Video: Impressionen der Hauptstadt

Wachstumsschmerz

Von und
Die Stadt boomt, der Platz schwindet, um jeden Freiraum wird gerungen. Wie geht es Berlin vor der Wahl?

Berlin ist, wenn es schiefgeht. Termin beim Bürgeramt? Gern, in drei Monaten. Flughafeneröffnung? Doch schon nächstes Jahr, vielleicht 2018, mal sehen. Wer in der Hauptstadt lebt, nimmt das mit Gelassenheit und Spott.

Aber es gibt auch echte Probleme. Überall in der Stadt wird um Platz gestritten. Auf der Straße, wo aggressive Autofahrer auf aggressive Radfahrer treffen. In den Wohngebieten, wo sich Alteingesessene ihren Kiez nicht mehr leisten können, weil Baulücken mit Eigentumswohnungen gefüllt werden. In der ganzen Stadt, wo Flüchtlinge teils freundlich, teils mit Hass empfangen werden. Und in den Szenebezirken, wo sich Partytouristen gegenseitig auf die Füße tanzen und mit ihnen die Zahl der Dealer und Taschendiebe steigt. Berlin hat inzwischen knapp 3,7 Millionen Einwohner, in den vergangenen zehn Jahren sind 300.000 Menschen hinzugekommen – eine ganze Großstadt. 

Die Platzfrage wird eine entscheidende sein, wenn Berlin am Sonntag wählt. Von den Plattenbauten in Marzahn bis in den Grunewald.

1 — Turnen und hassen in Hellersdorf

Die NPD-Plakate hängen niedrig hier. Deutschland uns Deutschen und Türkiye Türklerindir, die Türkei den Türken. Marzahn-Hellersdorf im Nordosten Berlins ist der Nein-zum-Heim-Bezirk, wo an Flüchtlingsunterkünfte Schweineköpfe fliegen. Wo die Leiterin eines Heims am Telefon mit einem misstrauischen "Wieso?" antwortet, wenn man fragt, ob sie am Apparat sei. 

Es ist auch der Bezirk von Sherin. Blonder Pferdeschwanz, 13 Jahre, Leidenschaft: Turnen. Sie macht Handstand, wish to be famous steht auf ihrem T-Shirt. Emilia und Leonie schlagen Räder. Die anderen Mädchen hinter dem Jugendclub U5 sitzen im Gras und schauen zu. Rosa Turnbeutel, rosa Turnschuhe. Manchmal ist Samira mit dabei, und andere Mädchen aus dem Heim nebenan. Die sind nett, sagt Emilia. Nur die Jungs beleidigen uns manchmal in ihrer Sprache, sagt ihre Freundin. Ihre Turngruppe haben sie selbst organisiert, rumhängen ist ihnen zu blöd. Es gibt keine Trainerin, aber vielleicht bald Outfits für den nächsten Auftritt, wenn die Kinderjury des Jugendclubs sie zu Siegerinnen kürt. 

80.000 Flüchtlinge sind im vergangenen Jahr nach Berlin gekommen. In Unterkünften in Marzahn-Hellersdorf leben knapp 3.000, halb so viele wie im Nachbarbezirk Lichtenberg.

Judith Poppe vom Kinder- und Jugendbeteiligungsbüro Marzahn-Hellersdorf © Maria Sturm

Das Heim, aus dem manchmal Kinder rüber in den Jugendclub kommen, ist ein Plattenbau mit Waschbetonwänden. Auf dem Hof stehen Holzkisten, in denen Gemüse wächst, Judith Poppe hat es gepflanzt, mit Bewohnern und Gärtnern aus den Kreuzberger Prinzessinnengärten. Poppe arbeitet im Kinder- und Jugendbeteiligungsbüro des Bezirks. Wenn man mit ihr die Gärten am Heim anschaut, winken die Bewohner aus den Fenstern. 

Poppe lebt in Neukölln. Als sie ihren neuen Job in Marzahn anfing, hatte sie Bedenken. Doch in den Jugendfreizeiteinrichtungen hat sie schnell gemerkt: "Das Klischee, Marzahn-Hellersdorf ist voller Nazis, stimmt natürlich nicht. Aber ich will das Problem nicht kleinreden. Ich komme nicht viel mit Leuten auf der Straße ins Gespräch." Auch in Hellersdorf ist es, wie überall in der Stadt, möglich, sich im Kreis ähnlicher Leute zu bewegen. 

Die frühere Schule ist heute Flüchtlingsheim. © Maria Sturm

Neben dem Heim steht ein Riegel Plattenbauten. Eine Frau, die aus einem der Eingänge kommt, sagt über die Nachbarn: "Mich stören die nicht." Jemand ruft von den Mülltonnen neben dem Eingang: "Ein Pack ist das!" Die Frau guckt entschuldigend. "Also ich kann nur für mich sprechen", sagt sie und geht weiter. Die Stimme von den Mülltonnen kommt von einer 64-Jährigen mit Blumenshirt, Brille und braunen Haaren. "Man fühlt sich ja inzwischen hier als Ausländer." Sie stellt sich mit Namen vor, aber den muss man ja nicht schreiben, sagt sie. Sie hat ihren Schlüssel aus Versehen in den Müll geworfen.

"Ich hasse Ausländer wie Sau", sagt die 64-Jährige. Morgens um sieben, sagt sie, werde sie am Wochenende von den Heimbewohnern im Hof geweckt. Neben ihr steht ihr Enkel, 17 oder 18, hilft ihr beim Schlüsselsuchen. Er widerspricht: "Ganz objektiv, die haben noch nie was gemacht", sagt er über die Heimbewohner. "Der Deutsche ist ein Arschkriecher", sagt die Frau, das habe schon ihre Mutter, eine Norwegerin, gesagt. Die meinte damit die Hitlerverehrer. Die 64-Jährige meint das andersherum: "Die Leute trauen sich nur nicht, ihren Rassismus zuzugeben."

2 — Juttas Welt in Biesdorf

Jutta Streses Welt hat sich seit 1978 nicht verändert. Wende hin oder her. So sagt sie es selbst. Seit 28 Jahren wohnt sie in Marzahn-Hellersdorf. "Es wurden ein paar Häuser aufgemotzt, mit Wärmedämmung. Es sind mehr Ausländerkinder in der Schule. Die Bäume sind gewachsen. Aber sonst nix." Jutta Strese ist 68, ihr Bikini ist hellblau, die Narbe, die sich über ihr Brustbein zieht, ist rot und rosa. Sie steht neben ihrer Datsche, die Kürbisranke auf der Hecke lässt vor Durst die Blätter hängen.

Nebenan auf einer Brache steht ein Bagger, in der Ferne Hochhäuser. Eigentlich verändert sich Juttas Welt gerade sehr: 900 Wohnungen baut die Stadt hier in Biesdorf, einem Teil von Marzahn-Hellersdorf, nachdem im Bezirk jahrelang wegen Leerstand abgerissen worden war. Berlin wächst, auch die Randbezirke boomen. 

Strese trinkt alkoholfreies Bier im Schatten unter dem Kirschbaum. Nur noch das, seit sie Schlaganfall und Herz-OP hatte. "Wer nach Berlin kommt, will Marzahn-Hellersdorf nicht sehen", so sei es bisher gewesen. Und während anderswo gegen Neubauten protestiert wird, sagt Strese in ihrem Garten: "Das war doch alles Maisfeld hier."

Jutta Strese mit ihrer Ernte: Äpfel, Birnen, Möhren © Maria Sturm

Geboren wurde sie im Prenzlauer Berg. Die Familie lebte lange zu viert in einer Zweizimmerwohnung. Als sie eine Neubauwohnung in Marzahn angeboten bekamen, erzählt sie, "da wollte ich doch keinen Besichtigungstermin! Die nehm' ich."

Die Parzelle, auf der ihre Datsche steht, hat Strese 2004 gekauft. Mit der Abfindung vom Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf, wo Strese Wohngeldanträge bearbeitet hatte. Mit 56 ging sie freiwillig. "Ich kann Sarrazin nicht leiden", sagt sie, "aber ich bin ihm heute noch dankbar, dass er als Finanzsenator damals gesagt hat: Weiber, hört auf zu arbeiten." Im Sommer zieht sie seither Möhren, Zwiebeln und sogar Spargel. Hinter der Datsche steht eine Gartendusche. 

Ihre erwachsene Tochter kümmert sich um zwei syrische Familien, die sie beim Helfen im Flüchtlingsheim kennengelernt hat. "Von denen wurden wir alle mal bekocht", erzählt Strese. "Die sind so bescheiden. Trotzdem werden sie nicht richtig integriert." Sie hat die Tochter auch manchmal ins Heim begleitet. Aber dorthin kann Strese nicht mehr. Die fünf Euro Benzingeld, sagt sie, kann sie sich nicht leisten. 

Am Sonntag wird Jutta Strese seit Langem mal wieder zur Wahl gehen, muss aber erst noch den Wahl-O-Mat machen. Eines ist klar für sie: "AfD, da sträubt sich doch alles dagegen."

3 — Milchreiseis im Kaskelkiez

Die alte Apotheke ist weg. "Na, 'n Architektenbüro", sagt der Elektriker auf der Leiter im Eckladen und spachtelt weiter die Verteilerdose ein. Die Leute, die jetzt hier im Kaskelkiez in Lichtenberg wohnen – fast Friedrichshain, aber schön ruhig – brauchen keine Pastillen. Sie wollen ein Eigenheim, einen Wanddurchbruch, ein Gartenhaus.

Steffen Winkel macht alle Sorten selbst. © Maria Sturm

Und Eis. Das verkauft ihnen Steffen Winkel. Sanddorn, Milchreis oder Pinie, eine, zwei, drei Kugeln. In der Rushhour nach Kindergartenschluss geht die Schlange vom SchokoLadenEis des 52-Jährigen bis auf die Straße. 

Der Kaskelkiez im ehemaligen Ostteil der Stadt hat eine Kopfsteinpflasterstraße längs und viereinhalb quer; dreistöckige Altbauten, breite Fußwege, Ahornbäume, Vogelgezwitscher. Er liegt neben dem Bahnhof Ostkreuz, aber außerhalb der Ringbahn, deswegen haben die Berliner ihn lange nicht beachtet. Nun aber ziehen die jungen Familien her, die es in den Partykiezen nicht mehr aushalten. Und es sich leisten können.

Winkel schabt hellbraune Creme aus der Eismaschine in einen Bottich und schiebt einen zweiten drunter. Mokka. Er schwitzt unter seinem weißen Konditorhütchen. Alle seine Sorten macht er selbst, alle mit einer einzigen Eismaschine. Eiskonditor hat er damals in der DDR gelernt, im Laden seiner Eltern in Berlin-Schmöckwitz. Seinen Sanddorn holt er von der Insel Hiddensee. "Das ist ein Spleen", sagt er, es rechne sich nicht, aber die Kunden liebten es.

Auf 500 mal 800 Metern lässt sich im Kaskelkiez die Gentrifizierung beobachten. Fahrradständer wurden in die Gehwege gebuddelt, gegenüber der kleinen Spielhalle, wo früher ein Netto-Supermarkt war, hat eine Baugruppe vier neue Hausnummern in die Kernhofer Straße gepflanzt. Am Nordende des Kiezes können demnächst Wohnungen im Victoria-Ensemble für elf Euro kalt pro Quadratmeter gemietet werden, in derselben Straße werden Townhouses gebaut. 

Die Bank, erzählt Winkel, wollte ihm damals, vor sechs Jahren, fast keinen Kredit geben. Das könne doch nichts werden mit dem Geschäft in diesem Wohngebiet. Das erste Jahr war tatsächlich kaum jemand da. "Die Veränderung im Kiez ist mit mir gekommen", sagt Winkel, "aber ich bin auch wegen der Veränderung da."

Winkel hat selbst einmal hier gewohnt, kann sich den Kiez zum Wohnen aber schon länger nicht mehr leisten. Findet er nicht so schlimm. Abends, wenn er nach zwölf Stunden Arbeit den Laden abschließt, fährt er in die Wohnung in Tempelhof zu seiner Frau. In eine ganz normale Wohngegend.

4 — Touristen, Drogen und queere Karaoke in Friedrichshain

Die kleine Karaokebar befriedet sie alle. In Friedrichshain sind die Clubs und Bars entlang der S-Bahn-Schienen an der Warschauer Straße in den vergangenen Jahren zur Partymeile geworden. Mehr Clubs, mehr Menschen, noch mehr neue Clubs. 

Manchmal fallen Betrunkene von der S-Bahnbrücke. Es gibt Messerstechereien unter den Feiernden. Es gibt Streit unter den Dealern, die die vielen neuen Kunden mit Gras, Koks und Pillen versorgen. Es wird geklaut und geraubt. Die CDU hat Wahlplakate mit dem Slogan "Sicher feiern" aufgestellt. Auch die Bezirksbürgermeisterin, eine Grüne, fordert ein härteres Vorgehen der Polizei.

Aber es gibt eine Tür an der Warschauer Straße, hinter der es plötzlich friedlich ist. Ein dunkler Club mit roten Polstern, kleinen Karaokekabinen und einer Bühne voller Diskokugeln, auf der die Mutigen vor Publikum singen. "More is more!" steht an der Wand hinter der Bar.

Silke Spalony ist Geschäftsführerin der Monster Ronson's Ichiban Karaokebar. © Maria Sturm

"Das Singen macht was mit den Leuten", sagt Silke Spalony. Sie ist die Geschäftsführerin der Monster Ronson's Ichiban Karaokebar. Eine unglaubliche Mischung aus Beyoncé, Frank Sinatra und den Backstreet Boys schallt abends kreuz und quer durch den Laden, am Tag ist es kühl und ruhig.

Als der Laden vor neun Jahren an die Warschauer Straße zog, sagten die Leute zum Besitzer noch: Bist du bescheuert? "Das war hier damals ein Nichtort", sagt Spalony.

Im Prinzip dürfe jeder rein, der respektvoll, freundlich und nicht zu betrunken ist. "Hier geht's darum, Positives zu erleben, deshalb haben wir wenig Stress." Manchmal schläft einer ein oder pöbelt rum, sagt Spalony.

Spalony ist 43, sie kommt aus Brandenburg und lernte als 16-Jährige Kellnerin im Berliner Hof in der Kleinstadt Fürstenwalde. In den neunziger Jahren ging sie nach Kreuzberg, entdeckte Techno, versuchte sich an einem Geologie-Studium, hörte wieder auf, arbeitete als Barfrau. Verlockend war die Szene im wiedervereinten Berlin, wo plötzlich alles möglich war. "Das waren rechtsfreie Räume damals beim Feiern", sagt sie.

In Kreuzberg lernte sie Ron kennen, einen Punk, der nach einer USA-Reise mit einer Karaokemaschine durch besetzte Häuser zog. Den ersten Laden machte er in Kreuzberg auf. Von Beginn an sei die schwule Feierszene ihr Publikum gewesen, sagt Spalony. "Damals gab es das Wort queer noch nicht." Und es sei auch immer noch so: "Unter der Woche kommen unsere Freunde, am Wochenende verdienen wir das Geld."

"More is more!" © Maria Sturm

Im Ronson's stieg Spalony von der Barfrau zur Geschäftsführerin auf, als sich der Chef auf seinen Hof in der Uckermark zurückzog. Sie selbst hält es gut aus mitten in der Stadt. Die Berichte über die Kriminalität auf der Feiermeile findet sie manchmal übertrieben, trotz der Veränderungen.

Montags steht eine Frau an der Tür der Karaokebar, die hält lange Vorträge, welche Stimmung im Ronson's gewünscht ist. "Eine betrunkene schottische Männergruppe in Kilts, die Junggesellenabschied feiert, prägt die Stimmung in so einem Laden", sagt Spalony. Aber nicht alle werden weggeschickt. "Das funktioniert gut." Hier müssen die Schotten im Kilt und die tätowierten Prolls aus Lichtenberg klarkommen, wenn eine Dragqueen zu ihnen ans Mikro tritt. "Wir haben unsere Haltung bewahrt."

Spalony kommt aus dem linken Lager, sagt sie, hat aber in Manchem ihre Haltung geändert. "Früher war die Polizei mein Feind." Heute hilft die ihr, wenn ihre Leute Taschendiebe auf frischer Tat erwischen. Während anderswo in Friedrichshain der Konflikt zwischen Touristen, Einwohnern und Polizei eskaliert.

5 — Straßenkampf am Hackeschen Markt

Mehr Menschen, mehr Fahrräder, mehr Autos, mehr Streit. Autofahrer verprügeln Radfahrer, Radfahrer fahren Fußgänger an. "Irgendetwas am Verkehr macht die Leute wahnsinnig", sagt die 31-Jährige Mobilitätsforscherin Kerstin Stark. 2016 sind bisher elf Fahrradfahrer bei Unfällen gestorben.

Am Hackeschen Markt in Mitte lässt sich gut sehen, wo das Problem liegt. In der Mitte die Tramschienen, am Rand die parkenden Autos, dazwischen teilen sich Autos und Radler eine schmale Spur. Ein Getränkelaster biegt hinter der S-Bahn-Unterführung rechts ab, der Fahrradfahrer neben ihm kann gerade noch bremsen. Er schimpft unhörbar, das Quietschen der Tram übertönt ihn. 

Die Fahrradfahrer der Stadt sind sauer. Stark und andere Aktivisten wollen ein Radverkehrsgesetz, das breite Fahrradspuren an den Hauptstraßen garantiert und kleinere Straßen zu Fahrradstraßen macht. Dafür haben sie den Volksentscheid Fahrrad angestoßen und mehr als 100.000 Unterschriften für den ersten Schritt, den Antrag auf ein Volksbegehren, bekommen; fünfmal so viele wie nötig.  

Kerstin Stark kämpft für mehr Platz auf der Straße. © Maria Sturm

Der Streit wandert nun von der Straße ins Rote Rathaus: Die Initiative hat ausgerechnet, dass ihre Forderungen weniger als 500 Millionen Euro kosten würden, der Senat hat ein bis zwei Milliarden errechnet. Während die Initiative Fahrt aufnahm, schrieb die Stadt eine PR-Maßnahme aus, um besser bekannt zu machen, was der Senat heute schon für den Radverkehr tut. Das eine habe aber mit dem anderen nichts zu tun, sagte ein Sprecher damals.

"Die SPD glaubt, dass ihre Wähler radikale Autofahrer sind", sagt Stark. "Dabei sind viele Autofahrer auch Radfahrer und Fußgänger. Und sie wollen auch nicht, dass ihre Kinder überfahren werden."

Wenn alle auf der Straße ihren Raum haben, glaubt Stark, verschwindet auch die Aggression: mehr Fahrräder, weniger Streit.

6 — Das Paradies im Grunewald

Paul will Ruhe in seinem Paradies. Die Brombeerranken sind seine Komplizen, sie beschützen ihn vor den Wildschweinen, den Ausflüglern und den Downhillfahrern. Nur über den Ho-Chi-Minh-Pfad, wie Paul ihn nennt, kommt man in seinen geheimen Garten irgendwo im Wald. Zwischen den Dornen hindurch und dann durch den Zaun geschlüpft. Von außen sieht man nichts.

Wo es noch Freiraum gibt in der Stadt, streiten die Menschen: Ob auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof Wohnungen gebaut werden dürfen oder der gesamte Platz zum Austoben bleiben muss. Wie viel Spreeufer zugebaut werden darf. Und was soll mit dem Teufelsberg im Südwesten der Stadt passieren? Und den Ruinen der amerikanischen Abhörstation auf seinem Gipfel?  

Der Teufelsberg und Pauls Garten liegen mitten im Grunewald, dem größten Stück Grün der Stadt, wo sonntags familienspaziert und wochentags trimmdichgepfadet wird. Immer da sind Mountainbiker, Rentner mit Hunden und große Pläne.

Um in Pauls Paradies zu kommen, muss man durch den Ho-Chi-Minh-Pfad kriechen. © Maria Sturm

David Lynch wollte hier eine Yoga-Universität gründen samt Turm der Unbesiegbarkeit. Der aktuelle Betreiber will den Gipfel zu "einem Ort für Kunst, Kultur, Sport und Freizeit machen". Es ist völlig offen, wie das aussehen soll. Das Aktionsbündnis Teufelsberg will fast nichts außer Wald. Das ist in einer wachsenden Stadt der wahre Luxus: Orte ungenutzt zu lassen.

Paul will möglichst wenig Menschen und Verkehr. In Pauls Paradies wachsen Holunderbeeren, Kürbisse und Pfirsiche. An einem Holunderbäumchen hat er einen Hängesitz aufgehängt, Zufallsgästen serviert er Weintrauben. "Wenn abends die Sonne auf die Reben knallt, entwickeln die so eine wahnsinnige Süße", sagt er. 

Paul ist 69, groß und hager, er war mal Taxifahrer. Er heißt gar nicht Paul, will aber keinen Ärger bekommen. Vor 14 Jahren hat er den zugewucherten Terrassengarten besetzt und mit einer kleinen Rosenschere von den Brombeeren befreit. Seine Hand ist davon kaputt gegangen. Aber Paul ist glücklich. 

Jeden Tag fährt er mit dem Rad aus Charlottenburg in sein Versteck. Wasser und Strom gibt es nicht, alles was er braucht, muss er mitbringen. Drei Euro hat er in all den Jahren für seinen Garten ausgegeben, sagt er, für Gemüsesamen. "Die Leute werfen alles weg, ich nehme es mir." Die Rosenschere, die Hängematte, die Seile.

Es gibt ein Eckchen in Pauls Paradies, da scheint auch im späten Herbst noch die Sonne hin. Dort sitzt er dann und trinkt ein Bier. Manchmal schaut eine Eidechse oder eine Blindschleiche vorbei. Noch duldet ihn der Förster.

Text und Recherche: Frida Thurm

Bilder und Video: Maria Sturm

Bildredaktion: Reinhold Hügerich

Videoredaktion: Ute Brandenburger

Redigatur: Meike Dülffer, Carsten Luther

Korrektorat: Jana Thesing