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Gründen auf Bulgarisch

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In Sofia hatte eine junge Frau eine brillante Idee: Warum nicht Flüchtlinge zu Existenzgründern machen? Die Geschichte eines guten Einfalls

Ausgerechnet Bulgarien. Das korrupteste Land Europas soll als Vorbild dienen? Das wirtschaftsschwächste Mitglied der Europäischen Union mit dem niedrigsten Bruttoinlandprodukt je Einwohner. Der Staat, dessen Sicherheitsbehörden Flüchtlinge monatelang einsperren und manchmal sogar misshandeln. Von diesem Land soll sich Deutschland in der Flüchtlingspolitik etwas abschauen?

Ja, genau. Aber es soll nicht gleich das ganze Land zum Beispiel werden, sondern Stana Iliev. Sie ist Tochter einer Deutschen und eines Bulgaren. Betriebswirtin. Aktivistin. Feministin. Vor allem aber ist sie Quell ungewöhnlicher Ideen. Eine dieser Ideen könnte eine Antwort geben auf die Frage: Wie kann man Flüchtlinge am besten und schnellsten in Arbeit bringen?

Iliev lebt in Sofia. Die Hauptstadt Bulgariens ist Anlaufpunkt für Flüchtlinge aus dem Nahen und Mittleren Osten, vor allem aus Afghanistan, dem Irak und Syrien. Die Unterschiede zwischen den Flüchtlingen, sagt Iliev, seien oft erheblich: "Die Syrer sind häufig traumatisiert. Sie müssen erst einmal zur Ruhe kommen." Die Afghanen hingegen hätten während ihrer langen Reise oft genug Zeit gehabt, um über ihren Plan für Europa nachzudenken. Was sie eine, sei das Bedürfnis, irgendwann Arbeit zu finden. Die Integration in den Arbeitsmarkt, so ist die Erfahrung der Vereinten Nationen, ist noch wichtiger als eine sichere Wohnung.

Sofia, Hauptstadt Bulgariens © Mapbox/OpenStreetMap

Doch manche Flüchtlinge haben Berufe, die es in Europa fast nicht mehr gibt: Fischer. Teppichknüpfer. Keramikmacher. Oder solche, für die ihnen im fremden Land die Grundlage fehlt, Rechtsanwalt zum Beispiel. Sie landen dann in Jobs, die ihren Fähigkeiten nicht entsprechen, werden Bau- und Erntehelfer, Reinigungskräfte, Küchenhilfen, Lagerarbeiter. Wer einmal eine solche Arbeit annimmt, hat kaum noch Chancen aufzusteigen.

Die Lösung, die Iliev bereithält, klingt für Deutsche mit ihrem Traum vom Mittleren-Angestellten-Dasein zunächst verrückt. Iliev will, dass sich Flüchtlinge selbstständig machen. "Viele Flüchtlinge sind gut qualifiziert. Aber sie haben oft nicht die nötigen Dokumente, damit ihre Abschlüsse anerkannt werden." Da sei es doch leichter, ein eigenes Geschäft aufzubauen. "Die Flüchtlinge, die ich kenne, wollen nicht von der Wohlfahrt abhängig sein", sagt Iliev. "Sie kennen es von zu Hause, selbstständig zu arbeiten." Ein eigenes Geschäft aufbauen, das bedeutet eine Bäckerei, ein Friseurladen, ein Internet-Café, eine Schneiderei, ein Schönheitssalon, ein Restaurant. Kleine Betriebe, die auf lange Sicht weiteren Flüchtlingen Arbeit geben können, wenn sie gut geführt werden.

Solche Kleinunternehmen entstehen nicht aus dem Nichts. Wer aus einem fernen Land kommt, braucht Hilfe, um die Strukturen des fremden Marktes und die verschlungenen Wege der Bürokratie zu verstehen. Er muss wissen, wie ein Geschäft in seiner neuen Heimat aufgebaut sein muss, um zu funktionieren.

Und er braucht Geld.

Ein Business Incubator für Flüchtlinge

Iliev hat in Deutschland studiert, Betriebswirtschaft im brandenburgischen Eberswalde. Sie erinnerte sich, dass die brandenburgische Landesregierung vor etwa zehn Jahren einen Wettbewerb ausgelobt hatte: Das Bundesland suchte damals den besten Business-Plan für ein Start-up. Viele Studierende entwickelten solche Pläne.

Was in Brandenburg klappt, geht auch in Bulgarien, befand Iliev vor drei Jahren. Sie arbeitete inzwischen beim Roten Kreuz in Sofia und entwarf einen Business Incubator für Flüchtlinge. Er funktioniert so: Mitarbeiter von Unternehmensberatungen wie KMPG trainieren bulgarische Studierende der Betriebswirtschaft. Die Studierenden entwickeln dann gemeinsam mit Flüchtlingen Geschäftsideen und stellen mit ihnen einen Businessplan auf. Die Studenten bekommen dafür einen Schein ihrer Universität, die Flüchtlinge ein Tor zum Arbeitsmarkt. Das Geld zur Gründung der Betriebe kommt aus Mikrokrediten, die die EU für ihre Mitgliedsländer aufgelegt hat.

Starker Andrang an einer Registrierungsstelle für Flüchtlinge in Sofia © Sean Gallup/Getty Images

Ein guter Plan, und fast wäre er aufgegangen. Den Flüchtlingen nützte es, dass die Studierenden ein Eigeninteresse hatten, ihnen zu helfen. Denn so saß ihnen keine Amtsperson vor der Nase, die Vorschriften machte, sondern einen Partner, mit dem sie auch unausgegorene Gedanken diskutieren konnten, ohne darauf festgenagelt zu werden. Außerdem hatten sie jemanden, der Bulgarisch sprach und den Schriftkram übernehmen konnte. Die Studierenden wiederum konnten ausprobieren, wie man Geschäftsideen findet und entwickelt. Sie lernten, auf welche konzeptionellen und bürokratischen Hürden man trifft, wenn man in Bulgarien ein Unternehmen gründen will.

Knackpunkt Finanzierung

Der Haken aber blieb das Geld. Selbst ein Mikrokredit braucht in Bulgarien jemanden, der für ihn geradesteht. Zwar zeigt die Erfahrung, dass die Rückzahlungsraten bei Flüchtlingen besonders hoch sind. Den Kreditgebern reichte das aber nicht. Und welcher Flüchtling findet einen Bürgen, der im Notfall für mindestens 300 Euro im Monat garantiert? Ein staatlicher Garantiefonds hätte den Gründern geholfen, sagt Iliev. Den aber gibt es in Bulgarien nicht.

Viele der Flüchtlinge aus Ilievs Projekt betreiben heute trotzdem ein Geschäft. Allerdings unangemeldet, deshalb unversichert und ohne Aussicht auf Wachstum. Zudem ist die Förderung für das Projekt inzwischen ausgelaufen. Einen weiteren Versuch wird es zunächst nicht geben. Den Flüchtlingen von Iliev ergeht es deshalb so wie vielen anderen Asylbewerbern in Europa: Sie bleiben in einer Zwischenwelt hängen.

Sprachen lernen und Arbeit finden

Es gibt Versuche, dem entgegenzuwirken, beispielsweise in Schweden. Anerkannten Flüchtlingen stellt das Arbeitsamt dort einen Stundenplan zusammen. Er besteht aus Sprachkursen, Weiterbildungen und Praktika. Außerdem fördert der Staat Betriebe, die Flüchtlinge einstellen. Wer einen Asylbewerber beschäftigt und ihn freistellt, damit er Schwedisch lernen kann, bekommt den Stundenausfall erstattet.  

Eine ähnliche Idee verfolgt in Deutschland die Bundesagentur für Arbeit. Mit einem Pilotprojekt fördert sie in neun Städten hochqualifizierte Flüchtlinge besonders. Sie können ein Jahr einen intensiven Sprachkurs besuchen, bekommen Hilfe bei der Anerkennung ihrer Abschlüsse und intensive Beratung bei der Suche nach einem Job.

Alle jedoch, vom schwedischen oder deutschen Arbeitsvermittler bis zu Iliev, machen die Erfahrung: Jeder Fall ist anders. Was den Flüchtlingen am meisten hilft, ist deshalb, wenn sich Arbeitsvermittler von den herkömmlichen Regeln und Strukturen wegdrehen und den Flüchtlingen zuwenden.

Iliev nennt ein Beispiel: Viele Flüchtlinge können keinen klassisch-europäischen Lebenslauf vorweisen, haben in ihrem Leben aber viel gelernt. Man muss ihnen also andere Fragen stellen als einem Deutschen oder Bulgaren, um herauszufinden, was sie können. "Wenn man fragt ‘Hast Du einen Haushalt geführt?’ erfährt man schnell, ob jemand mit Geld umgehen kann", sagt Iliev. "Wer ein eigenes Haus gebaut hat, kann ein guter Handwerker sein."

Auf diese Weise würden Fähigkeiten sichtbar, die Europas demografiegeplagte Länder gut gebrauchen können. Auch ohne Stempel und Unterschrift.