Als Günther Anders am 11. März 1942 in Kalifornien seine berühmten Tagebucheintragungen über seinen Begleiter T. macht, entwickelt er seine These von der „prometheischen Scham“, also der Scham, kein technisches Produkt, sondern lediglich geboren worden zu sein. Dieser Scham begegnet der Mensch, indem er „die Überlegenheit der Dinge anerkennt, sich mit diesen gleichschaltet, seine eigene Verdinglichung bejaht, bzw. sein Nichtverdinglichtsein als Manko verwirft“.

Ein Luftwaffen-Instrukteur liefert Anders die nächste Vorlage, denn er beschreibt seinen Kadetten den Menschen als eine Fehlkonstruktion der Natur. Während technische Geräte in nahezu jeder Hinsicht entwicklungsfähig seien, und das bei einer sich permanent beschleunigenden Entwicklungsgeschwindigkeit, sei der Mensch auf einen Körper und einen Geist angewiesen, der letztendlich aus der Steinzeit stamme. Aus der Warte des Instruktors läuft für Anders diese Überzeugung auf die These hinaus: „Frei sind die Dinge, unfrei ist der Mensch.“ Doch wie kann der antiquierte Mensch dieser „Kalamität“, wie Anders es nennt, begegnen? Eine Antwort, die das technische Zeitalter bereithält, wird ihm im Land der unbegrenzten Möglichkeiten von verschiedener Seite gegeben: „Der Mensch desertiert ins Lager seiner Geräte.“ Auch eine entsprechende Methode wird ihm offeriert: „Human Engineering“.

Als sich der junge Journalist und spätere Zukunftsforscher Robert Jungk in den späten 1940er Jahren in den Wissenschaftszentren der USA umsieht, hat er keinen Zweifel am Ziel der modernen Pioniere: „Amerika bemüht sich darum, die Macht über das All zu gewinnen, die vollständige, absolute Herrschaft über das Universum der Natur in allen seinen Erscheinungen.“ Auch der Platz, den die Eliten der USA ausgerechnet in „god’s own country“ für sich beanspruchen, wird Jungk präsentiert: „Es geht um Gottes Thron. Gottes Platz zu besetzen, seine Taten zu wiederholen, einen eigenen menschengemachten Kosmos nach menschengemachten Gesetzen der Vernunft, Vorhersehbarkeit und Höchstleistung neu zu schaffen und zu organisieren: das ist das wirkliche Fernziel Amerikas. Darauf sind seine besten Kräfte gerichtet. Dies ist eine Verschwörung, die ihres Erfolges so sicher ist wie nur je eine andere revolutionäre Bewegung.“

Und wie jede revolutionäre Bewegung hat auch diese ihre Ideologie, die allerdings nicht auf den philosophischen Schriften namhafter Theoretiker basiert, die mühsam interpretiert werden müssen, sondern mit wenigen Worten skizziert ist, die „American Way of Life“ lauten. Daher begreift Jungk die Pioniere in den Laboratorien schlicht „als Vorhut einer riesigen industriellen Armee“, die das Land mit jeder nur herstellbaren Ware versorgt, ganz gleich, ob sie echte oder suggerierte Bedürfnisse befriedigt. Für eine angemessene Stimmung im Land sorgt eine permanent lauter werdende „Glückspropaganda“, die den eingeschlagenen Weg als einzig gangbaren und für den Rest der Welt paradigmatischen anpreist und auch die wissenschaftlich-technische Entwicklung selbst mit einschließt, denn ihr sind, das erfährt Jungk von den entsprechenden Propagandisten, keine Grenzen gesetzt: „Es gibt keinen Halt vor dem Tod, keinen Respekt vor der Zeit. Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft sind Jongleurbälle, die durcheinander gewirbelt werden. Welch ein zahmer Stümper war Prometheus, verglichen mit seinen fernen amerikanischen Nachfahren!“

Anders und Jungk sind zwei populäre Beispiele für eine ganze Reihe von Zeitzeugen, die in den 1940er Jahren die durch den Zweiten Weltkrieg beschleunigte, wissenschaftlich- technisch-industrielle Dynamik der USA registrieren, die sich in vielerlei Hinsicht von der europäischen Entwicklung unterscheidet. Nicht, dass es in Europa, Japan oder Australien zu dieser Zeit keine entsprechende Forschung und keinen Ausbau der Industriegesellschaft gibt. Doch ist diese Entwicklung in einen abweichenden historischen und sozialen Kontext eingebettet, in Wiederaufbau und Neuorientierung. Noch dazu sind die USA kein Kriegsschauplatz gewesen, wie Europa, Asien und Afrika. Sie sind das definitive Siegerland, das auf ganz andere Weise gesiegt hat als etwa Frankreich, England oder die Sowjetunion. Nicht ein Millionenheer von Soldaten haben die USA in die Waagschale geworfen, sondern ihre wissenschaftliche und industrielle Kapazität, der die Gegner nicht lange standhalten konnten und von der die anderen Alliierten profitierten. Diese mit großer Anstrengung aufgenommene Geschwindigkeit wird nach dem Ende des Krieges nicht etwa wieder auf ein ziviles Maß reduziert, sondern zur Führung des Kalten Krieges beibehalten und sogar noch gesteigert.

Rasend schnell etabliert sich ein System, das der scheidende amerikanische Präsident Dwight D. Eisenhower in seiner Abschiedsrede vom 17. Januar 1962 als „militärisch-industriellen Komplex“ bezeichnet und das aufgrund seiner komplexen, vernetzten Struktur zunehmend an Autonomie gewinnt, die der ehemalige General als Novum und Gefahr für die Demokratie ansieht: „Die Verbindung eines riesigen Militär- Establishments mit einer gewaltigen Rüstungsindustrie ist eine neue Erscheinung in der Geschichte Amerikas. Der Einfluss – ökonomisch, politisch, sogar geistig – ist spürbar in jeder Stadt, jedem Bundesstaat, jedem Regierungsbüro.“ Spürbar ist dieser Einfluss natürlich auch in der Forschung, die den militärisch-industriellen Komplex mit immer neuen Ideen und Innovationen zu versorgen hat, um auch weiterhin die Überlegenheit der USA zu garantieren.

Bis 1981 konkurrieren die Ausgaben für zivile und militärische Forschung in den USA noch, dann triumphiert der Komplex, der 2005 nach offiziellen Angaben 75 Milliarden Dollar (56, 7 Prozent) für sich beansprucht, während die zivile Forschung nur mehr 57, 2 Dollar (43, 3 Prozent) zur Verfügung hat. Ergänzt werden muss natürlich, dass militärische und zivile Forschung keineswegs immer klar voneinander zu unterscheiden sind und die genannten Zahlen daher nicht die tatsächliche Relation wiedergeben.