten, mit internationalen Truppen und mit westlichen Hilfsgeldern.

Bei manchen, vor allem Frauen und der jüngeren Generation, führten diese Veränderungen zu einer Befreiung. Viele andere erleben sie aber auch als Verunsicherung und Belastung. Sie entwickeln psychische Probleme, die bis zum Suizid führen können. Psychologen beschreiben die heutige Situation als "absolutes Chaos" – ein Chaos, das auch ein Hemmnis für die Entwicklung des Landes insgesamt darstelle. Nicht zuletzt, weil es in Afghanistan an ausreichender psychologischer Fürsorge fehlt. 

Stationen der Recherche

Eigentlich ziemt es sich am Hindukusch nicht, über Familienkonflikte, Gewalt und persönliche Probleme zu sprechen. Privates dringt selten nach außen. Doch die junge Generation, die sich heute vielerorts von den Werten ihrer Eltern distanziert, gewährt nach langem Zuhören einen Einblick in das, was sonst verschwiegen wird. Marwa etwa, eine junge Frau aus einem Außenbezirk der westlichen Stadt Herat, kann sich nicht an einen guten Tag erinnern im gesamten vergangenen Jahr. Ihre Eltern wollen, dass sie eine von ihnen arrangierte Ehe eingeht. Doch Marwa hat sich verliebt und kämpft für ihr Recht, den Ehepartner selbst zu wählen. 

Wenige Kilometer von ihr entfernt im Zentrum Herats erzählt Roya vom jahrelangen Kampf mit ihrer Familie über das Recht auf Bildung und Gleichberechtigung. Die ständigen Auseinandersetzungen setzten ihr so zu, dass sie oft tagelang das Bett nicht mehr verließ.

Husseins Beziehung zu seinen Eltern ging irgendwo auf dem langen Weg zwischen der Hauptstadt Kabul und der zentralafghanischen Provinz Daikundi verloren. Er war als junger Mann ohne Geld aus dem Dorf in die Stadt aufgebrochen, mit großen Ambitionen, sich zu bilden. Doch jeder Tag, an dem er studierte und sich über soziale Medien mit Themen und Menschen aus der ganzen Welt auseinandersetzte, entfernte ihn mehr von seinen Eltern, die Analphabeten sind. Marwa, Roya und Hussein: Ihre drei Geschichten zeigen, was Teile der afghanischen Gesellschaft durchgemacht haben.

Der Zusammenstoß von Tradition und Moderne überfordert viele. Warum psychische Probleme ein Tabu sind, erzählt ein Afghane.

1 — Marwa und der Einzug der Liebe

Vor den schmalen Holztüren des staatlichen Krankenhauses in Herat stehen zahlreiche Menschen im Schatten einer Baumreihe. Sie warten vor dem Eingang in die psychiatrische Abteilung. Drinnen huschen Männer und Frauen in Kitteln über die Gänge. Ein Mediziner öffnet einer jungen Patientin, Marwa, die Tür zum Besprechungsraum mit dem übergroßen Tisch. Üblicherweise finden hier Familientherapien statt, seltener Einzelberatung. Als die 17-jährige Marwa gedankenverloren ihre Hand ausstreckt, um mit den Blüten der Plastikblumen am Besprechungstisch zu spielen, rutscht der Ärmel ihres Mantels zurück und entblößt ihren linken Unterarm. Er ist übersät mit tiefen Schnitt- und Brandwunden.

Marwas Arm © Veronika Eschbacher

Irgendwann zählt die junge Frau, die für eine Folgeuntersuchung ins Krankenhaus kam, ihre bisherigen Suizidversuche im Stakkatoton auf. "Ich habe Tabletten genommen, dann Mäusegift gegessen, und ich sprang vom Dach. Einmal habe ich mir auch die Pulsadern aufgeschnitten", sagt sie und dreht weiter an einer roten Blüte.

Im vergangen Jahr kam sie jede Woche zur Individualberatung hierher, eine Zeit lang arbeiteten die psychosozialen Berater auch mit ihrer Familie im Krankenhaus. Seit diese nicht mehr kommt, ritzt Marwa sich. "Es gibt nur schlechte Tage", sagt sie, legt ihre Hand in ihren Schoß und zieht den Mantel wieder zurück übers Handgelenk.

Marwa hat sich in einen jungen Mann verliebt. Doch ihre Familie erlaubt ihr nicht, ihn zu heiraten. Ihre Eltern wollen der Tradition entsprechend den Ehemann für ihre Tochter wählen. Noch vor weniger als zwanzig Jahren wurden arrangierte Ehen nur selten von den Kindern infrage gestellt. Wer sich bei älteren Frauen erkundigt, ob sie denn mit der Wahl ihrer Eltern zufrieden waren, erhält nur verständnislose Blicke. Oder Sätze wie: "Darüber habe ich noch nie nachgedacht."

Doch die jungen Afghanen haben begonnen, diese Tradition zu hinterfragen. Seit zahllose Bollywood-Filme oder türkische Serien über die afghanischen TV-Schirme laufen, sinkt die Bereitschaft, sich dem Willen der Eltern zu fügen. In den Filmen wählen selbstbewusste Hauptdarstellerinnen ihre Ehemänner selbst. Und am Ende siegt immer die Liebe.

"Die Konflikte, die entstehen, weil junge Menschen nicht mehr so leben wollen wie ihre Eltern, werden von Tag zu Tag mehr", sagt der Psychologe Wahid Noorzad, Vizeleiter der psychiatrischen Abteilung im Krankenhaus in Herat. Vor allem beim Thema Heirat sei dies ein Problem, mit dem er täglich zu tun habe. "Früher kannte die afghanische Gesellschaft ganz wenig Liebe", sagt Noorzad. Unverwandte Männer und Frauen waren räumlich getrennt, es gab keine Möglichkeit, jemanden kennenzulernen. Heute seien die Menschen freier, ihre Einstellungen hätten sich geändert. Frauen könnten sich draußen bewegen, sich Männer ansehen, und umgekehrt. Über Handys oder soziale Medien nähmen sie Kontakt auf. "Irgendwann verlieben sie sich", sagt der Psychologe. "Doch meistens können sie diese Liebe nicht leben, sie ist unerreichbar."

Blick in die psychiatrische Abteilung des Krankenhauses von Herat © Veronika Eschbacher

Insgesamt steige zwar die Zahl der Familien, die Liebeshochzeiten akzeptierten. Doch viele andere, sagt Noorzad und deutet auf Marwa, sähen diese weiterhin als Problem. Denn persönliche Wünsche und Gefühle haben sich in Afghanistan traditionell dem Familienkollektiv unterzuordnen. Geben die verliebten jungen Frauen oder Männer ihren Wunsch nicht auf, lässt die gesamte Familie sie ihre Ablehnung, manchmal gar ihren Hass spüren.

Marwa kennt die verachtenden Blicke mittlerweile gut. Das Gefühl, das schwarze Schaf der Familie zu sein. Die Stimmung in ihrer Familie verändert sich, sobald sie das Zimmer betritt. Als sei sie eine gottgesandte Plage, die in den Raum einfällt. Oft reicht ein minimal kritischer Kommentar der jungen Frau, manchmal ein trotziger Blick und das missmutige Schweigen der Familienmitglieder schlägt in laute Streitereien um. Manchmal prügeln sie sich sogar.

Während junge Frauen in einer solchen Atmosphäre Symptome von Depressionen und Suizidgedanken entwickeln, sind junge Männer stärker von selbstverletzendem Verhalten betroffen, sagt Noorzad. Sie löschen Zigaretten auf ihren Armen aus, verbrennen sich mit dem Bügeleisen oder drücken ihren Schmerz durch riskantes Autofahren aus. Sie werden schneller böse gegenüber den Eltern, um zu zeigen, dass sie mit deren Entscheidung nicht einverstanden sind. Manche nutzen die erstbeste Möglichkeit, um wegzulaufen. Sie verlassen die Familie und gehen in den Iran oder ziehen in eine andere Provinz. Jene, die bleiben, ziehen sich innerhalb der Familie zurück und verlieren jegliches Interesse an ihrer Zukunft.

Auch Marwas Gesicht ist nicht eine lebendige Regung zu entnehmen. Bei der Frage, was sie denn in der Zukunft machen möchte, sagt sie: "Heech." Nichts.

Fareshta Quedees hat dieses "heech" in den vergangenen Jahren ungezählte Male gehört. Die Psychologin und Leiterin des Psychosocial and Mental Health Centers blickt aus dem Fenster in den strahlend blauen Himmel über Kabul. Knapp über ihr ziehen zwei amerikanische Kampfhubschrauber vorbei, unten auf der Straße trödeln Schulkinder nach Hause, Tagelöhner sitzen geduldig in ihren Schubkarren und warten auf Auftraggeber. Der Hubschrauberlärm zwingt Quedees, kurz innezuhalten. 

Zwischen 400 und 600 Klienten kommen jede Woche in ihre psychologische Klinik. Mobile Teams fahren regelmäßig in die Flüchtlingscamps der Umgebung, um dort Binnenvertriebene oder Rückkehrer aus Pakistan und dem Iran zu betreuen. "Ob wir es wollen oder nicht", sagt Quedees, "wir sind in Afghanistan in einer Übergangsperiode von einem traditionellen zu einem modernen Land." Der Wertewandel fordere nicht nur Menschen aller Altersgruppen heraus, sondern auch aller Bildungsschichten, Universitätsabgänger wie Analphabeten. Er habe nicht nur die städtische Bevölkerung erfasst, sondern auch die Menschen in den Dörfern. "Medien oder Internet kommen überall hin."

Es liegt aber nicht nur an der kurzen Zeitspanne, die die Afghanen hatten, um sich mit den neuen Ideen und Lebensbildern anzufreunden. Verschärft werden die Konflikte dadurch, dass im Land seit bald 40 Jahren Krieg herrscht. Die ständige Übererregbarkeit aus früheren Traumatisierungen – dass also Menschen permanent Angst haben, dass ihnen vergangenes Leid wieder zustößt – halte sie in konstanter emotionaler Anspannung, sagt Quedees. "Bei kleinen Änderungen im Familiensystem kann das dann schnell in extremes Kontrollverhalten, Schläge oder sogar Folter umschlagen." Psychologische Beratung nehmen die Wenigsten in Anspruch.

2 — Roya und ein Seiltanz für Bildung

Roya, einer 27-jährigen Soziologin aus Herat, missfällt die Vorstellung, zum Psychologen zu gehen. Nicht so sehr, weil sie fürchtet, als diwaana – verrückt – abgestempelt zu werden. Sie bezweifelt vielmehr, dass ein Psychologe oder eine psychosoziale Beraterin nachvollziehen können, was die junge Frau in den vergangenen Jahren durchlebt hat.

Dass Roya ihr Studium abschließen konnte und nun regelmäßig für einen kleinen Radiosender arbeiten kann, war ein langer, beschwerlicher Weg. "Alles, was ich gemacht habe, kam einer kleinen Revolution in meiner Familie gleich", sagt die junge Frau.

Vor zwanzig Jahren war vielerorts in Afghanistan noch der Glaube verbreitet, Mädchen, die zur Schule gehen, verlören ihre Ehre, respektierten ihre Eltern nicht mehr, ja würden sich sogar schwarzer Magie zuwenden. Ihre Eltern seien eigentlich modern, sagt Roya. Doch auch sie seien dem Druck aus der Gesellschaft ausgesetzt. Etwas Bildung befand ihre Familie für wichtig und gesellschaftlich akzeptiert. Aber nach der zwölften Klasse hieß es: Tochter, das ist genug für dich.

Die psychosoziale Beratung in Herat © Veronika Eschbacher

Roya selbst war anderer Meinung. Als sie der Familie sagte, sie werde Soziologie studieren, begannen die Schwierigkeiten. Ihre Eltern und Brüder hätten gedacht, Soziologie bedeute, vom Islam abzufallen, sagt sie. Gleichzeitig befürchtete die Familie, dass sich mit dem Studium Royas Einstellungen ändern. Sie lag damit richtig.

Royas Weg abseits der Tradition war einsam. Du bist nicht mehr unsere Tochter, bekam sie zu Hause zu hören. Sie wollte ihre Freiheiten und ein selbstbestimmtes Leben. Die Familie wollte, dass Roya sich innerhalb der von der Gesellschaft akzeptierten Regeln bewegt. Roya studierte weiter, las Buch um Buch – über Religionen, Ethik oder auch Franz Kafka – und kam irgendwann zum Schluss, dass zwischen ihr und ihren Brüdern kein Unterschied bestand. Sie lehnte sich gegen die Benachteiligung auf, die sie als Frau erfuhr. "Man glaubt es nicht, aber ich sah auf dem Teller beim Essen den Unterschied: Das Fleisch für die Brüder war anders als das Fleisch, das ich bekam." Sie beschwerte sich. Sie begann gegen ihre Brüder zu rebellieren, indem sie ihnen nicht einmal mehr ein Glas Wasser brachte. Dafür gab es Schläge von den Brüdern und der Mutter.

Mit der Zeit setzten ihr diese Auseinandersetzungen derart zu, dass Roya morgens nicht mehr aufstehen wollte. Zwei, drei Tage verbrachte sie im Bett, dann raffte sie sich wieder hoch. Zwei Mal versuchte sie, sich das Leben zu nehmen. "Nicht nur wegen der Familie", sagt Roya. Ihr Umfeld, die Gesellschaft, viele waren mit ihren Plänen nicht einverstanden.

Sechs Jahre hat es gedauert, bis Roya einen Weg gefunden hat, mit ihren Eltern umzugehen. Deren Werte zu respektieren, aber auch ihre eigene Haltung zu verteidigen. Sie sei froh darüber, dass sie mit ihren Eltern nie endgültig gebrochen habe. "Streit alleine bringt keine Veränderung", sagt sie. 

Der Dorfbewohner Sayed Aznar hält einige Konventionen Afghanistans für veraltet. Seine Tochter erzieht der Analphabet liberal.

3 — Hussein und die Brüche in den Familien

Und deine Eltern? Hussein überlegt lange. "Nein, nein", winkt er schließlich ab. Mit seinen Eltern habe er mittlerweile gar nichts mehr gemeinsam. Der 27-Jährige, geboren in der Provinz Daikundi, war im Alter von 19 Jahren mit mehreren Freunden aus seinem Heimatdorf nach Kabul gezogen, um zu studieren. Als sie dort ankamen, hatten sie nichts. "Wir hatten nie genug zu essen. Aber Bildung war für uns das Wichtigste", erzählt er.

Es dauerte nicht lange, bis Philosophen wie Martin Heidegger, Albert Camus, Immanuel Kant oder ihr iranischer Kollege Mustafa Malikian die Weltanschauung von Hussein auf den Kopf stellten. Nächtelang sah er YouTube-Videos und las sich durch Stapel von Büchern. Eingequetscht wie eine Sardine in der Büchse lag er zwischen seinen fünf Zimmermitbewohnern. War der Strom wieder einmal ausgefallen, las er bei Kerzenschein. Und er kam zu einem eindeutigen Schluss: "Heute glaube ich nicht mehr an afghanische Traditionen, an Werte wie Ehre, Mut oder arrangierte Hochzeiten."

Doch sein Sinneswandel führte nicht zur gewünschten Befreiung. Heute muss sich der junge Mann ständig selbst verleugnen. Der Wertewandel hat auch ihn von seinen Eltern, die sehr konservativ sind, entfernt. Sie haben keine gemeinsamen Gesprächsthemen mehr. "Meine Mutter weiß nichts von dem, was ich weiß", sagt er. Sein Vater sei so traditionell, dass der Schiit im Vorjahr sogar nach Syrien kämpfen gehen wollte, um heilige Stätten vor dem Islamischen Staat zu verteidigen und so der Familie Ehre zu bringen. Nur weil er zu alt war, wurde er wieder nach Hause geschickt.

Traf Hussein in den vergangenen Jahren seinen Vater, musste er sich verstellen. "Ich kann ihm nicht sagen, woran ich wirklich glaube, und das stresst mich sehr", sagt er.

Hussein Binish © Veronika Eschbacher

In den Stress mischt sich auch latente Angst. Mit seinen engsten Freunden debattiert der junge Mann regelmäßig über das Leben, die afghanische Kultur. Sie feiern auch zusammen, sagt Hussein. Was dabei geschieht und was unter anderem über die Religion gesagt wird, verlässt aber nie das bescheidene Zimmer. "Wenn meine Eltern oder andere Menschen davon erfahren, werden sie sagen, wir müssten getötet werden. Denn wir hinterfragen alles, was Traditionalisten wie ihnen heilig ist."

Zweimal weinte Hussein öffentlich aus Verzweiflung darüber, dass er seine wahren Gedanken nicht ausdrücken kann. Denn nicht nur innerhalb der Familie, sondern auch mit konservativeren Studienkollegen und Professoren hat er Probleme. "Sie kreieren eine Persönlichkeit für mich und schreiben mir vor, wie ich reden und wie ich mich benehmen soll." Er postete sein Klagen auf Facebook.

Mit seinem öffentlichen Weinen hätte er die Familie beschämt, bekam er danach zu hören. Eines Abends konnten seine Verwandten nicht akzeptieren, dass er mit seinem Vater diskutiere und sich nicht dessen Entscheidungen beuge. Seitdem hat der Vater den Kontakt abgebrochen. 

Heute legt Hussein öfter seine Bücher abends zur Seite und denkt darüber nach, ob es einfacher wäre, wieder traditioneller zu sein. Auch Cousins und Onkel kritisieren immer wieder sein Verhalten. Doch Hussein spürt, dass dies nicht der Ausweg sein kann. "Käme es so, müsste ich ständig innerlich mit mir kämpfen."

Entwicklung eines dritten Ichs

Rohullah Amin kennt dieses Problem gut. Der Arzt mit Therapieausbildung erzählt von vielen "verwirrten Seelen", die in den vergangenen Jahren in Kabul zu ihm in die Beratung kamen. Viele, die sich geöffnet hätten für die neuen Werte, würden von konservativeren Familienmitgliedern, Studien- oder Arbeitskollegen nicht akzeptiert. Daher müssten sie jemand sein, der sie nicht sind. "Dieses ständige Wechseln zwischen diesen beiden Ichs, dem wahren und dem gesellschaftlichen, produziert ein drittes Ich, das wirklich verwirrt ist und nicht mehr weiß, wer die Person eigentlich ist", erklärt Amin.

Diese innere Konfusion betreffe alle Lebensbereiche. Seine Klienten sagen etwa erst, sie seien religiös. Dann seien sie nicht mehr religiös. Wenig später glauben sie an gar nichts mehr, wieder ein paar Monate später sagen sie: "Ich bin gläubig, aber ich habe Schwierigkeiten mit meiner Identität." Die Menschen wüssten nicht mehr, woher sie kämen, wohin sie wollten, sagt Amin. Sie entwickelten Symptome von Depressionen, Angstzuständen und Traumata. Diese Anpassungsschwierigkeiten sieht er als Resultat des beschleunigten Wachstums, das auch mit internationalen Geldern angefeuert wurde. "Manche von uns kommen mit der Geschwindigkeit des Wandels einfach nicht mehr mit." 

Die afghanischen Behörden seien mit dem Wandel des Landes überfordert, sagt der Psychiater Rohullah Amin. Die Folgen erkenne er an seinen Patienten.

Ein Beispiel dieses angefeuerten Wandels, wie Amin ihn nennt, seien die umfangreichen Investitionen westlicher Geldgeber in Frauenrechte. "Unseren Frauen wurde gesagt: Erhebt euch und alles wird gut." Alle hätten gedacht, dass durch diese Programme gebildete, ermächtigte, mutige Frauen entstünden, die für ihre eigenen Rechte einstünden. "Aber sie schufen eine Generation, die total verloren ist, abgeklemmt von den Werten, die in ihren Gemeinden und Familien hochgehalten werden", sagt Amin. Eine unbeabsichtigte Folge – wohl auch, weil mit den Männern praktisch nicht gearbeitet wurde – war die Ablehnung jener Frauen, die zu Hause ihre Rechte einforderten.

Die Familien hätten sich von den revoltierenden Töchtern distanziert oder sie verleugnet. Viele Frauen seien in Frauenhäusern gelandet, die Gefängnissen glichen, in Polizeistellen vergewaltigt oder bei Gericht missbraucht worden. "Ich sage nicht, dass Frauen die Zustände hätten akzeptieren sollen – ich sage, die Polizei und das Justizsystem hätten darauf vorbereitet werden müssen."

Gesundheitsversorgung in Afghanistan

Psychosoziale Hilfe

2001, nach dem Sturz der Taliban, lag das afghanische Gesundheitssystem insgesamt darnieder. Nur 20 Prozent der Bevölkerung hatten überhaupt Zugang zu Gesundheitsversorgung. Der Bereich psychische Gesundheit existierte nicht.

Im Jahr 2005 gründete das afghanische Gesundheitsministerium eine Abteilung für mentale Gesundheit. Als sich 2007 die Ansicht durchgesetzt hatte, dass Menschen mit psychischen Problemen nicht nur Medikamente brauchen, sondern psychosoziale Hilfe, wurde diese Hilfe schließlich auch in die medizinische Grundversorgung aufgenommen.

Gut 700 psychosozialer Berater durchliefen seither eine einjährige Ausbildung. Der Großteil davon arbeitet nun in kleinen, ländlichen Kliniken, neben Ärzten, Hebammen und Pharmazeuten. Zusätzlich gibt es psychiatrische Abteilungen in größeren Provinz- und Regionalkrankenhäusern. Tausende Ärztinnen und Ärzte haben nach Angaben des Gesundheitsministeriums zweiwöchige Trainings für Basis-Counselings erhalten. Tausende Hebammen und Krankenschwestern durchliefen sechstägige Ausbildungen.

Die Hilfe wird immer stärker nachgefragt: Waren es vor fünf Jahren noch 800.000 Afghaninnen und Afghanen, die diese Angebote nutzten, waren es im Jahr 2017 bereits 1,7 Millionen.

Stigmatisierung psychisch Kranker

Psychisch Kranke sind in Afghanistan noch immer stigmatisiert. Das Psychosocial and Mental Health Center in Kabul versucht, die Akzeptanz von psychischen Problemen zu erhöhen. Die Probleme, mit denen die Menschen in das Zentrum kommen, hängen oft mit ihrer aktuellen Lebenslage zusammen.

Aus dem Ausland zurückgekehrte Flüchtlinge müssen beispielsweise damit zurechtkommen, sich wieder von Null ein Leben aufzubauen. Bei Menschen aus Regionen mit sehr schlechter Sicherheitslage dominieren Themen wie Angst und Verlust. Ein weiteres großes Thema sind Familienkonflikte, bedingt durch den Wertewandel der Gesellschaft.

Das Land hat zu wenig Psychologen

Der Bedarf an psychischer Betreuung ist weit höher als das Angebot in Afghanistan. Da es etwa in den 400 ländlichen Kliniken oft nur jeweils einen Berater gibt, also eine Frau oder einen Mann, "fällt immer ein Geschlecht durch den Rost", wie der Direktor der Abteilung für mentale Gesundheit und Substanzmissbrauch, Bashir Ahmad Sarwari, sagt. Viele Frauen wollen sich aber nur Frauen anvertrauen und viele Männer nur Männern.

Es gibt zudem nicht genug psychologische Berater im Land. Sie fehlen im Ministerium für Drogenbekämpfung, im Frauenministerium, in Gefängnissen, Frauenhäusern oder im Bildungsministerium. "Wir haben viele Geldgeber in Afghanistan, aber kaum einer investiert in mentale Gesundheit", sagt Sarwari. Die Europäische Union sei seit 2000 der einzige Investor in diesem Bereich.

Vor allem Männer wünschen sich einen langsameren Wandel in Afghanistan, einen sanfteren Übergang. Einem älteren Mann aus einer südlichen Provinz etwa missfiel, dass seine neue Schwiegertochter sich jeden Tag wusch und jeden Tag neue Kleider anzog. Das widersprach der Tradition in seinem Haus. Doch die Schwiegertochter ignorierte seine Beschwerden. Der Mann entwickelte große Angst, dass sich nun die ganze Familie ändern würde, denn auch seine Tochter und sein Sohn fingen bereits an, sich öfter zu waschen. Der Mann hatte einerseits ökonomische Ängste, denn er konnte es sich nicht leisten, jeden Tag Gas zu kaufen für das warme Wasser. Andererseits hatte er Angst vor dem Verlust seiner Autorität, da seine Befehle nicht mehr befolgt wurden.

Andere ältere Männer sagen, es sei eine sehr große Scham für sie, Kinder aufgezogen zu haben, die ihnen widersprächen. Sie fürchten die Verurteilung der Gesellschaft, keine guten Väter zu sein. Viele von ihnen haben Angst, dass sich ihre Kinder nicht mehr um sie kümmern, wenn sie selbst alt sind. Als Einzelner ist man in der afghanischen Gesellschaft kaum überlebensfähig. Nur die wenigsten erhalten eine Rente.

4 — Entschleunigung ist eine Illusion

In Afghanistan ist alles in Bewegung. Der jungen Bevölkerung werden mehr Möglichkeiten eingeräumt als je zuvor. Junge Frauen als Fernsehmoderatorinnen sind heute akzeptiert, bei Problemen mit der Familienehre werden Betroffene nicht mehr getötet, sondern ziehen in eine andere Provinz. Immer mehr Töchtern, die sich verliebt haben und mit ihren Auserwählten türmten, wird die Eheschließung gestattet. Immer öfter wird akzeptiert, wenn eine junge Frau in einer anderen Provinz oder im Ausland studieren will. Frauen, die eine Zeit lang in Frauenschutzhäusern Zuflucht suchten, werden von ihren Familien immer öfter wieder aufgenommen.

Auch die Definition von Scham – etwas, das Afghanen schlimmer finden als den Tod – verändert sich. Kinder in die Schule gehen zu lassen, ist nichts Schamvolles mehr. Es gibt immer mehr Väter, die einer Selbstverwirklichung der Söhne und Töchter positiv gegenüberstehen. Junge Frauen in der Provinz Bamian spielen öffentlich Fußball oder fahren Fahrrad. Väter in der konservativen Provinz Paktia erlauben, dass ihre Töchter fotografiert werden. Und auch der Staat kümmert sich mit mehr Psychologen um die Nöte der Bevölkerung. (Siehe Infobox).

Die Erlaubnis zu erhalten, eine Frau unverhüllt zu fotografieren, war vor 15 Jahren in Afghanistan praktisch unvorstellbar. © Veronika Eschbacher

Der Wandel hat die Menschen aber nicht in gleicher Weise verändert. Die Gesellschaft ist heute stark polarisiert. Wer fragt, ob die modern Denkenden aktuell in der Überzahl sind oder die Konservativen, wird keine eindeutige Antwort erhalten. Die Liberalen sind vielmehr in den vergangenen Jahren noch moderner geworden, die Traditionalisten noch konservativer.

Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene gibt es niemanden, der sich um die Wiederherstellung des sozialen Zusammenhalts bemüht. Der Wertewandel und die Veränderungen, die über Afghanistan hereingebrochen sind, werden von Politikern kaum debattiert. In der vielfältigen afghanischen Medienlandschaft gibt es nur eine Fernsehserie, die sich dem Thema widmet. Ein gesamtgesellschaftlicher Diskurs darüber geht wegen der sich verschlechternden Sicherheitslage, hoher Arbeitslosigkeit und Armut unter. Über die Schicksale von Marwa, Roya und Hussein gibt es keine Debatte.

Wenn der ehemalige Schafhirte Wadood Pedram heute aus dem Fenster sieht, sieht er diese Gegensätze seines Landes. Er sieht den Pferdekarren neben dem Mercedes auf der Straße, Frauen in der Burka neben anderen, die alleine zur Universität laufen. Er beobachtet, wie seine Mitarbeiter und Freunde ihr Leben als täglichen Seiltanz meistern.

Einerseits liest er Aufrufe, Studentinnen und Studenten wieder in getrennten Hörsälen zu unterrichten. Andererseits sieht in den Nachrichten, wie Pläne abgeschmettert werden, die Schuluniform für Mädchen wieder traditionell vorzuschreiben. Beides ist Teil eines gesellschaftlichen Ringens darum, welche traditionellen Werte mit in die Zukunft genommen werden und welche nicht, sagt Pedram.

Dann steckt er seinen Laptop in den kleinen, schwarzen Rucksack auf dem wuchtigen Bürosessel, schiebt die Smartphones in die Innentasche seines eng geschnittenen Jacketts. Und entschuldigt sich. Er brauche eine kurze Auszeit von seinem hektischen Leben in Kabul, sagt er. Und fährt zu seiner Familie ins Dorf nach Bamian.


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Die Globalisierung brachte Afghanistan rasch liberale Ideen und Hochhäuser. Doch viele leiden unter dem Wandel – und die psychologische Versorgung ist schlecht. Ein Video


Text und Bilder: Veronika Eschbacher

Videobearbeitung: Ana-Marija Bilandzija

Layout: Juan F. Álvarez Moreno

Redaktion: Steffen Dobbert, Simone Gaul