Europas Schreckensnächte

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Vor 70 Jahren zerstörten die Alliierten Dresden aus der Luft. In den Jahren davor hatten die Deutschen Millionen Europäer terrorisiert. Fünf Städte und ihr Schicksal

An Dresdens Zerstörung zu erinnern, ist eine Herausforderung. Wer die Bilder des Feuersturms vom Februar 1945 sieht, wer Victor Klemperers Erinnerungen an die Bombennächte und die vielen anderen Berichte diesen massenhaften Sterbens liest, ist versucht, das Schicksal dieser Stadt als etwas Einzigartiges zu sehen. Etwas, das aus dem Grauen des Zweiten Weltkrieges herausragt.

Das tut es nicht. Man kann nicht der Opfer Dresdens gedenken, ohne die Lebensraum- und Rassenideologie der Nazis zu benennen und die vielen Menschen, besonders die Juden, die bis dahin von ihnen ermordet worden waren, zu betrauern. Ohne an die vielen anderen Städte Europas zu erinnern, die von den Deutschen zerstört wurden.

Wir haben zeitgenössische Dokumente zusammengetragen, die das Schicksal der Städte Guernica, Warschau, Coventry, Rotterdam und Dresden zeigen. Dieser Ausschnitt aus der Realität des Zweiten Weltkrieges ist schmerzhaft unvollständig. In vielen Hundert anderen Städten Europas haben Menschen Ähnliches oder Schlimmeres erlebt. An diesen fünf Städten kann man sehen: Das Grauen der Dresdner Bombennächte hat seinen Ursprung in Deutschland.

1 — Guernica

Zweieinhalb Jahre vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges, im spanischen Bürgerkrieg, deutete der Einsatz der irregulären deutschen Kampftruppe Legion Condor an, wie rücksichtslos die deutsche Luftwaffe später gegen Zivilisten vorgehen würde.

Am 26. April 1937 läuteten die Glocken der Kirche von Guernica am späten Nachmittag, eine ungewöhnliche Zeit. Sie warnten die Einwohner und Tausende Marktbesucher vor dem, was vom Meer aus auf die Stadt zukam. Minuten später bombardierten Kampfflieger der Legion Condor zusammen mit italienischen Verbündeten die unverteidigte baskische 6.000-Einwohner-Stadt. In drei Stunden warfen sie 25 Tonnen Brand- und Sprengbomben ab. Das Ergebnis war die fast vollständige Zerstörung der Stadt. Bis zu 300 Menschen starben.

Die Stadt Guernica, drei Tage nach dem Luftangriff durch die Legion Condor, 1937 © Haynes Archive/Popperfoto/Getty Images

Der Stabschef der Truppe, Wolfram Freiherr von Richthofen, hatte wohl die Zerstörung einer Brücke in Guernica beabsichtigt. Es wird bis heute darüber diskutiert, ob Guernica ein geplanter Terrorangriff war, oder ob die Stadt nur vernichtet wurde, weil die Piloten wegen schlechter Sichtverhältnisse blind Bomben abwarfen. 

Auf jeden Fall hatte der Angriff auch das Ziel, die Einsatzfähigkeit der Luftwaffe zu testen, wie Luftwaffenchef Hermann Göring während der Nürnberger Prozesse einräumte.  

Dieses Telegramm sandte der baskische Politiker Telesforo de Monzón wenige Stunden nach der Bombardierung an den Ministerrat (klicken, um als PDF herunterzuladen). © Dokumentazio Zentruko Arduraduna Gernikako/Bakearen Museoa Fundazioa

Wenige Stunden nach dem Angriff telegrafierte der baskische Politiker Telesforo de Monsun an den Ministerrat:

Guernica ist gewesen -Stop- Heute ist es nicht mehr als Asche -Stop- In diesem Moment brennt die Stadt noch immer drei Stunden intensiver Bombardierung Brandbomben haben sie total zerstört -Stop- Ich bin angekommen, schockiert -Stop- Zehntausend Frauen Kinder fliehen auf den Straßen fürchten morgen Abend niedergeschossen zu werden von Fliegern so wie es heute nachmittag geschah -Stop- [...]

Keine zwei Monate nach dem Angriff vollendete Pablo Picasso sein Werk La Guernica und machte die Kleinstadt damit zum Symbol des entgrenzten Luftkrieges gegen Zivilisten, der in den folgenden Jahren über Europa hereinbrechen sollte.


2 — Warschau

Am 1. September 1939 beschoss das deutsche Kriegsschiff Schleswig-Holstein die Halbinsel Westerplatte, eine polnische Exklave auf dem Gebiet der Freien Stadt Danzig.

Damit begann Hitlers Deutschland den Zweiten Weltkrieg. Zwei Tage später erklärten Großbritannien und Frankreich den Krieg.

Vom ersten Tag an war auch Warschau Ziel der deutschen Angriffe. Mitte September hatte die Wehrmacht einen Ring um die polnische Hauptstadt geschlossen. Die Stadt war belagert.   


Der US-Journalist Julien Bryan war der einzige ausländische Journalist, der die Tage der Belagerung erlebte. Seine Reportage Siege ist ein Dokument des Terrors, den die deutsche Luftwaffe mit ihren fast ununterbrochenen Angriffen verursachte.  

VIDEO: "Siege" – ein Dokumentarfilm des US-Amerikaners Julien Bryan über den deutschen Angriff auf Warschau im September 1939. Bryan war damals der einzige ausländische Journalist vor Ort. (3:48 Min)

Am 27. September 1939 kapitulierte Warschau. Zu diesem Zeitpunkt waren 6.000 polnische Soldaten und 25.800 Zivilisten ums Leben gekommen.

Warschau erwartete ein noch größeres Grauen. Die Nazis errichteten im Stadtzentrum das Warschauer Getto. Im April 1943 wagten viele Juden, die noch nicht ins Vernichtungslager Treblinka deportiert worden waren, einen Aufstand. Vier Wochen hielten sie sich gegen die Wehrmacht, bis diese den Aufstand brutal niederschlug. SS-Brigadeführer Jürgen Stroop berichtete von 56.065 "nachweislich vernichteten Juden".         

1944 erhob sich die Polnische Heimatarmee in Warschau gegen die deutschen Besatzer. 63 Tage lang leistete sie Widerstand, bevor sie kapitulierte. Bei diesen Kämpfen wurden etwa 15.000 polnische Soldaten und bis zu 225.000 Zivilisten getötet.

3 — Rotterdam

Im Mai 1940 erzwang die deutsche Wehrmacht binnen fünf Tagen die Kapitulation der Niederlande. Am 14. Mai 1940 entfachte die deutsche Luftwaffe in der Hafenstadt Rotterdam ein Inferno.

Die Verteidiger der Stadt hatten bereits Übergabeverhandlungen aufgenommen, als das Kampfgeschwader 54 Kurs auf die Stadt nahm.

Nur dessen zweite Staffel erkannte die Signalleuchten, die deutsche Fallschirmjäger als Zeichen für die Verhandlungen gesetzt hatten, und drehte ab. Die erste Staffel warf ihre Bomben über der Stadt ab.

Rotterdam eine Stunde nach dem Bombardement © Hugo Jaeger/Timepix/The LIFE Picture Collection/Getty Images

814 Zivilisten starben bei dem Angriff, 78.000 Menschen wurden obdachlos. Die Altstadt wurde nahezu komplett zerstört. Einen Tag nach der Bombardierung kapitulierten die Niederlande.

Die Ruinen Rotterdams nach dem Angriff der Luftwaffe am 14. Mai 1940 © Keystone/Getty Images


4 — Coventry

Die deutschen Luftangriffe auf die zentralenglische Stadt Coventry nennt man in Großbritannien bis heute Coventry Blitz. In den Monaten der Luftschlacht um England 1940 starben fast 30.000 englische Zivilisten.

Coventry war eine Industrie- und Rüstungsstadt von damals 238.000 Einwohnern. Die Fabriken lagen nahe an Wohngebieten.

Die deutsche Luftwaffe flog ihren größten Angriff auf Coventry in der Nacht vom 14. November und nannte den Einsatz "Operation Mondscheinsonate". 515 Bomber griffen die Stadt an, sie warfen Hunderte Tonnen an Minen, Brand- und Sprengbomben ab. 60.000 Häuser wurden bei diesem einen Angriff getroffen, 568 Menschen kamen ums Leben.

Passanten in der zerstörten Earl Street in Coventry, November 1940 © Fox Photos/Hulton Archive/Getty Images

In der deutschen Öffentlichkeit herrschte zu diesem Zeitpunkt noch Kriegsbegeisterung. Eine deutsche Wochenschau über diesen Angriff schwärmt von der flächendeckenden Zerstörung der Stadt und zitiert sogar die US-Presse, um zu belegen, dass Coventry "dem Erdboden gleich gemacht" wurde.

Dazu passt auch, dass NS-Propagandaminister Josef Goebbels bald darauf den Begriff "coventrisieren" als Synonym für totale Zerstörung erfand.

VIDEO: Nazi-Propagandabericht in der Wochenschau vom 28. November 1940 über den verheerenden Bombenangriff auf die britische Industriestadt Coventry. (1:47 Min)

5 — Dresden

Vom 13. bis 15. Februar 1945 griffen Bomberverbände der britischen und US-amerikanischen Luftwaffe mehrfach Dresden an, das bis dahin vom Krieg weitgehend unversehrt geblieben war. Etwa 600.000 Menschen lebten zu diesem Zeitpunkt in der Stadt, außerdem hielten sich mehrere Hunderttausend Flüchtlinge in ihr auf.

Insgesamt 773 Kampfflugzeuge vernichteten weite Teile der Innenstadt, auch das barocke Zentrum um Frauenkirche und Semperoper. Rund 75.000 Wohnungen wurden zerstört, 25.000 Menschen kamen ums Leben. Augenzeugen berichten von Feuerstürmen, die aufgrund der vielen Brände in den Straßen entstanden, Stahlträger wurden durch die Hitze verbogen.   

Das Zentrum Dresdens nach der Zerstörung durch die Alliierten © Mondadori/Getty Images

Bis heute prägt dieser Angriff das Selbstbild der Stadt mehr als andere von Bombenangriffen schwer getroffene deutsche Städte wie Hamburg, Köln oder Pforzheim. Über nahezu jede Frage, die sich an die Bombardierung Dresdens stellt, ist gestritten worden. Eine von ihnen ist die nach der militärischen Notwendigkeit des Angriffs. Eine andere ist die nach der Zahl der Toten, die von Nazi-Propagandisten auf bis zu 200.000 geschätzt worden war. 

Die Nazis, aber später auch die SED, kultivierten das Bild von der unschuldigen Stadt, die alliiertem Terror zum Opfer gefallen sei. Jahrzehntelang war die Erinnerung an das Bombardement von den politischen Motiven der Regierenden geprägt. Heute streiten Stadt, Verbände, Kirchen und Linke darüber, wie das Gedenken an die drei furchtbaren Tage gestaltet werden soll. Und immer noch faseln Neonazis an den Gedenktagen vom alliierten "Bombenholocaust".                

"Der Weg unseres Gedenkens", sagte hingegen die christdemokratische Dresdner Oberbürgermeisterin Helma Orosz im vergangenen Jahr, "führt uns zu den Opfern der Nazis nach deren Machtergreifung, zu den brennenden Synagogen und zu den Toten des Krieges, den Deutschland mit dem Angriff auf Polen begann. Dieser Weg lässt uns an Coventry, St. Petersburg und die vielen Städte denken, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden. Dieser Weg des Erinnerns erspart uns nicht den Blick in die Gaskammern von Auschwitz." 

Epilog

Wenige Monate nach der Zerstörung Dresdens, im August 1945, löschten die USA mit zwei Atombomben die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki aus. 92.000 Menschen starben sofort, 130.000 weitere bis Ende 1945.

Seitdem hat sich die Anzahl ziviler Opfer in den weltweiten Konflikten ständig erhöht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lag das Verhältnis von getöteten Soldaten zu zivilen Opfern noch bei 8 zu 1. Im Jahr 2000 hatte sich das Verhältnis genau umgekehrt.


Mitwirkende:

Redaktion: Christian Bangel

Video: Fabian Mohr