© Jochen Bittner

Wir sind doch Freunde

Von , Kirkenes und Murmansk
In der Arktis florieren seit 20 Jahren die Geschäfte zwischen Norwegen und Russland. Jetzt bedroht die große Politik die Erfolgsgeschichte zwischen Kirkenes und Murmansk.

1 — Die Gesetze des hohen Nordens

Der Öltanker, der weit hinten im Fjord vor dem nordnorwegischen Kirkenes liegt, würde sich am liebsten unsichtbar machen. Dass sich auch ausgerechnet heute und ausgerechnet im Hafenhotel mit den Panoramafenstern raus aufs Wasser die Außenminister aus Oslo und Moskau treffen müssen! Es hilft nun nichts, das transshipping war lange geplant. Was jetzt passiert, verrät eine Eingeweihte der Aktion, "soll möglichst unauffällig geschehen, aus Angst, die Politiker könnten die Aktion stoppen, wenn sie die mitbekommen". Nach und nach docken am Rumpf des Tankers kleinere Schiffe an. Sie kommen aus der östlichen Barentssee, von den russischen Förderplattformen dort. Das Öl, das sie mitgebracht haben, pumpen sie hinüber in das große Schiff. Von hier aus soll es auf den europäischen Markt gelangen. Ölimporte sind zwar nicht von den Sanktionen betroffen, die die EU gegen Russland verhängt hat – trotzdem, wie sieht so eine Verbrüderung aus, genau vor der Nase der Prinzipienreiter aus den Hauptstädten?

Norwegen ist kein EU-Mitglied, aber seine Regierung unterstützt die Sanktionen gegen Russland. Ja, nicht nur das – Oslo prangert die Völkerrechtsverletzungen Moskaus auf der Krim und in der Ostukraine besonders laut und beharrlich an.

Hier oben im hohen Norden allerdings läuft so manches ein bisschen anders als die offiziellen Gesetze der neuen Spannungen zwischen West und Ost es möchten. Einerseits verstehen die Bewohner der kleinen Arktisstadt direkt an der russischen Grenze ja die neue Strenge ihrer Regierung gegenüber Russland. Andererseits sagen sie, dass die Entfernung von Oslo nach Kirkenes größer ist als die von Kirkenes nach Oslo. Soll heißen: Versteht ihr Außenpolitiker eigentlich auch uns? Unsere ganz spezielle Art, mit Russland umzugehen?

2 — Kirkenes

Rune Rafaelsen ist sichtlich genervt von der großspurigen Rhetorik vermeintlicher Idealisten in den knapp zweitausend Kilometer südlich gelegenen Ministerien. "Das wahre Friedensprojekt sind wir hier", sagt er und zeigt durch die Glaswände einer schick ausgestatteten Büroetage im Zentrum von Kirkenes. Rafaelsen ist der Chef des Barents-Sekretariats, einer staatsfinanzierten Einrichtung, die seit zwei Jahrzehnten die grenzübergreifende Zusammenarbeit mit dem großen östlichen Nachbarn organisiert. Regelmäßig versammeln sich hier norwegische und russische Regionalpolitiker. Sie setzen sich bei Kaffee, Kuchen und Mini-Nationalflagge an einen Tisch und reden darüber, wie sie die Reiseverbindungen über die Grenze noch fließender gestalten können, welche Kulturevents man zusammen veranstalten oder ob es nicht einmal ein Eishockeyspiel direkt auf dem zugefrorenen Grenzfluss geben könne.

Seit zwei Jahrzehnten, sagt Rafaelsen, gehe es darum, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Seit gut einem halben Jahr aber werde sein Job deutlich schwieriger, vor allem wegen Wladimir Putin, "der alles kaputt macht, die Pressefreiheit, die Zivilgesellschaft ...". Rafaelsen wartet nur darauf, dass man in Russland beginnt, ihn und seine Mitarbeiter als "ausländische Agenten" zu denunzieren, wie es immer mehr zivilgesellschaftlichen Aktivisten passiert.

Die Antwort auf die Spannungen lautet nicht mehr Sanktionen. Sie lautet mehr Kooperation.
Rune Rafaelsen, Chef des Barents-Sekretariats, das die norwegisch-russische Zusammenarbeit der Grenzregionen organisiert

Trotzdem, noch immer, glaubt Rafaelsen, könne Europa vom Beispiel der Arktis lernen. Wenn ein paar Leute mehr hier heraufschauen würden, ist er sicher, würden sie merken: "Die Antwort auf die Spannungen lautet nicht mehr Sanktionen. Sie lautet mehr Kooperation."

Tatsächlich hat sich das Dreiländereck Norwegen-Finnland-Russland in den vergangenen 23 Jahren erstaunlich eng verwoben. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Klimaerwärmung begannen die gegenseitigen Geschäfte am Polarkreis zu florieren. Die Finnmark ist der lebende Beleg dafür, dass eine direkte Nachbarschaft von Nato, EU und Kreml-Land keineswegs Konfrontation und Systemkonkurrenz bedeuten muss – im Gegenteil, sie zeigt, wie sehr alle Seiten voneinander profitieren können. Jedenfalls zeigte sie es bisher. Die Win-win-Geschichte an der Nordspitze Europas ist gefährdet, und zwar absurderweise deswegen, weil Putin im Falle der Ukraine an eben jene Möglichkeit nicht glauben wollte.

3 — Shopping

"Spareland / СПАРЕЛАНД" steht zweisprachig über dem Einkaufszentrum am Ortsrand von Kirkenes. Auch die wichtigsten Straßennamen des 10.000-Einwohner-Städtchens sind auf Russisch ausgewiesen. Gerade einmal 15 Kilometer sind es von hier bis zur russischen Grenze, und wer im weiteren Umkreis wohnt, bekommt einen Stempel in den Pass, mit dem er ohne Visum hin- und herpendeln kann.

In der Shopping-Mall verstehen die Verkäuferinnen die Frage nicht, wie viele Russen hier einkaufen; bis wir klären können, dass sie selbst welche sind. "Die Russen kaufen in Norwegen, was sie bei sich nicht bekommen oder nur in schlechterer Qualität", sagt eine Mitarbeiterin der Kosmetikabteilung, "vor allem Parfüms. Die sind drüben ja oft Fälschungen".

Einkaufszentrum am Ortsrand von Kirkenes © Jochen Bittner

Seit die russische Regierung als Gegensanktion alle Lebensmittelimporte aus Europa verboten habe, berichtet ein Lokalpolitiker, strömten umso mehr Einkäufer nach Kirkenes, um sich mit den gewohnten Joghurten, Käsen oder Schrimps zu versorgen. Im Mode-Discounter probiert ein Russe unter beifälligem Nicken seiner Frau und seines Sohnes gerade eine Winterjacke mit Norwegenflagge-Aufnäher an.

Die russische Kundschaft beschert den Supermärkten in Kirkenes laut Angaben der Zollbehörde einen Umsatz, der den einwohnerüblichen Wert um das Zwei- bis Dreifache übersteigt.

4 — Die Königskrabben und das Geld

Woher das Geld der russischen Shopping-Touristen kommt, erfährt man beispielsweise bei Arve Henriksen. Auf dem Weg zu seiner Shipping Agency im Fischereihafen von Kirkenes trotten ein paar abgekämpfte russische Seeleute in schwerem Ölzeug über den Pier. Auf dem Verladeplatz, vor dem ihr Trawler vertäut ist, hievt in der tiefen, schwachen Mittagssonne ein Gabelstapler schwere Reusenkästen aufeinander. Für die russische Königskrabben-Fangflotte ist Kirkenes mittlerweile der Hauptanlandehafen.

Henriksen erinnert sich noch, wie er Koffer mit 25.000 Dollar Lohn an Bord der russischen Krabbenfänger geschleppt habe, als das hier alles losging. "Es war Bonanza", schwärmt der 47-Jährige über die früheren neunziger Jahre. Zufrieden wiegt er sich in seinem Bürostuhl vor und zurück. "Die Russen hatten die Schiffe und die Crews, wir hatten die Fangquoten. Was die Russen noch brauchten, waren Kapital, Ausrüstung und Zugang zum europäischen Markt", zählt er an den Fingern ab. Henriksen sorgte für all das.

Heute ist er nicht nur Chef des örtlichen Schiffsmanagements und hat zwei neue Piere gebaut, er unterhält auch ein Dependance-Büro im russischen Murmansk. Knapp die Hälfte ihres Umsatzes mache seine Firma heute mit dem Service für Offshore-Firmen, die vor der Küste Russlands Öl und Gas erschließen.

Arve Henriksen, Chef des Schiffsmanagements in Kirkenes © Jochen Bittner

Einiges von dem Hightechzubehör, das sie benötigen, steht dummerweise neuerdings auf der Sanktionsliste der EU.

"Wir werden getroffen", prophezeit Henriksen. Wir, damit meint er auch Russen im Ölzeug. Alle werden leiden, sagt er. Und wozu?

Folgendes Argument hört man oft hier oben: Seien wir ehrlich, Putin wird die Krim niemals an die Ukraine zurückgeben. Wozu weiteren, unnützen Schaden anrichten? Seit wann löst man denn ein Problem, indem man ein zweites obendrauf packt?

Die Antwort dürfte lauten, dass die Krim nicht das eigentliche Problem darstellt, sondern dass deren Annexion lediglich Ausdruck einer größeren Politikänderung ist, einer Veränderung, die langsam aber sicher eben auch die Arktis zu spüren bekommt.

5 — In der nuklearen Waffenkammer

Drei Stunden dauert die Fahrt von Kirkenes nach Murmansk, aber die Distanz fühlt sich an wie drei Jahrzehnte. Hinter dem Grenzübergang führt die Überlandstraße kilometerweit an einem zweireihigen Zaun mit Stacheldrahtkronen und Warnschildern entlang. Alle paar hundert Meter wachen neue, moderne Kameras auf Metallmasten samt Scheinwerfern über die kahlgeschlagene Trasse. Hier und da erheben sich Wachtürme über die weite, eisige Landschaft aus Krüppelbirken und gefrorenen Seen. Nähert man sich einer Ortschaft, marschieren Soldatentrupps über die Straße.

Der Bezirk Murmansk präsentiert sich als riesiger Truppenplatz, angelegt, um die wichtigste nukleare Waffenkammer Russlands zu beschützen.

An der wegen des Golfstroms eisfreien Küste der Kola-Halbinsel ist der größte Teil der russischen Nordflotte stationiert, inklusive Langstreckenbombern und atomar bewaffneter U-Boote. Vor Kurzem löste ein Manöver, das von hier ausging, Schlagzeilen in halb Europa aus. Innerhalb von 72 Stunden testete Russland angeblich seine gesamte sogenannte "nukleare Triade" durch, also den Einsatz von Atomwaffen aus Raketensilos, U-Booten und Bombern. Von der Kola-Halbinsel stiegen nach Nato-Angaben sechs Tupolew-95 auf, zwei von ihnen flogen bis an die Grenze des portugiesischen Luftraums, ohne Transpondersignale zu senden oder auf Funkanfragen zu antworten.

Laut Daten, die Russland im Rahmen des Start-Abkommens an die USA übermittelt, hat Moskau die Anzahl der landesweit verbauten Nuklearsprengköpfe im vergangenen Jahr von 1.400 auf 1.643 erhöht. Da die Nordflotte in Murmansk zur gleichen Zeit zwei neue strategische U-Boote in Dienst gestellt hat, welche zusammen 192 Sprengköpfe aufnehmen können, vermuten norwegische Militärs, dass die Aufrüstung vor allem hier in der Arktis stattfand. Putin plant außerdem, eine neue arktische Brigade aufzustellen, mit dem Hauptanteil in der Garnisonsstadt Petschenga, gleich hinter der norwegischen Grenze. All das fügt sich in das Bild eines Russlands, das neue Stärke demonstrieren will, und zwar auch auf Kosten alter Freundschaften.

Auf dem Weg vom norwegischen Kirkenes ins russische Murmansk © Jochen Bittner

6 — Murmansk

Murmansk, Russlands Trutzburg in der Arktis. 1916 als nördlicher Versorgungshafen des Zarenreichs gebaut, ab 1941 verheerend von Nazi-Deutschland bombardiert, bis 1991 Teil eines riesigen militärischen Sperrgebiets. Noch immer könnten Teile der Stadt als Kulisse für Sowjetzeit-Filme herhalten. Plattenbaumonstren säumen die Magistralen, sozialistischer Realismus ziert viele Fassaden. Von der flutlichtbeschienen Werft am Ufer des Meerbusens grollt auch nachts um vier noch das Poltern schwerer Schiffsbauteile.

Bei Olga Buch gibt es erst einmal heißen Tee und beruhigende Worte zur politischen Lage. "Lassen Sie uns lieber von vorübergehenden Herausforderungen reden als von Problemen", schlägt sie vor. Buch ist die Generaldirektorin von Murmanshelf, einer Organisation, die das Engagement von Firmen aus dem In- und Ausland bei der Gasförderung in der russischen Barentssee unterstützen soll. Ihr Versuch, Optimismus zu verbreiten, wirkt bei aller Gastfreundschaft etwas gezwungen. Eine der vorübergehenden Herausforderungen, räumt sie ein, sei sicher "die geopolitische Situation".

Die neue Selbstbehauptungspolitik des Kreml, die Sanktionen, die militärischen Provokationen, all das soll vorübergehend sein?

"Man muss das philosophisch sehen", entgegnet Buch ein wenig ausweichend. Was sei schon ewig im Universum? Auch das hört man hier immer wieder: Die Politik ist das eine, die eingespielte Mensch-zu-Mensch-Diplomatie ist das andere. "Wir haben doch alle die Barentsidentität hier oben. Die schweißt uns zusammen." 20 Jahre Freundschaft seien durch politische Querelen so schnell nicht zu zerstören.

Bloß – was, wenn das eine vom anderen doch nicht verschont bleibt? Was, wenn die Politik beginnt, die Menschen selbst zu verändern?

Blick auf den Hafen von Murmansk © Jochen Bittner

7 — Der Unternehmer und die Angst

Draußen im Industriegebiet arbeitet einer, von dem alle sagen, man müsse mit ihm reden. Atle Berge, zugereister Norweger, ist der Chef der Betonfabrik von Murmansk. Der Unternehmer aus Haugesund hat das Werk von Ølen Betong ab 2008 hier hochgezogen, von den 36 Mitarbeitern sind 35 Russen. Berge lädt in den Konferenzraum seiner Bürobaracke. Das Gespräch wird ein bisschen dauern.

Berge hat einiges zu erzählen; vom endlosen juristischen Gerangel um das Fabrikgelände, von korrupten Bürokraten und von der Geduld, die man als Unternehmer in Russland brauche. All das hatte er geahnt und eingepreist, als er herkam. Jetzt aber, sagt er, gebe es plötzlich diese "neue Dimension".

Der redegewandte Unternehmer wird nachdenklich, er sucht nach der richtigen Formulierung. "Putins demonstrative Stärke", sagt er schließlich, "die färbt auf die Leute ab".

Wie das?

Na ja, sagt Berge, in jeder politischen Diskussion gebe es nur einen Schuldigen, die USA, und seine Argumente als Westler wolle man gar nicht mehr hören. "Es ist schrecklich", sagt er, die Kooperationsbereitschaft gehe merklich zurück. Was, sorgt sich der Unternehmer, wenn dieser verhärtende Geist erst bei den mächtigen Bürokraten in der Stadtverwaltung ankomme? Ein Federstrich, ein juristisches Scheinargument, und sein Unternehmen sei erledigt.

Wissen Sie noch? The winner takes it all.
Atle Berge, Chef der Betonfabrik von Murmansk, zugereister Norweger

Win-win-Situation? Berge lächelt. Ihm klinge eher dieser Abba-Song im Ohr, wenn er die russische Geschäftsmentalität beschreiben solle. "Wissen Sie noch? The winner takes it all."

Wir haben versucht, mit russischen Regierungsvertretern in der Region zu sprechen. Die Gouverneurin von Murmansk, Mitglied der Putin-Partei, sagte einem Interview zunächst zu, dann, schon in Sichtweite des Reporters, wieder ab – sie habe leider keine Zeit. Ein Gespräch mit ihrem Vertreter scheiterte an einer vorgeschriebenen Presseakkreditierung, die sich nach der entsprechenden Aufforderung nicht mehr rechtzeitig besorgen ließ. Die Murmansker Behörde bedauert dies ausdrücklich. Es seien nun mal Vorschriften aus Moskau.

8 — Kirkenes und die Befreiung

Im Hafenhotel von Kirkenes haben die Außenminister Børge Brende und Sergej Lawrow ihr Treffen beendet. Am Fjordufer treten sie vor die Kameras.

Lawrow ist im Oktober zum Gedenken an die Befreiung der Finnmark durch die Rote Armee nach Kirkenes gekommen. Vor 70 Jahren haben Stalins Truppen die Wehrmacht von hier vertrieben, es war der Anfang vom Ende der Nazi-Besatzung Norwegens. Danach zogen die Russen sich zurück. Der norwegische Außenminister Brende erinnert mit Dankbarkeit daran. Über Tage begehen Norweger und Russen gemeinsam den Jahrestag. Ein Kinofilm lässt die Schlachten um die Finnmark wieder lebendig werden, Veteranen des norwegischen Militärs berichten mit Tränen in den Augen von ihren russischen Soldaten-Freunden, viele von ihnen haben über die Jahrzehnte den Kontakt gehalten.

Im Übrigen, so die Minister vor der Presse, sei man sich derzeit einig, sich nicht einig zu sein. Solange Russland mit der Annexion der Krim internationales Recht breche, solange werde es mit den Konsequenzen leben müssen, sagt Brende. Solange, entgegnet Lawrow routiniert, in der Ukraine Faschisten ihr Unwesen trieben, müsse Russland seine Bürger schützen.

Draußen, auf dem Wasser, fließt das Öl von russischen Booten in den norwegischen Tanker. "Es hat 20 Jahre gedauert, all diese Zusammenarbeit hier oben aufzubauen", sagt ein junger Kirkeneser zum Abschied, "und es würde eine ganze Generation brauchen, sie wieder zu zerstören. Bevor es soweit kommt, ist Putin verschwunden".