© Sonja Seifer-Beck für ZEIT ONLINE

Wir wissen, dass es Mord war

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Die alte Schule soll abgerissen werden. Unser Autor kehrt noch einmal an den Ort der demütigenden Lehrjahre zurück und erlebt den späten Triumph eines Sitzenbleibers.

""Die eigene Schulzeit hat man meist tief im Gedächtnis verwahrt. Die Lehrer, die Mitschüler, der Geruch auf den Fluren, die Raufereien auf dem Pausenhof. Meist rührt man nicht mehr an diesen Erinnerungen, lässt sie langsam verblassen, bis sie irgendwann wieder in die Gegenwart platzen. Weil man eine alte Freundin auf der Straße trifft, weil die eigenen Kinder über den Unterricht klagen – oder weil man eine überraschende Nachricht erhält. So ist es dem Schriftsteller Simon Urban ergangen, als er erfuhr, dass seine alte Schule abgerissen werden soll. Würde es seinen Blick auf die lästigen Lehrjahre verändern, wenn er an diesen Ort noch einmal zurückkehrte? Begleiten wir ihn auf seinem Ausflug.

1 — Ich war der Oberidiot

Simon Urban wurde 1975 in Hagen geboren und lebt als freier Autor in Hamburg. Sein Roman "Plan D", in dem die DDR nie untergegangen ist, wurde in elf Sprachen übersetzt. Unter dem Titel "Gondwana" veröffentliche er nach eigener Überzeugung den "gottlosesten Roman 2014". © Sonja Seifer-Beck für ZEIT ONLINE

""Ich könnte einen Stein nehmen und das Fenster meines alten Klassenzimmers kaputt schmeißen: Niemand würde etwas sagen. Da wäre nur ein lauter Knall. Die Bruchstücke der großen Scheibe würden sich auf dem Linoleum verteilen und der Fensterrahmen sähe aus wie ein eckiges Maul mit ein paar spitzen Glaszähnen. Für einen Moment tut es mir leid, dass hier keine Steine herumliegen. Aber nachträgliches Kaputtschmeißen zählt nicht, das ist mir klar. Heute wäre so ein Wurf nichts mehr wert. Ich hätte schon damals werfen müssen, irgendwann um 1990.

""Wer in der Schule ein Mal sitzen bleibt, ist ein Rebell. Wer zwei Mal sitzen bleibt, ist ein Idiot. Ich war der Oberidiot, denn ich wechselte nach dem zweiten Nichtversetztwerden auf eine kostenpflichtige Privatschule, um die sich das hartnäckige Gerücht rankte, man bekomme sein Abitur dort als Gegenleistung für ein paar von den Eltern finanzierte Dachrinnen. Diese lokale Legende stellte sich zwar als Blödsinn heraus, aber die Schmach war zunächst perfekt: Ich musste das städtische Gymnasium Hohenlimburg im Jahr 1992 nach sechs Jahren quasi als ""discipulus non gratus"" verlassen, die Klasse 9 auf der Privatschule wiederholen und mir von meinen alten Freunden ab sofort Dachrinnenwitze anhören.

""Heute wohne ich in Hamburg und somit in sicherer Distanz zu beiden Bildungseinrichtungen meiner verkorksten Hagener Lehrjahre. Ich gehöre also nicht zu den Heimatverbliebenen, die auf dem Weg zur Arbeit oder zum Sport tagtäglich an den Pennen ihrer Jugend vorbeifahren, die vielleicht sogar ihre eigenen Kinder dort hinschicken und längst ihren Frieden mit diesen Häusern gemacht haben. Die permanente Nähe zur eigenen Vergangenheit schafft eben eine Mischung aus Gewohnheit und Distanz. Ich habe diese Distanz nicht. Für mich ist ein Besuch an alter Verwirkungsstätte auch heute noch eine Zeitreise ohne Reiserücktrittsversicherung. Und in diesem Fall ist es wohl meine letzte.

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2 — Triumph im Spätsommer

Als ich davon erfuhr, dass die Schule, die mich einst plattmachte, nun selbst plattgemacht werden sollte, hatte ich keine zuverlässigen Empfindungen. Darf man sich über einen Abriss freuen? Guck mal, Gymnasium Hohenlimburg, hätte ich natürlich denken können, ich hab's geschafft – und du nicht. Das ist natürlich Quatsch. Was kann ein Gebäude schon für meine beschissenen Noten? Dennoch bleibt da jetzt, wo ich diesem geschundenen alten Kasten von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehe, ein nicht zu leugnender symbolischer Triumph. Wir sind zwei ziemlich ungleiche Duellanten. Und ich sehe plötzlich einen eindeutigen Gewinner und einen eindeutigen Verlierer.

Der blaue Spätsommerhimmel würde besser über ein Freibad passen als über diese Bruchbude. Zwei schwitzende junge Gärtner entfernen mit Harke und Hacke Unkraut vom aufgeplatzten Asphalt des Pausenhofs. Metall kratzt auf Stein. Die Arbeit der beiden Männer wirkt wie ein verzweifelter Versuch, den Verfall des Gymnasiums in letzter Minute doch noch aufzuhalten. Stattdessen sind sie wohl die ersten Vorboten der großen Abrissparty, die hier bald steigen wird. Ex-Schüler und Ex-Lehrer kehren noch einmal an den gemeinsamen Ex-Tatort zurück: Bands, Bier, Anekdoten, Wehmut, Scherze. Eine vorgezogene Beerdigungsfeier. Dann kommen die Bagger.  

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Was hat dich bloß so ruiniert? möchte ich den Gumprechtbau am liebsten fragen. Dort, wo jetzt noch ein paar letzte Wochen lang dieser öffentliche Vergnügungspark für Provinzvandalen steht, zeigt die Schulchronik ein klassisches Backsteingebäude mit Fassadenschmuck am Spitzgiebel. Mit Sprossenfenstern und erhabenen Proportionen. 1883, als Höhere Stadtschule eröffnet, war dieses Gebäude eine Schönheit. Genau so muss eine Schule aussehen, denke ich beim Anblick des Fotos. Gerade in unserer Zeit, in der bräsige Architekten nur noch perfekt gedämmte Klötze können. Nachhaltigkeit ist heute alles, nachhaltige Ästhetik ist nichts.

Wie sollen junge Leute eigentlich Baukunstwerke schätzen lernen, wenn sie ihr Leben lang nur in ökologisch-korrekten Würfeln unterrichtet werden? Ohne knarrenden Parkettboden im Physikraum und ohne mächtige Schwingtüren aus massivem Holz? Ohne schwere Steintreppen, denen zahllose Schülerfüße mehr als ein Jahrhundert lang Trittdellen beigebracht haben, und die so tagtäglich bezeugen, was eine breite Mehrheit mit Geduld alles verändern kann? Diese Dinge gab es hier. Trotzdem habe ich die Antwort, die mir Willi Strüwer am Telefon gibt, schon geahnt.

"Bestrebungen, das Gebäude zu erhalten, waren eigentlich nicht da", sagt mir der Hagener CDU-Politiker, der hier 1975 selbst sein Abitur machte. Baufälligkeit, Brandschutz, Energieeffizienz und so weiter. Natürlich sind die Gründe so vielfältig wie nachvollziehbar. Das städtische Gymnasium selbst ist schon seit 1983 in einem Neubau untergebracht, das alte Gebäude wurde parallel bis 1998 für die Unterstufen genutzt. Seitdem vergammelt der Gumprechtbau. "Wehmut, ja", sagt Strüwer, es gehe schließlich auch Stadt- und Bildungsgeschichte verloren. Aber letztlich zähle auch für ihn als Kommunalpolitiker vor allem: "Die Ruine muss weg."

Eine zerbrochene Opel-Radkappe, eine Schwimmflosse, eine leere Flasche Desperados, ein mintgrüner Plastikhut – es ist eine bizarre Mischung von Objekten, die das schwitzende Gärtnerduo auf dem Schulhof zusammengekehrt hat. Beinahe eine Installation: final trash. Ich überlege, wie ich an den beiden Müllkünstlern vorbei ins Gebäude komme. In einer Zeit, in der versicherungstechnische Gründe den gesunden Menschenverstand längst eingehegt haben, können zwei humorlose Gärtner das Ende eines Ausflugs bedeuten.

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3 — The Kids Are All Right

Drinnen fällt sofort auf: Mit den Hohenlimburger Jugendlichen ist alles in Ordnung. Sie haben ihren Job als zuständige heranwachsende Grenzüberschreiter in diesem Schulwrack mit Hingabe erledigt und die obligatorischen pinkelnden Pimmel und fehlerhaften Hakenkreuze an Wände und Tafeln geschmiert. Alternative für Deutschland. Ficken. Jörg Haider † 11.10.08 Wir wissen, dass es Mord war. Die Erotik des Tabubruchs wird jede Erziehungsanstalt dieser Welt überleben. Man kann die bürgerlichen Halbstarken vor sich sehen, wie sie ihre hilflosen Maximal-Provokationen gegenseitig bewundern, weil es sonst niemand tut. Und dabei, ohne groß nachzudenken, das Dass richtig schreiben. Randalierende Gymnasiasten halt.

In einem Klassenzimmer wurde Lagerfeuer geübt. In einem anderen wellt sich der alte Parkettboden wie die Ostsee. Wassereinbruch. Im Kunstraum stehen die letzten Tische zur Pyramide gestapelt, als spielten sie eine Szene aus Die fetten Jahre sind vorbei nach. Eine brutal verbogene Garderobenleiste ragt wie ein offener Bruch in den Flur. Die letzte Jalousie hängt als verrenktes Gerippe aus ihrer Halterung. Fast alle Fenster sind nur noch großflächige Spinnennetze aus kleinsten Rissen. Schulbuchfetzen sprenkeln den Boden. Unter jedem Schritt knirschen Scherben. Waschbecken liegen in Trümmern.

Die alten Lautsprecher, die oben in den Zimmerecken kauern, sind heil davongekommen. Ansonsten gibt es kaum Überlebende. Dafür viel Müll, Tierkot, Graffitis. In der lokalen Ausgabe der Westfalenpost wurde sogar über satanistisches Gesprühe im alten Gymnasium spekuliert. Eine Fachkraft der Sekten-Info NRW konnte nach Sichtung der Symbole Entwarnung geben. Laut vertraulicher Quelle hat in den leeren Räumen während der vergangenen Jahre mehrmals ein Sondereinsatzkommando Geiselbefreiungen trainiert. Ruinen-Ironie: Die Polizei hilft der aufbegehrenden Jugend beim Verwüsten.

Auch der Raum meiner früheren 8a hat etwas abbekommen. Hier beeindruckte mich meine Klassenlehrerin Frau Biendara vor 30 Jahren, als sie in Ermangelung eines Hammers ihren hochhackigen Damenschuh auszog und den Nagel für unseren Wandkalender kurzerhand mit dem spitzen Absatz in den Putz drosch. Praxisunterricht, der im Gedächtnis bleibt. Ich ertappe mich dabei, dass ich nach Spuren dieses Moments suche. Aber natürlich ist da nichts.

4 — Schule ist nur Schule

Erinnerungen wachen schneller auf, als sie einschlafen. Ich sehe den muskulösen Oberstufenschüler mit dem Spitznamen Hippo vor mir, der ein Mädchen im dritten Stock des Anbaus hochhebt und es für ein paar atemlose Sekunden mit seinen ausgestreckten Armen über dem offenen, ungesicherten Treppenhaus schweben lässt. Ich sehe den netten Physiklehrer Herrn Höhner, der mir fröhlich meine selbst gezeichneten Karikaturen aus den Heften reißt, weil er sie sammeln möchte. Den schicken, immer ganz schwarz gekleideten Herrn Ziller, dem ich stolz die auswendig gelernten Füße im Feuer vortrage. Den bei allen Schülern beliebten Herrn Kostewitz, der viel zu früh gestorben ist.

Ich sehe meinen vollbärtigen Deutschlehrer Herrn Langenfeld, der uns eigene Fabeln schreiben lässt. Eine meiner seltenen Chancen, in dieser Schule etwas zu tun, auf das ich wirklich Lust habe. Weil am Ende meiner amoralischen Geschichte die Katze die Maus frisst, bekomme ich am letzten Schultag vor den Osterferien eine 5, die meiner Mutter zwei Wochen Skiurlaub in Arosa vermiest. Ich sehe Herrn Schneider, der mich an den Haaren zieht, weil ich einen Mitschüler nach einem Radiergummi frage. Frau Herminghaus, bei der wir im Religionsunterricht den Weißen Hai gucken. Herrn Brendel, der mich in die Zange genommen hat, mir mit einem an der Tafel aufgestützten Arm den Rückweg zum Platz versperrt und mir beim Anschreien ins Gesicht spuckt. Frau Ladde, die mich einmal pro Woche puppenhaft lächelnd auffordert: "Komm, sing der Tante mal den Kleinen grünen Kaktus." Ich habe ihr den Gefallen nie getan.

Ich sehe mich selbst beim Versuch, es allen zu zeigen. In einem exemplarischen Nebenfach Klassenbester zu werden. Durch vorbildlichste Hausaufgaben, konzentriertes Lernen, penetrantes Teilnehmen am Unterricht. Weil sich an meiner wackligen 4 trotzdem nichts ändert, drehe ich den Spieß um und beginne nach dem Unterricht, die Lehrerin zu kontrollieren: Ich gleiche Stunde für Stunde die Anzahl ihrer notierten Wortmeldungen mit meinen Notizen ab. Stur wie ich bin, nötige ich sie, Fehler zu korrigieren und mir meine tatsächliche Wortmeldungsmenge gutzuschreiben. Schließlich ist diese dämliche Quantität die erklärte Grundlage ihrer Notenfindung. Der aufreibende Zweikampf hebt mich zum Jahresende auf eine gnädige 3. Die traditionelle Superschülerin unserer Klasse, die in Hauptfächern ausschließlich Topleistungen produziert, hat im selben Zeitraum eigentlich nur Schiffe versenken gespielt – dafür bekommt sie wie immer ihre 1, und ich lerne tatsächlich etwas fürs Leben: Image schlägt Inhalt.

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In Hamburg ist die Gentrifizierung auf dem Vormarsch, in Hohenlimburg die Gerontifizierung. Ab 2017 werden auf dem Grundstück meines alten Gymnasiums rund 100 Senioren leben. 80 in stationären Betten, der Rest im Betreuten Wohnen. Das klingt eher nach Raumpflegern als nach Pflegern. Natürlich sind bald auch ehemalige Gymnasiasten unter den Bewohnern. Viele von ihnen werden also an dem Ort sterben, an dem sie irgendwann mal ihr Abitur bestanden haben. Und einige werden sich in ihren letzten Jahren ab und zu fragen, was dieser ganze Stress damals eigentlich sollte. Warum wirkten Zensuren für so irrwitzig-sinnlose Unterfangen wie Kurvendiskussionen jemals existenziell? Es ist doch seit Jahrhunderten bekannt, dass Schule nur Schule ist. Und das Leben etwas völlig anderes.

Das Rauchen auf dem Schulgelände und im Schulgebäude ist Schülern (-innen) während der Unterrichtszeit (dazu gehören auch die Pausen) untersagt. Hätte man einfacher formulieren können, denke ich, nehme die vergilbte Hausordnung von der Tür und stecke sie ein. Vor drei Jahrzehnten wäre mir dafür jede Menge Ärger vom grimmig-gutmütigen Hausmeister Rolffs sicher gewesen. Der Mann war vermutlich der beste Pädagoge des Hauses. Wer ihm dumm kam, wurde mit einer Schlüsselkette an einem Heizkörper fixiert. Dann war Ruhe. Von Rolffs angekettet zu werden, galt als Auszeichnung. Der Hausmeister genoss eine eigentlich unmögliche Mischung aus Respekt und Sympathie.

"Natürlich tut es ein bisschen weh, wenn man die Schule jetzt so sieht", sagt Rolffs. Es rauscht, er ist auf dem Handy nicht gut zu verstehen. 27 Jahre lang hat er sich täglich um den Gumprechtbau gekümmert, er hat sogar darin gelebt. Die Hausmeisterwohnung ist Teil des Ensembles und mittlerweile sieht sie auch so aus. "Ich war noch mal drin", sagt Rolffs und klingt trotz der schlechten Verbindung deprimiert. "Aber ich mag da jetzt nicht mehr reingehen." Dann muss er auflegen, er ist gerade unterwegs. Vermutlich hat er ohnehin alles mitgeteilt, was er zu diesem Thema zu sagen hat. Ich stelle mir vor, wie die Überwachungseltern von heute einen wie Rolffs für seine Schlüsselkettenpädagogik anzeigen. Sie hätten die Regeln seines Spiels niemals kapiert.

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5 — All die verlorene Zeit

Trotz all dieser Anekdoten: Die Jahre auf dem Gymnasium Hohenlimburg waren eine, Verzeihung, Scheißzeit. Ich war eine Geisel, die von keinem SEK befreit wurde. Zu meinen Leistungen gehörten damals Mathe-Noten-Choreografien wie 5-5-6-6 und 6-5-5-6. Immerhin: Anhand dieser Kombinationen merke ich mir heute das Prinzip des Paarreims und des Umarmenden Reims. Doch je länger ich durch die Ruine des Gumprechtbaus streife, um so deutlicher registriere ich, dass es nicht die alten Lehrer und ihre unvermeidlichen Macken sind, die mich heute noch ärgern. Es ist die Trauer um all die verlorene Zeit.  

Es ist die gefühlte Sinnlosigkeit eines Systems, das mich für das bestraft hat, was ich nicht konnte. Und das mich selten für etwas belohnt hat, das ich konnte. Es ist der alte Gymnasialglaube daran, dass abstrakte Rechenaufgaben relevanter sind als die Förderung von Kreativität. Dass ein Volleyball-Leistungskurs wichtiger ist, als Schülern beizubringen, wie man Steuererklärungen macht oder mit Lebensmitteln so umgeht, dass möglichst wenig weggeworfen werden muss. Dass Religion als ordentliches Schulfach angesehen wird, statt Teil des Geschichtsunterrichts zu sein. Oder der Märchenanalyse.

Da ist sie also endlich, die zuverlässige Empfindung, nach der ich gesucht habe. Sie lautet: Diese Schule hat mir exzessiv Lebenszeit gestohlen. Zeit, in der ich wichtigere Dinge hätte lernen wollen. Dinge, die mich motiviert und auf Ideen gebracht hätten. Statt des versteinert-konservativen Fächerkanons, der mit den Anforderungen dieser Tage ungefähr so viel zu tun hat wie Otto von Bismarck mit dem Web 2.0. Ich sehe meinen stoisch-geduldigen Vater vor mir, der abends am Küchentisch versucht, mir Dinge beizubringen, die ich schon im Unterricht nicht kapiert habe. Der Vorsitzende Richter am Landgericht beugt sich murmelnd und fluchend über das Mathebuch, er will unbedingt die Aufgaben und Formeln verstehen, die eigentlich sein Sohn lernen soll. Ich hocke stumm daneben in der vollkommenen Gewissheit, dass das alles zu nichts führen kann.  

Bevor ich den Gumprechtbau verlasse, bin ich mir plötzlich sicher: Hätte ich das Girokonto von Warren Buffet, ich würde diesen ollen Kasten kaufen, ihn perfekt sanieren und eine Schule gründen. Eine, wie sie sein soll. Der historische Teil des Gymnasiums würde erhalten, der hässliche Anbau durch ein elegantes Hochhaus im Stil von 1883 ersetzt. Chicago unterm Schlossberg, Platz für alle, ein Leuchtturm relevanter Lehrinhalte – Schule und Touristenattraktion in einem. Die Räume an meiner Friedrich-Dürrenmatt-Schule für angewandten Verstand, gelebten Genuss und praktische Kreativität hätten Fischgrät-Parkett, die Giebel Fassadenschmuck, Mathe könnte man ab der 9. Klasse abwählen. Auf dem Schulhof stünden 20 Mammutbäume, für die Oberstufe gäbe es die Pflichtfächer Flüchtlingshilfe, Wein-Degustation und Originelles Kochen. Meine schönste denkbare Rache am Zeitdieb Gymnasium Hohenlimburg.

Bleib doch stehn altes Haus, hat jemand mit Bleistift an eine Klassenzimmerwand geschrieben. Er hat in der Eile das Komma und ein E vergessen. Jetzt kann ich es Ihnen ja sagen, Herr Rolffs: Das war ich selbst. 

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