Video: Deutschland Ost und West

Kennen wir uns?

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25 Jahre vereint: Wie sind wir geworden, wer wir sind? Was verbindet Ost und West? Zwei Ehepaare aus Sachsen und dem Schwarzwald reden über Heimat, Liebe, Geld und Tod.

In Heidi Riedels Flur steht ein Hund aus Holz. Ihre Nachbarin hat ihr den geschenkt, zum 50. Geburtstag. Mit seinem Halsband über dem aufgemalten Fell wirkt er fast wie ein echter Yorkshire Terrier. Heidi Riedel nennt ihn Bodo. Sie gibt Gegenständen gern Menschennamen. Ihr Toaster heißt Petra. Ihren schwarzen Toyota Kombi nennt sie Albert. Albert Einstein, wenn er besonders wenig verbraucht.

Für Heidi Riedel ist das ganz normal. Aber vielleicht ist es auch noch typisch Ossi? Und wenn ja, was ist dann heute noch typisch Wessi? 25 Jahre nach der Wiedervereinigung sind die Unterschiede zwischen Ost und West in vielen Lebensbereichen fast verschwunden – eine Währung, eine Kanzlerin, gemeinsame Probleme. Aber wie sieht die Einheit am Wohnzimmertisch aus? Wie sehr sind die Deutschen zusammengewachsen und wo unterscheiden sie sich noch?

Heidi Riedel, ihr Mann und das Ehepaar Knödler können diese Fragen beantworten, denn sie sind absolut durchschnittlich. Gemessen an Einkommen, Wohnsituation und Bildungsgrad entsprachen die Riedels im Sommer vor der Wiedervereinigung dem ganz normalen DDR-Bürger. Erika und Eberhard Knödler aus dem Schwarzwald verkörperten im Jahr 1990 den Durchschnitt im Westen.

Die Knödlers und die Riedels

…

Wir haben die beiden Ehepaare eingeladen, sich gegenseitig zu besuchen und über 25 Jahre Deutschland zu sprechen. Eine ganz persönliche Wiedervereinigung.

1 — Heimat

Zwischen Bonndorf im Schwarzwald, dem Heimatort der Knödlers, und Ebersbrunn in Sachsen liegen 538 Kilometer. Auf der Fahrt nach Ebersbrunn lenkt Eberhard Knödler, er freut sich über die freie Fahrt. Erika Knödler schaut aus dem Fenster, ihre Hände sind ineinander verhakt. Es ist ihre erste Reise in die neuen Bundesländer.

Als die Knödlers die ehemalige Grenze hinter Hof auf der A72 überqueren, erscheint auf dem Feld neben der Fahrbahn ein ehemaliger Wachturm der DDR-Grenztruppen. Auf der anderen Seite huscht das Schild "Freistaat Sachsen" vorbei. Die Knödlers nehmen die Abfahrt Zwickau-Ost, biegen in die Juri-Gagarin-Straße und erreichen den Ortseingang von Ebersbrunn.

Erika und Eberhard Knödler besuchen das Ehepaar Riedel aus Sachsen. (Video)

Die Riedels wohnen in einer Eigentumswohnung mit Raufasertapeten und Anbauwand. In ihrer Straße ist der Rasen gemäht, die Hecke geschnitten. Alle Wohnungen der Reihenhaussiedlung sind gleich gebaut und weiß verputzt. Auf dem Dach liegen bausparrote Dachpfannen. Da, wo die Häuser stehen, war vor der Wiedervereinigung nur ein Acker. Jetzt sieht man vom Vorgarten aus am Ende des Himmels den Schornstein der Lackiererei des VW-Werks Zwickau, des größten Arbeitgebers der Region.

Ansonsten gibt es im Dorf Ebersbrunn und Umgebung die Bäckerei Kunze, den Gasthof zum Löwen, Heikos Kebab-Pizza-Haus, den Getränkemarkt Schluckspecht, die Kita Pleissenknirpse, die Spielothek Spiel ohne Grenzen (läuft nicht so gut) und an vielen Straßenlaternen den Hinweis auf die nächste Mallorca-Party.

Erika Knödler: Schön grün bei Ihnen.

Eberhard Knödler: Man sieht keine baufälligen Häuser mehr. Damals, Mitte der Neunziger, war es ja eher katastrophal im Osten. Ich fuhr mit einem Hänger nach Drüben und musste ständig aufpassen, dass er mir wegen der Schlaglöcher nicht von der Anhängerkupplung springt.

Heidi Riedel: Seitdem hat sich viel verändert. Aber erst mal wurde auch in unserer Gegend viel abgerissen. In den ersten Jahren musste sogar der grüne Pfeil mal weg. Der war doch nicht übel.

Erika Knödler: Wie bitte?

Heidi Riedel: Wenn man an einer Kreuzung nach rechts abbiegen will, die Ampel aber rot zeigt. Das ist 'ne Ossi-Erfindung.

Eberhard Knödler: In Waldshut am Krankenhaus habe wir inzwischen auch einen.

In dem Haus links liegt die Eigentumswohnung der Riedels in Sachsen. Rechts das Haus der Knödlers im Schwarzwald © Jasmin Zwick/Joel Micah Miller

Im Südwesten Deutschlands ragen Schwarzwaldtannen, Gebirgsfelsen und Skisprungschanzen in die Höhe. Am Boden fließt rund um die Heimatstadt der Knödlers die Wutach, ein Fluss, der seinen Namen wegen seiner wütenden Stromschnellen bekommen hat. Waldshut, Hirschsprung, Ochsenberg, Schattenmühle und Teufelsschwänzli heißen die Orte in dieser Region des Schwarzwaldes. Von Bonndorf, dem Wohnort von Erika und Eberhard Knödler, sind es 18 Kilometer bis zur Schweizer Grenze, bis zum Titisee braucht man keine halbe Stunde.

Die Knödlers leben im selbst umgebauten Haus, das ein Kaminofen heizt. Vom Garten aus sieht man die Glocken im Rathausturm. Die Hotels in der Gegend nennen sich Rästle, die Bäckereien Schätzle. In den Wirtshäusern der 7.000-Einwohner-Stadt trinkt man Rothaus, weil es aus der Nachbarschaft kommt. Und dass bei den Knödlers über dem Küchentisch an der Holzwand ein Blech mit dem "Bier Unser" hängt, war Eberhards Idee.

Erika Knödler: Ich mag bei uns dieses Raue in den Bergen, Tälern und Bächen. Und die Kühe, Ziegen, Schafe und Rinder, die in unserer Region dazugehören. Diese Landschaft beruhigt mich. Heimat ist da, wo man dazugehört, weil man mit Menschen zusammen ist, mit denen man gut zurechtkommt.

Heidi Riedel: Für mich ist Heimat ganz wichtig, weil ich sehr bodenständig bin. Mich zieht es nicht in die Stadt, und im Prinzip kann ich mir schwer vorstellen, woanders hinzugehen. In Ebersbrunn fühle ich mich wohl, auch wenn es ein bisschen dörflich ist. Wir wohnen hier schön, es ist alles geordnet, und es klappt mit der Arbeit.

Die Wohnstuben der Riedels in Sachsen (links) und der Knödlers im Schwarzwald (rechts) © Jasmin Zwick/Joel Micah Miller

2 — Fremde

Eine Woche nachdem die Knödlers das erste Mal in Sachsen Schnitzel gegessen haben, sitzen Heidi und Matthias Riedel im Auto Richtung Schwarzwald. Im Radio läuft Schrei nach Liebe und Werbung für die 25-Jahre-Deutsche-Einheit-Feier. Aufs Navigationssystem schaut die ersten Stunden niemand. Der Weg ist derselbe wie die Standard-Urlaubsstrecke der Riedels. Im Sommer fahren sie jedes Jahr in die Alpen, zum Wandern. Im Winter geht es jedes Jahr zum Skifahren nach Tirol, immer mit Matthias Riedels Schwester und deren Mann.

Auch in der Region um Bonndorf waren die Riedels schon im Urlaub, im August 1993. Von den zwei Urlaubswochen im Schwarzwald sind den Riedels vor allem die Sommerrodelbahn und die akkuraten Fliesen im Schwimmbad ihres Hotels in Erinnerung geblieben.

Heidi Riedel: Angst habe ich vor der Fremde nicht. Ich gehe gern mal raus, egal wohin. Deshalb wollte ich auch gerne die Knödlers besuchen.

Eberhard Knödler: Meine Fremde beginnt, wenn ich in einem anderem Kulturkreis bin – Frankreich, Spanien oder Italien. In den Siebzigern war ich das erste Mal im Osten. Mein kleiner Bruder hat damals in Westberlin gewohnt und bei Tchibo geschafft. Wir sind morgens los, abends wieder zurück. Jeder hatte zwei Wrangler-Jeans übereinander an.

Erika Knödler: Da kannten wir uns noch gar nicht.

Eberhard Knödler: Wir sind über die Grenze und haben in Ostberlin eine Kneipe gesucht. Das Bier hat unmöglich geschmeckt. Ich habe es nicht ausgetrunken. Das muss was heißen. Auf der Toilette haben wir dann jeder eine Jeans ausgezogen, in eine Plastiktüte gesteckt und dort gelassen. Die Empfänger habe ich nie gesehen. Aber das Geld hat mein Bruder später über einen Arbeitskollegen bekommen. Das hat richtig Moos gebracht.

Erika Knödler: Eberhard!

Eberhard Knödler: Das war damals üblich.

Erika Knödler: Ich war nie in der DDR, und auch nach der Wiedervereinigung hat es nun 25 Jahre gedauert. Du hast mich ja nie mitgenommen. Aber unsere erste Begegnung mit Ostdeutschen hatten wir ja schon vor dem Mauerfall.

Eberhard Knödler: Die kamen über die grüne Grenze aus Ungarn. 1989 wurden diese ostdeutschen Flüchtlinge mit Bussen im Land verteilt. Unsere Pfarrgemeinde hat sich um die Hundert gekümmert, die nach Bonndorf kamen. Erst einmal gab es ein Dach über den Kopf und Verpflegung.

Heidi Riedel: So ähnlich wie jetzt die vielen Flüchtlinge aus Syrien.

Eberhard Knödler: Unser Fliesenleger aus Bonndorf hat damals unbürokratisch gesagt: Wer kann Fliesen legen? Gleich mitkommen, einen Tag schaffen bei mir. Wenn es passt, kannst bleiben. So wurden damals über Hörensagen Jobs und auch Wohnungen vergeben. Der Flüchtling von damals arbeitet heute noch in der Firma. Ist jetzt Stellvertreter des Chefs.

Erika Knödler: Die heutigen Flüchtlinge haben ja einen ganz anderen kulturellen Hintergrund. Aber: Wie wir sie empfangen und aufnehmen, muss genauso menschlich sein.

Eberhard Knödler: Erika, die Ziegenbeins, weiß Du noch?

Erika Knödler: Die Ziegenbeins kamen aus Thüringen und haben dann in unserer Straße gewohnt. Ihr Sohn ging mit unserem Felix in die erste Klasse. Ich habe mich mit ihr oft am Spielplatz oder auf einen Kaffee getroffen.

Matthias und Heidi Riedel und Eberhard und Erika Knödler erinnern sich an die Jahre nach der Wiedervereinigung. Heute sagen Sie von sich: "Ich fühl mich als Deutsche(r)." (Video)

3 — Arbeit

Als die Knödlers 1987 nach Bonndorf im Schwarzwald zogen, arbeitete Eberhard Knödler täglich zehn bis zwölf Stunden und fast jedes zweite Wochenende als Sondermaschinenbauer. Seine Kinder Florian, Cecilia, Felix und Sebastian sah er selten. 

Als damals beim Elternabend von Felix eine Klassenfahrt nach London geplant wurde, regte Eberhard Knödler sich auf. Die 500 oder 600 D-Mark konnte die Familie nicht bezahlen. Das Geld reichte vorne und hinten nicht in diesen "Augen-zu-und-durch-Jahren", wie er sie heute nennt. Damals plagten den Familienvater Selbstzweifel.

Erika Knödler: Wir mussten unsere vier Kinder erziehen und irgendwie über die Runden kommen. Ich hab damals noch nicht geschafft. Unser Familieneinkommen war gering, und dennoch haben wir uns das alte Haus gekauft. Mein Mann hatte sogar kurzzeitig seine Arbeit verloren. Es war ein Kampf ums Überleben.

Seit 1990 hat Eberhard Knödler im Schwarzwald für sechs verschiedene Firmen gearbeitet, im Fleischerei-Großbetrieb, in einer Konfitüren-Fabrik, mit Verpackungs-, Schneide- und Kuvertiermaschinen, für ein paar Jahre sogar für ein Unternehmen, das mobile hygienische Räume herstellt. 

Eberhard Knödler: Nach der Wende hatte der Raubtierkapitalismus erst mal den Vortritt.

Heidi Riedel: So funktioniert die Marktwirtschaft.

Eberhard Knödler: Und das Soziale der Marktwirtschaft? Viele kleinere Handwerksbetriebe sind in den Neunzigern kaputtgegangen, in Ost wie West. 

Wenn es um die Erwerbsarbeit oder ums Geld geht, erzählen die Knödlers von vielen Enttäuschungen. Seit die Kinder ausgezogen sind, arbeitet Erika Knödler als Familienpflegerin und Haushaltshilfe, 20 Stunden pro Woche. Beide stehen jeden Morgen um 4:30 Uhr auf, um zu schaffen, wie sie Arbeit nennen.

Für den Feierabend haben sie sich eine andere Arbeitswelt erschaffen, in den eigenen vier Wänden auf dem eigenen Grundstück. Dort arbeiten sie auch während ihrer Freizeit. Eberhard Knödler repariert Drehbänke und Radios. Er mag alte Maschinen und Unimogs. Das Haus der Familie hat er nebenbei selbst renoviert. Erika Knödler bepflanzt den Garten. 

Eberhard Knödler:Diese moderne Kultur des Kaufens und Wegschmeißen ist nicht meine. Dinge herzustellen, zu reparieren oder aus etwas scheinbar Wertlosem etwas zu erschaffen, das macht mir Spaß – auch wenn ich nur einen ideellen Wert erschaffe.

Erika Knödler: Ohne unsere Arbeit wären wir gar nicht Teil der Gesellschaft.

Matthias Riedel hat gleich nach der Wende vom Laboranten zum Versicherungsexperten umgeschult und leitet heute das Büro einer großen deutschen Versicherung in Aue. Er fährt jeden Tag 60 Kilometer. Seine Frau hat eine halbe Stelle als Praxishelferin bei einem Kieferorthopäden in Glauchau, auch 30 Kilometer hin und 30 Kilometer zurück.

Eberhard Knödler: Kein Auto, kein Job.

Die Autos der Knödlers und der Riedels

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Matthias Riedel: In den Neunzigern, lange bevor ich Büroleiter in Aue wurde, war ich unter der Woche immer in Westdeutschland unterwegs. Ich habe geglaubt, die Arbeitskollegen dort machen die Dinge anders oder besser. Dabei haben die auch nur mit Wasser gekocht. Deren Wasserhahn hat nur mehr geglänzt.

Heidi Riedel: Der Matthi war die ganze Woche über weg.

Matthias Riedel: "Sie wollen doch wieder zurück nach Sachsen in ihre Heimat, oder? Hmm. Dann müssen Sie sich noch ein bisschen anstrengen. Oder wollen Sie keine gute Beurteilung von uns haben?" So was habe ich gehört. Abends saß ich meistens alleine in irgendeiner Pension und habe gedacht: Irgendwie heute wieder blöd gelaufen. Dann habe ich gelernt, wie man sich verhalten muss. Leistung ist wichtig, aber auch, dass die Leute Deine Leistung sehen.

Heidi Riedel: In der DDR hatte ich relativ viel Geld. Jetzt habe ich weniger, aber davon kann ich mir kaufen, was ich möchte. Ich bin glücklicher und freier.

Matthias Riedel: Wir sind in den 25 Jahren immer ein Stück weiter nach oben gekommen. Ich habe das Gefühl, im Vergleich zur durchschnittsbildenden Masse geht es uns besser.

Die Zufriedenheit der Knödlers und der Riedels


4 — Liebe

Die Riedels haben sich 1986 bei der Arbeit kennengelernt. Heidi Riedel war Schichtleiterin im Labor der Wismut Zwickau, Matthias Riedel einer ihrer Laboranten. Er verliebte sich schneller, sie wollte ihn erst einmal kennenlernen. Erst nach einem gemeinsamen Urlaub in České Budějovice in der damaligen Tschechoslowakei, dem Heimatort des Budweiser Biers, nahm die Liebe ihren Lauf. 1989 zog Matthias Riedel zu Heidi und ihrer Mutter nach Zwickau-Pölbitz in die 50-Quadratmeter-Dreiraum-Wohnung. 1991 kam ihr Sohn Sascha zur Welt, 1993 heirateten sie.

Heidi Riedel: Manchmal, wenn man etwas schön gemacht hat, wenn etwas besonders gelungen ist, wie ein Abendessen, dann freue ich mich, das mit meinem Matthi zu teilen. Gemeinsames Erleben macht für mich Liebe aus, noch mehr als körperliche Liebe. Liebe ist, dass ich mich auf meinen Mann verlassen kann.

Morgens die Semmel der Bäckerei Kunze, abends Mischbrot mit Butter, Wurst und verschiedenen Schmierkäsesorten und einmal im Jahr gemeinsam an die Ostsee: Heidi und Matthias Riedel kennen sich länger, als Deutschland vereint ist und sind glücklich darüber.

An freien Wochenenden freut sich Matthias Riedel am meisten über die Garten-Parzelle, die er und seine Frau seit Kurzem gepachtet haben: 355 Quadratmeter, der Parkplatz vor dem Tor zur Schrebergartenanlage ist inklusive – und ein Goldfisch, der im kleinen Teich vor der Terrasse schwimmt. Nächstes Jahr, wenn das Fundament der Laube von Ameisen befreit ist, will er viel Zeit mit Heidi Riedel in der Parzelle verbringen.

Heidi und Matthias Riedel in der Küche von Eberhard und Erika Knödler im Schwarzwald © Joel Micah Miller

Erika Knödler machte im Sommer 1978 eine Ausbildung zur Familienpflegerin. Eine Freundin nahm sie damals ein Wochenende lang mit zum Campen. Dazu hatte der Freund von Erika Knödlers Freundin noch einen Freund mitgebracht: Eberhard Knödler. So sahen sich Erika und Eberhard das erste Mal auf dem Campingplatz Speckhuisli neben der Rothaus-Brauerei. Zufälligerweise war an diesem Wochenende für Erika nur noch ein Schlafplatz frei: im Zelt ihres zukünftigen Ehemannes.

Eberhard Knödler: Wenn es uns gut geht, machen wir uns 'ne gute Flasche Wein auf. Dann schnappt sich jeder ein Buch und legt sich in eine Ecke des Wohnzimmers und im Hintergrund läuft die Musik. Das ist Liebe. Oft läuft Elvis, eine Aufnahme aus seinen ganz frühen Anfangsjahren, die ich aus den USA mitgebracht habe. Manchmal nimmt mich dann meine Frau und schleift mich in unserem Wohnzimmer über das Parkett.

Erika Knödler: Bei Männern zeigt sich Liebe auch, wenn sie einem mal im Haushalt helfen. Und manchmal ist auch eine Umarmung im Alltag ein Moment der Liebe. Liebe bedeutet, verzeihen zu können. Keiner ist perfekt. Sex und Leidenschaft sind auch wichtig. Dadurch entsteht ja richtige Nähe.

Eberhard Knödler: Wenn unsere Kinder sich lange nicht mehr gemeldet haben und dann steht einer von ihnen auf einmal vor der Tür – auch dann empfinde ich Liebe.

5 — Tod

An einem Samstag im August 2013 wollte Felix eigentlich seine Eltern besuchen. Der 28-Jährige zweitälteste Sohn der Knödlers wohnte bei München, aber er kam oft nach Bonndorf zu Besuch. An diesem Wochenende hatte ein Freund jedoch die spontane Idee, von München aus nach Österreich zu fahren, um im Karwendelgebirge bergzusteigen. Das Wetter war ideal. Felix ging vorweg und sein Freund einige Meter hinter ihm. Warum Felix gestolpert ist, konnte sein Freund nicht sehen.

Eberhard Knödler: Ich war zu Hause, Montagmorgen, weil ich frei hatte. Da hat's geklingelt, einer der Nachbarn war es, in seiner Position als Polizist von Bonndorf. Er hat versucht, es schonend mitzuteilen. Wir haben uns hingesetzt. Er hatte das amtliche Schreiben der österreichischen Polizei dabei, das hat er auch vorgelesen. Da stand der Tod amtlich beschrieben drin. Dann habe ich versucht, meine anderen Kinder zu erreichen, alle waren ja auf Arbeit. Alle mussten erst herfahren, hat 'ne Zeit gedauert, da habe ich alleine zu Hause gesessen. Ich war fassungslos. Am schlimmsten war es, als meine Frau von der Arbeit heimgekommen ist, als ich es ihr sagen musste.

Erika Knödler: Als ich in unsere Straße fuhr, sah ich schon die ganzen Autos stehen. Ich habe zuerst an meinen Mann gedacht. Dass der Tod mir meinen Sohn genommen hat, konnte ich mir nicht vorstellen. So brutal und grausam kann es nicht sein, dachte ich. Es hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Diese Szene vergesse ich nicht. Ein Schmerz, den man im ganzen Körper spürt. Brutal.

Eberhard Knödler: Als der Tod so nahe war, diesen Moment, den kann man nicht in Worte fassen. Es ist nur Schmerz. Geht wochenlang, kommt immer wieder. Ich hatte keine Möglichkeit, ihm auszuweichen. Dann habe ich Hilfe in Anspruch genommen. Ich brauchte jemand Neutrales, mit dem ich sprechen konnte. Der Tod hat mein Leben verändert. Vernichtet hat er mein Leben nicht. Ich habe ja noch drei Kinder, meine Frau und Verantwortung.

Erika Knödler: Jetzt merke ich erst wieder, dass ich lebe, ein bisschen. Es gibt immer noch Momente, wo ich denke, das halt ich nicht aus. Aber man hält das aus.

Eberhard Knödler: Das ganze folgende Jahr war ein verlorenes Jahr. Es war irgendwie ... Man wusste nicht, wie es weiter geht. Es war schlimm, einfach schlimm.

Ein Foto von Felix steht auf dem Küchentisch der Knödlers. Seit er tot ist, fahren sie mit seinem grauen Golf Kombi. Felix war das dritte Kind des Ehepaares. Er hatte mit vielen seiner Schulfreunde, die noch in Bonndorf leben, Kontakt. Er kam oft in den Schwarzwald, um mit ihnen zu feiern.

Heidi Riedel: Wenn man das eigene Kind verliert, das ist für mich unvorstellbar. Das ist das Schlimmste, was passieren kann. Weil es unnatürlich ist. Das berührt einen so sehr. Erst recht, wenn die Reihenfolge nicht eingehalten wurde.

Erika Knödler: Wir leben jetzt bewusster. Man kann irgendwann auch wieder glücklich werden. Auf große Stadtfeste gehen wir nicht mehr. Aber unsere Reise nach Sachsen haben wir gerne unternommen. Ich möchte jetzt auch wieder etwas erleben, sterben möchte ich nicht mehr.

25 Jahre Deutschland im Zeitraffer

Vom Hausbau bis zum ersten Enkelkind: die Familienchroniken der Knödlers und der Riedels im vereinten Deutschland

198920022015
  • 1989Deutschland

    Friedliche Revolution und Mauerfall

  • 1990Deutschland

    Deutsche Wiedervereinigung

  • 1990Familie Riedel

    Matthias Riedel startet seinen neuen Job bei der Debeka-Versicherung und geht in den Außendienst.

  • 1990Familie Riedel

    Blissy, Tochter von Benny vom Steckenpferd, wird geboren. Ab jetzt leben die Riedels mit zwei Yorkshire Terriern und der Schwiegermutter zusammen.

  • 1992Familie Knödler

    Eberhard Knödler baut die Zentralheizung in das Haus ein. Ab jetzt läuft der Ofen in der Küche nicht den ganzen Winter durch.

  • 1993Familie Riedel

    Hochzeit im Juni. Heidi Riedel bewirbt sich auf eine Anzeige und wird als Zahnarzthelferin eingestellt, obwohl sie dazu keine Ausbildung abgeschlossen hat.

  • 1994Familie Knödler

    Eberhard Knödler verliert seinen Job in der Konfitürenfabrik und ist drei Monate arbeitslos. Erstmals hat die Familie Existenzängste.

  • 1994Familie Riedel

    Heidi und Matthias Riedel ziehen in ihre Eigentumswohnung in Ebersbrunn ein. Matthias Riedel beendet seine innerbetriebliche Ausbildung bei der Debeka.

  • 1996Familie Knödler

    Die Familie macht zusammen in der französischen Jura Urlaub. Erika Knödler fährt das erste Mal in ihrem Leben Kanu.

  • 1997Familie Knödler

    Erika Knödler beginnt wieder zu arbeiten. Sie fängt für 20 Stunden die Woche als Familienpflegerin bei der Sozialstation an.

  • 1998Deutschland

    Gerhard Schröder wird Bundeskanzler in einer Koalition von SPD und den Grünen. (Es wird populär, per SMS zu kommunizieren.)

  • 1998Familie Riedel

    Sascha, der Sohn der Riedels, kommt in Ebersbrunn in die Grundschule und bleibt dort, bis die Schule 2002 aufgelöst wird.

  • 1998Familie Knödler

    Die ganze Verwandtschaft kommt zur Feier des 40. Geburtstages von Erika Knödler. Ihr Schwager Michael, der sonst nie viel erzählt, spielt nachts plötzlich vor allen Luftgitarre.

  • 1999Familie Riedel

    Zusammen mit 16 Freunden treffen sich Heidi und Matthias Riedel am Sylvesterabend zur großen Millenniumsfeier in Oberfranken bei Kulmbach im Röhrleinshof. Es wird bis morgens gefeiert.

  • 2000Familie Knödler

    20. Hochzeitstag: Erika und Eberhard Knödler bekommen von den Kindern ein Wochenende in Paris geschenkt. Wegen des Pilotenstreiks müssen sie die erste Nacht aber in Basel Mühlhous bleiben. Erika Knödler fliegt das erste Mal.

  • 2002Deutschland

    Der Euro löst die D-Mark als Bargeld ab.

  • 2003Familie Riedel

    Heidi Riedels Mutter, die immer bei den Riedels gewohnt hat und lange von ihnen gepflegt wurde, stirbt an ihrer Rheuma-Krankheit.

  • 2004Familie Riedel

    Benny vom Steckenpferd, der erste Yorkshire Terrier der Riedels, stirbt im Alter von 42 Hundejahren.

  • 2005Deutschland

    Arbeitslosengeld II, Hartz IV genannt, wird eingeführt. Angela Merkel wird Bundeskanzlerin.

  • 2006Deutschland

    Fußballweltmeisterschaft in Deutschland

  • 2006Familie Knödler

    Sohn Florian bekommt sein Diplom der Berusakademie Stuttgart und heiratet in Jahr später seine spanische Freundin. 120 Gäste, zur Hälfte aus Spanien, feiern in Bonndorf eine ganze Woche lang.

  • 2007Familie Riedel

    Heidi Riedel kündigt in der Zahnarztpraxis ohne zu wissen, wie es danach beruflich weitergeht. Zwei Monate später im Februar 2008 findet sie einen neuen Job in der Praxis einer Kieferorthopädin.

  • 2008Familie Riedel

    Blissy, die Tochter von Benny vom Steckenpferd, stirbt im Alter von 119 Hundejahren. Von den Nachbarn bekommt Heidi Riedel einen Hund aus Porzellan für den Flur geschenkt.

  • 2008Familie Riedel

    Über Freunde erfährt Heidi Riedel vom Austausch-Studenten Martin aus Argentinien. Da er Probleme in seiner Gastfamilie hat, wohnt er fünf Monate bei den Riedels.

  • 2009Familie Knödler

    Im Sommer beendet Sohn Felix sein Studium zum Verfahrenstechniker. Erika und Eberhard Knödler feiern den Abschluss der Hochschule Furtwangen gemeinsam mit ihm in Villingen-Schwenningen.

  • 2010Deutschland

    Lena gewinnt mit "Satellite" den Eurovision Song Contest.

  • 2010Familie Riedel

    Gemeinsam mit Sascha machen Heidi und Matthias Riedel zwei Wochen Urlaub auf Boavista, eine der Kapverdischen Inseln. Am besten im All-inclusive-Urlaub ist die Quad-Tour.

  • 2011Deutschland

    Thomas Gottschalk moderiert das letzte Mal "Wetten, dass …?".

  • 2011Familie Knödler

    Die Knödlers bekommen ihr erstes Enkelkind. Tadeo, der Sohn von Florian, kommt am 2. September zur Welt.

  • 2013Familie Knödler

    Sohn Felix verunglückt im Alter von 28 Jahren beim Bergsteigen in den Alpen.

  • 2014Deutschland

    Deutschland wird Fußball-Weltmeister in Brasilien.

  • 2014Familie Riedel

    Matthias Riedel wird Büroleiter der Debeka in Aue. Sein Arbeitsweg beträgt nun nur noch 28 Kilometer.

  • 2014Familie Knödler

    Tochter Cecilia heiratet ihren Simon im angrenzenden Ort Schluchsee.

  • 2015Familie Knödler

    Eberhard Knödler stellt in seinem Hobbykeller eine Restaurationsarbeit fertig: Eine Drehbank von Jahn und Wolf aus dem Jahr 1821 funktioniert wieder.


6 — Alltag

Das Wichtigste an seinem Alltag ist für Eberhard Knödler der Kaffee und die Zeitung frühmorgens, wenn noch alles schläft. Er und seine Frau haben die Badische Zeitung und am Wochenende den Südkurier abonniert. Wenn Eberhard Knödler am Wochenende Zeit findet, liest er seine Fachzeitschrift Holzwerk. Seine Frau nimmt sich dann ihr Gartenmagazin Kraut und Rüben.

Erika Knödlers Lieblingsfernsehserie kommt sonntags vor dem Tatort auf SWR: Die Fallers – Eine Schwarzwaldfamilie. Eberhard Knödler schaut immer montags das Großstadtrevier aus Hamburg.

Der Fernseher gehört auch in Ostdeutschland zum Alltag. Heidi Riedel schaut am liebsten Grey's Anatomy oder Das perfekte Dinner. Sonntags um 19:30 Uhr gucken die Riedels oft gemeinsam Terra X im ZDF.

Lesen, Fernsehen, Wanderausflüge oder Grillen mit den Nachbarn – all das macht für die Knödlers und Riedels das Leben zur Normalität. Dadurch wird ihr Alltag bestimmt. Der Krieg in Syrien, der Konflikt im Osten der Ukraine, die digitale Revolution oder die Probleme des demografischen Wandels, all das hat darin wenig Platz. Diese Ereignisse tauchen jeden Abend in den Nachrichten auf und im Alltag wieder unter.

Eberhard Knödler: Normal ist für mich um 4:30 Uhr aufzustehen, weil ich es Jahrzehnte gewohnt bin. Normal sind auch Spätzle und Fleisch zum Mittag.

Heidi Riedel: Wir stehen um 6 Uhr auf. Normal ist es, zusammen in einem Bett zu schlafen, ab halb zehn. Und zum Abendbrot ist auch mal Leberwurstschnitte oder ein Speckbrot normal.

Erika Knödler: Wir gehen immer um 22:15 Uhr ins Bett. Und normal ist auch ein Wochenendeinkauf für 100 Euro. Ich gehe zum Wochenmarkt für die Eier oder Käse, zu Edeka und für Klopapier, Geschirrspülmittel und Waschmittel zu Aldi.

Heidi Riedel: Ich hol das Klopapier auch im Aldi, weil das gut und ordentlich ist. Muss ich wirklich sagen. Ansonsten gehe ich fürs Normale in unseren Großmarkt Globus. Da gibt es alles. Früher, vor der Wiedervereinigung, hat meine Tante aus dem Westen immer ihr eigenes Klopapier mitgebracht, wenn sie damals zu uns kam.

Eberhard Knödler: Als es ganz schlimm war, hat man früher bei uns zu Hause Zeitungspapier zerschnitten. Da hat man jedenfalls immer was zum Lesen gehabt. Aber die Enden der Artikel haben meist gefehlt.



Idee und Text: Steffen Dobbert

Bilder: Joel Micah Miller, Jasmin Zwick, Reinhold Hügerich (Redaktion)

Video: Gunnar Baumann, Ute Brandenburger (Schnitt)

Infografik: Paul Blickle, Julian Stahnke, Sascha Venohr

Redaktion: Frida Thurm, Meike Dülffer, Julian Scholler und Florian Höhler (Korrektur)