Die Stimme dringt durch das schwarze Gitternetz des Lautsprechers, wabert durch den Raum und erfüllt auch die hintersten Winkel. Sie malt Bilder in die Luft und in die Köpfe der Zuhörer und haucht den Figuren Atem ein. Mit Wispern und Zischen, Murmeln und Grummeln, Jauchzen und Jammern, Kichern und Glucksen. Genau wie es die Figur des Mo in Cornelia Funkes Kinderbuch "Tintenherz" vermag, sollte ein guter Vorleser die gedruckten Buchstaben zum Leben erwecken. Nur dann wird sich der Zuhörer ganz dem Hören hingeben und in der Welt des Buches versinken.

Das Hörbuch ist schon seit einigen Jahren kein Nischenprodukt für Senioren, Sehbehinderte oder passionierte Fans mehr, sondern eine salonfähige, ja angesagte Kunstform. In Buchläden nehmen Hörbücher ganze Wände ein, und aus den CD-Regalen in Wohn- und Kinderzimmern sind sie ebenfalls kaum noch wegzudenken. Sogar im Kino wird für das Hören geworben und neuerdings erscheinen einige Hörbücher zeitgleich mit dem eigentlichen Buch.
Am 17. März wird im Rahmen des Literaturfestivals LitCologne zum zweiten Mal der Deutsche Hörbuchpreis des WDR und WWF verliehen. Nominiert sind insgesamt 28 Hörbücher in sechs Kategorien. Neu ist die Idee einer Auszeichnung für das gehörte Wort nicht. Bereits 1950 initiierte der Bund der Kriegsblinden Deutschlands einen Hörspielpreis, der jährlich an ein von einem deutschsprachigen Sender konzipiertes und produziertes Original-Hörspiel vergeben wird. Ein weiterer Preis ist der Publikumspreis HörKules, dessen Gewinner wird bei der  Leipziger Buchmesse per Ted vom Publikum bestimmt. Überdies wählt die Frankfurter Akademie der Darstellenden Künste ein Hörspiel des Monats; am Jahresende wird aus diesen Monats-Hörspielen das Hörspiel des Jahres gekürt.

Willkommen im Hörbuch-Dschungel

Was ein Hörbuch ist, weiß mittlerweile jeder. Doch wie ist das genau? Liest der Autor sein eigenes Buch vor? Da gibt es doch auch Bücher, die von Schauspielern gelesen werden. Und was ist mit den Hörspielen?
Neben Romanen für alle Altergruppen werden auch Sachthemen, Lyrik und Kurzgeschichten vertont. Mal vom Autor selbst und mal von einem anderen versierten Sprecher vorgetragen. Besonders populär sind Texte, denen eine bekannte Stimme aus Film oder Fernsehen zu frischem Leben verhilft. Oft musikalisch untermalt, bewegen sich diese Hörbücher ganz nah am Ur-Buch, es wird höchstens hier und da etwas gekürzt. Genres wie Krimi und Thriller, aber auch Klassiker der großen Literatur, werden gern als Hörspiel dramaturgisch aufgearbeitet. Auch hier sind prominente Sprecher nicht selten. Einen besonderen Charme haben auch neu aufgelegte Original-Tondokumente von Schauspielern oder Autoren, wie etwa die Rezitationen Kinskis oder die Gedichte und Prosa Hermann Hesses oder Erich Kästners, zu hören in ihren eigenen Stimmen.