Es gibt viel zu planen und zu bedenken, wenn man den schönsten Tag seines Lebens angemessen feiern will. Wer soll dabei sein? Wo ist die beste Location? Wann soll es losgehen? Und: Was zieht man an? Abdel Basset Odehs „glücklichster Tag“ war der 27. Mai 2002. Ein hoher Feiertag. Der 23-Jährige fuhr von Tulkarem in der Westbank in den Badeort Netanja, betrat gegen 19.30 Uhr die Halle des Park Hotels und ging in den Festsaal: Ein paar unschlüssige Schritte hin und her, als suchte er den besten Platz für sich, so schilderten es die Gäste. Dann bediente Abdel Basset Odeh den Schalter an seinem Gürtel. Die Explosion tötete 29 Menschen und verletzte weit über 100. Sie waren Gäste eines Festmahls, mit dem Juden das Passahfest begehen.

Große Zäsuren im Leben bedürfen eines Rituals, einer äußeren Form. Dafür sind zeremonielle Gewänder da. Davon lebt nicht nur die Haute Couture, auch die niedrigeren Ränge der Mode-Industrie bedienen das Bedürfnis, für alle Anlässe passend gekleidet zu sein – die richtigen und keinesfalls die falschen Signale auszusenden. Dresscodes sind verschlüsselte, nonverbale Botschaften an die anderen. Und Dresscodes sind heute wieder wichtig. Da waltet der wachsende Druck in einer bürgerlichen Sphäre, dem Comment entsprechend „gut angezogen“ zu sein, das fordern auch die Regeln einer in urbane Stämme zersplitterten Jugendkultur. Für die Attentäter ist der Moment der Bombenexplosion ein Ereignis wie für Gleichaltrige anderswo ein Studienabschluss oder eine Hochzeit. In einer Untersuchung, in der gescheiterte Selbstmordattentäter über ihre Vorbereitungen und über ihre emotionale Verfassung befragt wurden – ihre Namen wurden nicht genannt –, sagte Märtyrer S: „Es waren die glücklichsten Tage meines Lebens.“

In Gaza sind Selbstmordattentäter Kult. „Es gibt kein größeres Fashion Statement als den Gürtel mit der Bombe“, berichtet CBS-Nahostreporter Bob Simon. „Dem Märtyrer wird gehuldigt wie einem Popstar: Sein Bild ist an jeder Wand, sein Video in jeder Videothek.“ Die Intifada ist auch eine Maschine, die Stars produziert, Stars, die jung und bald tot sind. Welche Ästhetik wählt man als Zentralfigur eines Massakers, das man vollzieht, eines Fanals, das einen tötet und unsterblich macht, zu einer Ikone der Massen, einem Idol der Jugend, die dem Beispiel nacheifern will wie andere den Karrieren von Beckham oder Eminem? Zum Kult der Selbstmordattentäter gehört eine machtvolle Inszenierung, die ihre Wirkung nicht verfehlen darf. Sie muss den Täter davon abhalten, zu kneifen, und sie muss Nachahmer produzieren.

Ariel Merari von der Universität Tel Aviv hat alle Selbstmordattentate bis Ende Mai 2004 untersucht. Die Kämpfer sind ganz normale Jungs. Im Schnitt 21 Jahre alt. Schüchterner und introvertierter als andere, aber keine Einzeltäter. Sie agieren in Gruppen, und wie jede Gruppe hat auch die der Märtyrer ihre Dynamik und ihre Logistik. Das ist handlungsentlastend, und so bleibt dem Selbstmordkandidaten Zeit, letzte Dinge zu regeln, vor allem für das wichtigste, auch stilistische Vermächtnis zu sorgen: das Video.

Ein „südländischer“ Mann geht aus dem Haus. Er trägt eine Sonnenbrille, eine Camouflage-Kampfjacke und um die Brust einen Gürtel. So steigt er in seinen VW Polo und fährt vor ein Café, in dem schöne Menschen sitzen und lachen. Dort hält das Auto, er drückt einen (Hamas-) grünen Knopf und löst die Detonation aus. Zerstört wird jedoch nur das Innere des Autos, die Gäste des Cafés merken nichts von der Detonation, sie reden weiter, als sei nichts geschehen. Dann folgt der Werbeclaim, der besagt, dass ein VW Polo zwar klein sein mag, aber hart im Nehmen ist. Der geschmacklose Spot belegt: Der Look und die „Key Items“, an denen man einen „Selbstmordattentäter“ zu erkennen meint, werden mittlerweile global verstanden. Gelernt wurden sie aus den Videos, die Attentäter aus dem Nahen Osten hinterlassen haben.

Das Setting, der Style variiert nur unmaßgeblich: Immer sind die Banner und Logos der Organisation zu sehen, im Hintergrund die Porträts der Märtyrer, die vorausgegangen sind, das Stirnband, das auf die japanischen Kamikazepiloten des Zweiten Weltkrieges Bezug nimmt, Ansätze der Träger des Bombengurtes und Maschinengewehre. Wir verfolgen, wie die Anweisungen für das Fest zur Beerdigung geschrieben werden, wir sehen, wie der Bart rasiert, eine rituelle Reinigung vollzogen, frische Kleidung angezogen, das Testament in der linken Brusttasche der Jacke direkt über dem Herzen deponiert wird. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Das Material wird nach dem Attentat auf vielen Kanälen verwertet. In Nachrichtensendungen, in „revenge songs“ besungen, auf Flyern, Postern, in Graffiti und auf Demonstrationen. Die Mutter darf ab sofort den Ehrentitel Mutter des Märtyrers tragen. Diese Rolle der stolzen Heldenmutter ist in der palästinensischen Gesellschaft unumstritten, anders als die der weiblichen Attentäter. Die Front der Frauen liegt für viele im demografischen Krieg: Sie sollen Babys bekommen – mehr Babys als der Feind. Als die ersten Frauen als Märtyrer angeworben wurden, regte sich Widerstand – denn die Frauen müssen sich, um in Israel nicht aufzufallen, entblößen und westlich-freizügig kleiden. Ein Hijab, die schwarze Robe der Musliminnen, verbietet sich von selbst. Hanadi Jaradat hatte nichts für den demografischen Krieg getan, als sie darum bat, Märtyrerin werden zu dürfen. Sie war eine Karrierefrau, Juristin aus Jenin in der Westbank. 2003 werden ihr Bruder und der Cousin, beides Al-Quds-Kämpfer, von Israelis getötet. Hanadi Jaradat sprengt sich in Haifa im Restaurant „Maxim“ in die Luft, das Israeli und Palästinenser dort gemeinsam betreiben. Sie ist Ende 20 und nicht verheiratet. Das stigmatisiert sie in einer Kultur, in der Frauen im Teenageralter einem Mann versprochen und verheiratet werden. Wer dagegen, wie die 16-jährige Sumayad Sa‘ad, einen mit Dynamit beladenen Wagen in eine israelische Militärbasis im Südlibanon steuert, kann immerhin erreichen, dass eine Hauptstraße in Teheran nach ihr benannt wird.