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Im Vogelkäfig

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Ihr Leben ist Strand, Club, Hummus. Und manchmal Krieg. Die jungen Bewohner von Tel Aviv arbeiten in Start-ups und entstammen selbst einem: dem Staat Israel.

Think Big. Den Ratschlag der erfolgreichen Start-up-Gründer hat Theodor Herzl schon vor mehr als 100 Jahren verinnerlicht. Sein Start-up war die Vision eines jüdischen Staats. Er pitchte, verhandelte, scheiterte, gab nie auf. Israel war für ihn ein Sehnsuchtsort.

Tel Aviv ist bis heute ein Ort der Träume. Die Menschen träumen dort von Amerika, von Frieden, von Erfolg – und geben nie auf. Aus ihren Geschichten steigt der immerwährende Wunsch nach Freiheit. Doch wie hoch kann man fliegen unter einem Raketenschutzschild?

1 — Der fliegende DJ

Jenia tanzt in einem Vogelkäfig. Seine Augen tanzen, seine Haare tanzen, ein Arm flattert hoch und runter, wie im Flügelschlag. Nur der andere ist ganz ruhig, reicht durch die geöffnete Käfigtür zum Pult, dreht, schiebt, regelt. Regelt den Pulsschlag der Menge, regelt die Bewegungen des Schwarms. Jenia blickt zufrieden nach unten. Der DJ fühlt sich wohl in seinem Vogelkäfig oberhalb der Tanzenden, unter dem hellen Nachthimmel Tel Avivs. Den Kopfhörer muss er immer wieder absetzen, fast minütlich wollen Freunde begrüßt werden, Frauen umarmt. Jenia kennt sie nicht alle, das merkt man, aber alle kennen ihn. Oder wollen ihn kennen. Den kleinen, braunen Wuschelkopf mit dem Dreitagebart und den Dirigentenhänden. Souverän schlägt er mit jedem ein, lässt sich durch die Gitterstäbe anstupsen. Hey, great to see you!

Bis hierhin alles DJ-Klischee, Standard, Jenia könnte übermorgen auf dem Weg zur nächsten Party im Flieger nach Ibiza sitzen. Und tatsächlich wird er übermorgen im Flieger sitzen. Allerdings am Steuerknüppel. Hauptberuflich ist Jenia Pilot der israelischen Armee.

Über den wehenden Köpfen ruht im Hintergrund das Meer. Zum Strand sind es nur wenige Meter, die Luft ist warm, man könnte noch schwimmen gehen. Aber keiner will weg. Im Gegenteil, die Schlange vor dem Eingang wird immer länger. Morgen müssen sie arbeiten oder wenigstens studieren, egal, sie kennen das Codewort zum Partyeintritt und – natürlich – Jenia.

Feiern, als ob es kein Morgen gäbe © Nir Elias/Reuters

Sie alle gehören der jungen israelischen Generation an, die Tel Aviv zur Partystadt gemacht hat. Pralles Leben. Hier und jetzt. Sie feiern, als ob es kein Morgen gäbe, sagt man. Weil sie wirklich nicht wüssten, was morgen ist. Mit ihrem Leben. Mit ihrem Land. Dem Land, dessen Winzigkeit im Gegensatz zur weltpolitischen Bedeutung jeder Nachrichtenmoderator mit demselben Vergleich hervorhebt: Gerade einmal so groß wie Hessen. Sie fühlen sich wie das kleine gallische Dorf, das noch jedem Angriff der übermächtigen Feinde standgehalten hat. Als Oase in der Wüste. Vogel im Käfig.

Aber will man in so einem Land bleiben? Nicht wenige reichen die Hand aus der Tür, um ans Mischpult zu kommen.

2 — Moment.me

Es sind diese Abende, die Leute, Jenias Musik, die Ben vermisst. Ben ist heller als die meisten, muskulös wie einige hier. Leg dich nicht mit mir an, könnte sein Körper sagen, doch sein Lausbublachen grinst: Just kiddin'. Ben ist nur noch selten in Israel, der alten Heimat, vor gut einem Jahr zog der 29-Jährige in die neue Welt.

Wie so viele Israelis wurde der Computerspezialist während seiner Zeit beim Militär hervorragend ausgebildet. Java. Ruby on Rails. Objective-C. Aus einem technisch begeisterten Jungen mit Sommersprossen wurde ein Software Developer, das Gold der Start-up-Szene. Und die boomt in Israel. 1.214 junge Unternehmen sind auf der Israel Start-up Map verzeichnet, in den meisten Rankings rangiert Tel Aviv auf Platz zwei der weltweit besten Standorte für Gründer. Auch Ben fing in einer jungen Firma an, programmierte die App moment.me. Mit ihr können Fremde Bilder von gemeinsam besuchten Events teilen.

Ben, einer der besten iOS-Coder Israels, arbeitet im Silicon Valley. © Autor

"Es ging darum, Menschen zu verbinden, die sich gar nicht kennen", erklärt Ben. "Ich kann zum Beispiel auf einem Konzert Fotos sehen, die von Leuten um mich herum gemacht wurden. Ich kenne sie nicht, aber wir haben etwas gemeinsam: Wir sind zur selben Zeit am selben Ort."

Great to see you!

Vielleicht ist es kein Zufall, dass eine App wie diese in Tel Aviv entsteht, wo erste Begegnungen so außergewöhnlich leicht sind. Where are you from? Germany? I love Berlin! Und dann Berghain oder Oktoberfest oder Mario Götze. Irgendwie geht es immer weiter. Selbst bei der Suche nach der Bushaltestelle: Sorry, I don’t know beendet selten das gerade aufkommende Gespräch, but let me check this for you. Zur selben Zeit am selben Ort, das reicht als Gemeinsamkeit, das reicht hier, um Menschen zu verbinden. Zumindest für den Moment. Great to see you!

Und doch war Ben immer klar, dass er irgendwann weg will. Intifada, Drohungen, Bekennerschreiben, er wuchs zu einer Zeit auf, als es hier mehr Selbstmordattentate als Regentage gab. Gemeinsam mit anderen israelischen und palästinensischen Jugendlichen suchte er nach Lösungen, 2003 wurde er mit einer Delegation vom ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Johannes Rau ins Schloss Bellevue eingeladen. Der Konflikt blieb.

"Ich liebe Berlin", sagt Ben auf Deutsch. Kein auswendig gelernter Souvenirschriftzug, die perfekte Aussprache des Ch verrät ihn. Seine Großeltern sprachen Deutsch, waren Deutsche, den Nazifängen in den 1930er Jahren rechtzeitig entflohen. Vieles hat der Enkel aufgeschnappt. Er ist auf diesem undefinierbaren Sprachniveau, das einfache Grammatikfehler mit Muttersprachlervokabular kombiniert. Du musst mir treffen. Schaukelstuhl, Zinnsoldat, Bürgersteig.

Ausgewandert ist Ben dann aber nicht nach Deutschland. Er war einer der besten iOS-Coder in Israel und Tel Aviv eben nur Platz zwei in der Start-up-Welt. Jetzt arbeitet er im Silicon Valley, jenem Tal, in dem Entwickler verehrt werden wie Propheten. In dem einer der bekanntesten Venture Capital Investoren zur Bewertung einer neu gegründeten Firma die Formel aufstellte: Anzahl Softwareingenieure mal 500.000 Dollar minus Anzahl Betriebswirte mal 250.000 Dollar. Auf dem Smartphone zeigt Ben Bilder seines neuen Mercedes SLK. Jeden Morgen fährt er damit von San Francisco nach Palo Alto. Zu der Firma, deren Abteilungen Messenger oder Newsfeed heißen, und deren Chef Zuckerberg, "Mark", natürlich viel netter ist als im Film.

Kabel, überall Kabel

Tel Aviv ist Hightech ohne Glanz. Die coolen Viertel sind nicht chic, Florentin, Neve Tzedek. Neukölln mit Strand, sagen viele. Noch gibt es dort mehr stinkende Ecken als Edelitaliener, mehr streunende Hunde als Fiffis. Gerade rund um den zentralen Carmel-Markt, den Shuk, mit seinen Imbissüberbleibseln und Gemüsefetzen und Kabeln, überall Kabel. Sie ziehen sich von Fenster zu Tür, zu Fenster, zum Dach, zum Kasten, zurück, zum Mast, zur anderen Straßenseite. Tel Aviv, der Frühlingshügel, lässt sein schwarzes Band wieder flattern durch die Lüfte und ja, die Düfte passen auch, die Fahne der Fleischreste wabert durch die engen Gassen. In einer Seitenstraße, auf der Bank vor seinem Haus, sitzt ein Opa mit Schraubenzieher. Konzentriert starrt er in ein Gerät, dessen Funktion altershalber schwer einzuschätzen ist. Sahen so irgendwann einmal Klimaanlagen aus? Turbinen? Radios? Vielleicht ist er sich selbst nicht ganz sicher, zaghaft beginnt er zu drehen. Keine fünf Minuten entfernt sitzt moment.me und verbindet per Smartphone weltweit Menschen, die sich nicht kennen.

Gebäude im Bauhaus-Stil bestimmen vielerorts das Stadtbild. © Nir Elias/Reuters

Ben schlendert durch die Straßen, kommt auch durch das schöne Tel Aviv. Die weiße Stadt, mehr als 4.000 Gebäude im Bauhausstil. Er genießt die kurze Zeit des Heimatbesuchs, doch im Kopf ist er schon wieder in den USA. In der kommenden Woche veröffentlicht sein Facebook-Team ein neues Feature, Monate haben sie daran gearbeitet. "Wir haben so viele große Ideen, die heute noch niemand für möglich hält."

3 — Technerd Theo

Manchmal bezeichnen ältere Israelis die Abwanderung der Jungen als Verrat am Zionismus, an der Idee ihres Gründervaters Theodor Herzl. Doch der hätte Ben vermutlich verstanden. Er selbst hatte auch diese großen Ideen, die damals niemand für möglich hielt. Die weiße Stadt, die über mehrere Viertel verteilten Bauten, seit 2003 Unesco-Weltkulturerbe. Wenige beschrieben sie so euphorisch wie einer, der sie nie sah. Einer, der sie nie sehen konnte. Denn zu seiner Zeit gab es noch kein Tel Aviv. Später benannte man die Stadt nach seinem Roman, dem Roman, in dem er alles voraussah.

Theodor Herzl hatte vor allem eines: Fantasie. Außen Österreicher, Studentenbund Albia, Dr. iur., Rauschebart. Innen Prometheus. Sein Interesse am Judentum ist anfangs gering, er lässt seinen Sohn nicht beschneiden, ein Rabbi erschrickt beim Anblick eines Weihnachtsbaums in der Wiener Wohnung. Zur Lösung der allseits diskutierten Judenfrage denkt Herzl an eine Massentaufe. Doch die Übergriffe auf Juden nehmen während der 1890er Jahre zu. Enttäuscht erwacht er aus seinem Traum von Assimilation: "Man lässt es nicht zu. Vergebens sind wir treue und an manchen Orten sogar überschwängliche Patrioten."

Tausende weißer Villen tauchten auf, leuchteten aus dem Grün üppiger Gärten heraus. Von Akka bis an den Karmel schien da ein großer Garten angelegt zu sein, und der Berg selbst war auch gekrönt mit schimmernden Bauten. [...] Eine herrliche Stadt war an das tiefblaue Meer gelagert.
Theodor Herzl, Altneuland

Und dann entschließt sich Theo, zu handeln. Er ist nicht der Erste, der die Idee eines jüdischen Staates hat. Aber er ist ein Macher. Die Umsetzung ist wichtiger als die Idee, heute predigen es die Marks und Larrys. Heute würden sie Herzls Unternehmung ein Start-up nennen und ihn selbst eben Theo. Think Big, der Ratschlag der erfolgreichen Gründer, ihm muss es niemand sagen. Seine Bewegung hat eine Vision – und einen Chef, der sie vermitteln kann.

Noch legt er sich nicht fest, wo der Judenstaat errichtet werden soll. Argentinien ist im Gespräch. Später sogar Uganda. Es geht ihm um die Sache. Theo versucht, Kontakt zu wichtigen Investoren zu bekommen, jüdischen Finanziers und Philanthropen. Er darf vor dem Pariser Förderer Baron Hirsch pitchen, doch die Gespräche scheitern. Um bei den einflussreichen Rothschilds besser vorbereitet zu sein, will er eine schriftliche Unterlage. Hätte es 1895 schon Powerpoint gegeben, vielleicht wäre aus dem Gedankengerüst Der Judenstaat nie ein Buch geworden. Saubere Folien, Bullet Points, Action Title. Doch so schreibt sich Theo in einen Rausch. Am Ende ist die Rohfassung seiner Gebrauchsanleitung zum Bau einer nationalen Heimstätte der Juden 65 Seiten lang.

"Ich glaube, für mich hat das Leben aufgehört und die Weltgeschichte begonnen", notiert er. Sein Umfeld nimmt ihm nur die erste Hälfte des Satzes ab. Begonnen habe der Wahnsinn, die meisten halten ihn für verrückt. Der Kontakt zu Familie Rothschild kommt nicht zustande. "In Wien macht man Witze über mich", hält Herzl am 23. Februar 1896 in seinem Tagebuch fest.

Ein Mann mit einer Vision: Theodor Herzl © Creative Commons

Theo macht weiter, bringt eine eigene Zeitung heraus, bemüht sich um prominente Testimonials. Irgendwie müsste man an Kaiser Wilhelm II. rankommen. Träum weiter.

Dann die Idee des ersten Zionistenkongresses. 1897 in Basel. Bis ins Detail plant er die Show, mietet kurz vor knapp das repräsentative Stadtcasino, gibt einen Dresscode vor, schickt Leute sogar zum Umziehen zurück ins Hotel. Der Marketingprofi Theo kennt die Macht der Bilder. "Mit einer Fahne führt man die Menschen wohin man will, selbst ins Gelobte Land." Der unbestrittene Höhepunkt: Herzls Rede. Von seinen Anhängern frenetisch gefeiert. Wie ein altassyrischer König sei er über die Bühne gefegt, hieß es damals, wie ein Steve Jobs, würde man vielleicht heute sagen.

Manch einer hält ihn für einen Heilsbringer. Zum Beispiel er sich selbst. Seinem Tagebuch prophezeit er: "In Basel habe ich den Judenstaat gegründet. […] Vielleicht in fünf Jahren, jedenfalls in fünfzig wird es jeder einsehen." 50 Jahre und neun Monate später wird Israel gegründet.

Der Irrtum seines Lebens

'Eine Frage, Reschid Bey!', warf Kingscourt ein. 'Die Herren werden sie mir nicht übel nehmen, dazu sind sie ja viel zu gescheit. Sind die früheren Bewohner von Palästina durch die Einwanderung der Juden nicht zugrunde gerichtet worden? Haben sie nicht wegziehen müssen? Ich meine: im Großen und Ganzen. Dass Einzelne dabei gut fuhren, beweist ja nichts.' – 'Welche Frage!', entgegnete Reschid. 'Für uns alle war es ein Segen.'
Theodor Herzl, Altneuland

Markenbotschafter, Lobbyist, Theo ackert weiter. Bemüht sich um Intros zu den Mächtigen. Protektorat, Charter, er sieht den Rollout seines Plans nur mit Unterstützung einer Großmacht realisierbar. Er bekommt die Audienz bei Wilhelm II., spricht mit den Engländern, mit dem Sultan der Osmanen. Er erreicht wenig. Vom Besuch des Sultans erwartete er sich eine Einigung über Gebietsabtretungen in Palästina, zurück kommt er mit einer prachtvollen Krawattennadel.

Und dann versucht Theo es noch einmal ganz anders. Er muss es allen Zweiflern ausmalen, damit sie es sehen können wie er. Er muss seine Vision noch greifbarer machen. Der Judenstaat war ein Sachbuch, 1902 veröffentlicht Herzl einen utopischen Roman. Zwei Menschen verbringen 20 Jahre auf einer einsamen Insel, kehren 1923 zurück nach Palästina und begegnen einem futuristischen, wohlhabenden Judenstaat. Altneuland. In der hebräischen Version lautet der Titel: Hügel des Frühlings. Tel Aviv.

Aber Herzls Fantasie erschöpft sich nicht in der Beschreibung der gesellschaftlichen Ordnung, der Wirtschaft, Politik. Der Technikfreak Theo schreibt einen Science-Fiction-Roman. In seinem Altneuland gibt es eine Schwebebahn, Elektrizität aus Wasserkraft, Nachrichten aus dem Telefon, sogar mit Werbeunterbrechungen. Ökostrom und Podcast.

Nur in einem Punkt denkt er zu kurz. Viel zu kurz. Palästina ist eben kein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land. Herzl, im Kolonialismus aufgewachsen, sieht in den arabischen Siedlungen Palästinas keine Gefahr für den Frieden in Altneuland. Der Irrtum seines Lebens. Der Grund, warum sich seine Nachfahren heute Gedanken machen müssen, ob sie in diesem Land unter der ständigen Bedrohung leben wollen.

4 — Ein Mann der Sicherheit

Avi Broitman hat in seinem Auto vier Telefone. Anders als Ben und Theo ist er kein Technerd. Avi ist der Sicherheitschef von Herzlia. Langsam fahren wir durch abendleere Straßen, wenige Kilometer nördlich von Tel Aviv. Alkohol sei ein echtes Problem geworden, früher hätten die Jugendlichen viel weniger getrunken. Er spricht wie ein badischer Dorfpolizist, nicht wie der Verantwortliche einer Gegend, die noch vor wenigen Monaten mit Raketen beschossen wurde. Nein, im Fernsehen entstehe ein falsches Bild, eigentlich sei es friedlich in Israel. Zumindest die vier Telefone schweigen zustimmend. An diesem Abend scheinen die knapp 100.000 Einwohner Herzlias Avis Hilfe nicht zu benötigen.

Avi und Dorit Broitman © Autor

"Tel Aviv is all about food", sagt Avi und erzählt vom Hummus bei Abu Hassan, von der irakischen Spezialität Sabich, frittierten Auberginen, harten Eiern. Vom Strand, den Jam-Sessions der Trommler am Dolphinarium, jener graffitibunten Betonruine, die schon alles war: Autowerkstatt, Einkaufszentrum, Diskothek. Und 2001 Ziel eines Selbstmordattentats der Hamas. 21 Menschen, vor allem israelische Jugendliche, tanzten damals in den Tod.

Zu Hause in der Wohnung erwartet ihn seine Frau Dorit. Viele kleine Schalen stehen auf dem Esstisch, Hummus, Tahina, Taboulé. Avi dippt Fladenbrot. Auch sie fühle sich sicher, erzählt Dorit. Nicht wegen Avi, nicht nur, vor allem wegen des Iron Dome. Das mobile Raketenabwehrsystem, Israels Schutzschild gegen die Kurzstreckenraketen der Hamas. Und einer der wenigen Sympathieträger in diesem Konflikt: Der Iron Dome beschießt keine Schulen, tötet keine Zivilisten. Nur mit den Trümmerteilen der abgeschossenen Raketen müsse man aufpassen. Nur aus diesem Grund mussten sie manchmal in die Bunker, in die kalten Keller, in die sie im vergangenen Sommer so oft beordert wurden. "Daran gewöhnt man sich schnell", sagt Dorit, "man unterhält sich, hört die Sirene, geht kurz runter. Und wenn alles vorbei ist, setzt man sein Gespräch oben an der gleichen Stelle fort".

Bizeps, Trizeps, Pektoralis

Avi hatte damals mehr zu tun, musste Sicherheitskonzepte erarbeiten, Notfallpläne besprechen. Noch vor wenigen Monaten hätte er um diese Zeit in seinem Büro gesessen. Reicht ein Sicherheitsposten vor jeder Schule? Jetzt belädt er seinen Teller mit Hummus.

Tel Aviv im Juli 2014: Israelis und Touristen beobachten den Himmel während eines palästinensischen Raketenangriffs. © Lior Mizrahi/Getty Images

Am 30. Juni wurden die Leichen der drei israelischen Jugendlichen gefunden, nach denen zuvor fast drei Wochen lang gesucht worden war. Entführt beim Trampen im besetzten Westjordanland. Am 8. Juli startete Israel die Operation Brandungsfels. Luftangriffe, Bodenoffensive, Waffenruhe, Kämpfe, Waffenruhe, Kämpfe, Waffenruhe. Erst im dritten Versuch kam Ende August ein unbefristeter Waffenstillstand zustande. Bis dahin starben nach UN-Angaben 67 Israelis, fast alle Soldaten, und 2.101 Palästinenser, davon 493 Kinder. Die Raketen der Hamas zielten vielerorts auch auf Zivilisten, Stadtkerne, Wohnviertel. Doch die eiserne Kuppel verschonte die israelische Bevölkerung.

Der Strand von Tel Aviv © Yadid Levy/dpa

Ob er selbst schon mal in eine gefährliche Situation geraten sei? Avi verneint. "Und der Einbrecher?", fragt Dorit. Ach ja, der, die Verfolgung, stimmt, fast vergessen, schon etwas her. Über unseren Köpfen blitzen mehrere Pokale im Wohnzimmerschrank. Avi ist Ende 50, doch kein Einbrecher wird sich ihn im Nacken wünschen. Er sieht fit aus wie so viele Israelis. Am Strand von Tel Aviv hängen alle hundert Meter Klimmzugstangen, über die Stadt verteilt gibt es Outdoorfitnessgeräte. Bunte Freiflächen, die aussehen wie Spielplätze. Steckt mehr dahinter als Körperkult? Hinter dem Aufpumpen, Starkmachen? Der eigene Iron Dome aus Bizeps, Trizeps, Pektoralis? Avi sieht es pragmatisch: "Beim Militär müssen sie fit sein, daher fangen sie schon vorher an, sich in Form zu bringen. Und wenn sie zurückkommen, versuchen sie ihr Level zu halten."

Safety first

Er selbst mache nicht viel Sport. Freitagmorgens vor der Arbeit gehe er mit seinen Freunden am Strand spazieren, manchmal schwimmen. Danach zusammen zum Hummus-Frühstück. Die Pokalsammlung haben sie Dorit zu verdanken, Hobbytriathletin. Und dem Sohn Assaf. Doch der ist inzwischen weit davon entfernt, neue Silberpötte beizusteuern. Zwölf Uhr mittags sei es bei ihm gerade, weiß Dorit, ohne zu rechnen. Mit einem Teil ihres Herzens ist sie immer in San Francisco. Nur noch einmal im Jahr komme Assaf nach Israel, "zu selten für eine Mutter". Dennoch hat sie seinen Plan immer unterstützt. Wie Ben und viele andere junge Israelis wollte er raus, in die Welt, in die USA. Schon lange hatte er diesen Traum. Wie Ben arbeitet er jetzt in einem jungen Unternehmen in der besten Gründergegend der Welt.

Irgendwann stehen Dorit und Avi auf dem Balkon und blicken in die warme Nacht Herzlias. Neben ihnen Restzweige einer Laubhütte. Religiöse Juden errichten jedes Jahr im Herbst ihre Sukka, in der sie eine Woche essen, manchmal auch schlafen. Bei Broitmans war sie nur Enkel-Entertainment. Sie sind nicht religiös, wie die meisten hier nicht religiös seien. Und in Deutschland? Man kann mit Herzl antworten: "Was uns unterscheidet, ist, dass wir am Schabbat nicht in die Synagoge und ihr am Sonntag nicht in die Kirche geht."

Sicherheitsbeamter am Ben-Gurion-Flughafen © Jack Guez/AFP/Getty Images

"Zu den Sicherheitsbeamten am Flughafen sollte man freundlich sein", rät Avi zum Abschied. "Sie stellen viele Fragen, aber machen nur ihren Job." Später bei der Ausreise werden sie auch nach diesem Abend fragen. Wo? Wann? Mit wem? Wieso? Mir wird nur noch die Bushaltestelle einfallen, Weizmann Elementary School, nicht mehr die Adresse der Broitmans. Am Ende werden sie alle schriftliche Korrespondenz sehen wollen. Mails, Chatverläufe. Der mentale Nacktscanner. Safety First.

5 — Der nächste Theo

Die Bevölkerung steht hinter dem Sicherheitskonzept, das Datenschutz und Privatsphäre unterordnet. Auch Ben fühlt sich gut beschützt. "Während der zweimonatigen Operation im Sommer starb kein einziger Zivilist in Tel Aviv, fünf in ganz Israel. Da ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass ich auf dem Weg nach Palo Alto einen Autounfall habe." Er spricht nüchtern, sachlich, von Erfahrungswerten, nach denen jetzt erst einmal wieder einige Jahre Ruhe sein müsse. "Gaza wurde stark beschädigt und es wird eine lange Zeit dauern, bis alles repariert ist. Es ist traurig, aber das ist die Realität dieses Teufelskreises." Am 13. Juli, 783 Hamasraketen und 1.220 israelische Angriffe nach dem Wiederaufflammen des Konflikts, postete Ben ein Video bei Facebook. Backstreet Boys – Quit Playing Games (With My Heart). Darüber die Widmung: "Dedicated to the Hamas."

26. April 2012, Israel feiert den Unabhängigkeitstag. Ein F-15 Jet überfliegt den Strand von Tel Aviv. © Israeli Defense Forces (IDF)/epa/dpa

Auch im Käfig laufen kurz die Backstreet Boys. You are my fire. Doch bevor der Open-Air-Rausch zur pseudoironischen Neunziger-Revivalfete ausnüchtert, mixt der DJ schon nach wenigen Tönen wieder Richtung Elektro ab. Jenia lächelt. I Want It That Way.

Dann kommt wieder eine Hand durch das Gitter, dieses Mal scheint sich Jenia wirklich zu freuen. "Er war in meiner Einheit, ich war sein Ausbilder beim Militär." Es sind mehrere da, die Jenia von ihrer Wehrdienstzeit kennen. Ihnen ist er ein Vorbild. Ob er auch schon überlegt hat, alles zurückzulassen und in ein neues Leben zu fliegen?

Nein, er habe eine Verantwortung für sein Land, meint Jenia. Von oben zeichnet ihm ein Scheinwerfer die rote Kontur, zu der die Tanzenden aufschauen. Er glaubt an die Sinnhaftigkeit seiner Arbeit. "Daher stellt sich für mich gar nicht die Frage, wie ich in diesem Dauerkriegszustand leben kann. Ich versuche eben alles dafür zu tun, dass es sich ändert." Außerdem habe er ja Abwechslung. Als DJ komme er viel rum, Berlin, London, die Decke falle ihm nicht auf den Kopf. Vielleicht lächelt er ein bisschen zu wach aus seinem Käfig. Man weiß es nicht genau, einige Augen sehen hier etwas zu wach aus. Vielleicht fährt er deswegen schon um fünf vor zwölf den Happy-Birthday-Track ab.

Die Lage, die Isolation

Noa ist es egal. Sie lässt sich beglückwünschen, umarmen, drücken. Jemand hat Wunderkerzen organisiert. Sie ist jung und genießt den ersten Geburtstag weit weg von zu Hause. Noa ist Mexikanerin. 19, Abi rum, erst nächstes Jahr soll das Jura-Studium in der Heimat beginnen. Den ganzen Sommer über Eurotrip mit 35 Freunden. Rom, Barcelona, London, Berlin, Budapest, Paris, Tomorrowland. Unendlicher Spaß. Man ist nur einmal jung und man ist – vermutlich – nicht mexikanische Unterschicht.

Doch die Hände der eben volljährigen Roadtripper, die jetzt noch Leuchtblitzchen schießende Wunderkerzen halten, werden bald lernen, Gewehre zu bedienen. Denn die Reihe geht weiter: Budapest, Paris, Tomorrowland, Kibbuz, Tel Aviv, Militärdienst. Es sei eine Tradition für mexikanische Juden, nach der Schulzeit für ein knappes Jahr nach Israel zurückzukehren. Zurückzukehren, sagt Noa. Sie hat dieses Land noch nie zuvor besucht.

Eine neue Vision für dieses Land © Yonathan Weitzman/Reuters

Es ist keine Ausnahme, Juden aus aller Welt melden sich zum Wehrdienst. Freiwillig. "Wir wollen unserem Volk etwas zurückgeben." Israel ist eben immer beides: Heimat der Israelis und Heimat der Juden. Die enge Verbundenheit mit den in der Diaspora lebenden Juden hat Israel oft geholfen. Das Nahost-Engagement amerikanischer Präsidenten, häufig steckte der Druck der Millionen jüdischen Wählerstimmen dahinter. Mahnmale, Stadtverschönerung, überall prangen in Israel die Namen großzügiger Spender. Sie klingen deutsch, doch meistens ist Familie Stein aus Massachusetts, sind die Grünzweigs aus Boston.

Bleiben möchte Noa nicht. Die Lage, die Isolation. Sie kann sich nicht vorstellen, unter diesen Bedingungen hier zu leben. Trotzdem ist ihr die kommende Zeit wichtig. Es ist der Zwiespalt, den auch viele Israelis kennen: Einerseits zieht es sie in die große Welt, andererseits wollen sie Israel nicht im Stich lassen.

Hummus im Restaurant von Abu Hassan © Reinartz

Der Stolz der Juden auf ihr Israel. Nirgends wird er so deutlich wie in der Holocaustgedenkstätte Jad Vaschem. Ganz am Ende, nach Räumen des Grauens, zu frühen Pogromen bis zu den Displaced Persons, ganz am Ende wartet kein Spruch, keine Mahnung, kein Shop. Die letzte Tür führt auf einen großen Balkon. Ein Balkon, von dem aus man über Bäume hinweg überall weiße Häuschen sieht. Unverrückbar kleben sie an den Jerusalemer Hängen. Nondisplaceable. Mehr Message braucht es nicht. Wir hatten eine Vision. Ihr habt uns alles genommen. Seht her, wir haben es dennoch geschafft. "Tausende weißer Villen tauchten auf, leuchteten aus dem Grün üppiger Gärten heraus."

Einmal noch Hummus

Die Tanzfläche leert sich. Der Schwarm zieht weiter. Always on the move. Die Tel Aviver wirken oft wie ein riesiger Flashmob, mäandernd von Highlight zu Highlight. Sie wollen mehr. Das kann's noch nicht gewesen sein. Sie finden ihr Glück in Tanzkäfigen oder fliegen zu Mark ins Valley. Vielleicht glauben sie alle so fest an ihren Traum, weil sie alle seinen Traum leben. Den von Theo. Dass sie zwischen Ägypten und dem Libanon aufwachsen, in einer Heimstätte der Juden, es war damals nicht mehr als eine abstruse Idee. Jetzt strecken die einen die Flügel nach draußen, die anderen bewachen den Käfig. In wenigen Stunden wird Avi wieder durch Herzlia fahren, vier Telefone empfangsbereit.

Der Autor: Philipp Reinartz, Jahrgang 1985, lebt als Schriftsteller in Berlin. 2013 erschien sein Debütroman "Katerstimmung" im Rowohlt Verlag.

Doch wenn es ruhig ist, wird er vielleicht mittags einen Abstecher nach Tel Aviv machen. Hummus bei Abu Hassan. Laut Avi der beste der Stadt. Ein Imbiss in Jaffa, dem originär arabischen Teil der Stadt, übersehbar klein, doch mit unübersehbarer Schlange. Sein Sohn Assaf wird allenfalls von Hummus träumen, in San Francisco hat der Wecker noch nicht geklingelt. Aber Jenia wird da sein. Einmal noch Hummus, bevor es wieder eine Woche zum Militär geht. Und auch Ben wird kommen, meistens ist er nur in Gedanken dabei. "I miss Abu so much." Zur selben Zeit am selben Ort. Menschen verbinden, die sich gar nicht kennen. Hier ist das Start-up ein arabischer Familienbetrieb in zweiter Generation, pürierte Kichererbsen statt App. Mein Moment. Und vielleicht wird unter all den zwiebeldippenden Menschen auch der nächste Theo sitzen. Mit einer neuen Vision für dieses Land. "Für uns alle wäre es ein Segen."