Dmitrij Schostakowitsch neigte eher zu bissigen, gelegentlich galligen Kommentaren als zu überzogenen Komplimenten. Doch fällt der Name Moissej Wainberg in seinen Briefen an den engen Freund Isaak Glikman mehrfach höchst wohlwollend. Mal ist von der "wunderbaren" vierten Sinfonie die Rede, mal von der "erstaunlich schönen" zehnten, mal vom "sehr schönen" Violinkonzert, das Glikman keinesfalls verpassen dürfe, sollte sich die Gelegenheit bieten. 1953 entging Wainberg wohl nur durch die Intervention des Freundes knapp der Ermordung durch Stalins Schergen, und noch kurz vor seinem Tod kämpfte Schostakowitsch erfolgreich für die Uraufführung einer Wainberg-Oper, die in letzter Minute zu scheitern drohte.

Überprüfen ließ sich diese Wertschätzung bislang kaum. Die große Wainberg-Edition des englischen Labels Olympia ist vom Markt verschwunden, derzeit ist gerade eine Hand voll seiner Werke greifbar, darunter keine der 21 Sinfonien.

Nun aber startet eine neue Wainberg-Reihe: Das Nationale Polnische Radiosinfonieorchester Katowice unter seinem in Polen geborenen israelischen Chefdirigenten Gabriel Chmura legt eine glänzende Aufnahme vor (Chandos 10128), die wie eine Art Heimholung wirkt. Mieczyslaw Wainberg wurde 1919 in Warschau geboren, der deutsche Überfall zwang ihn ins sowjetische Exil, aus dem er bis zu seinem Tod vor acht Jahren nicht zurückkehrte. Seine Familie fiel in Polen dem Naziterror zum Opfer.

Die Begegnung mit Schostakowitsch empfand Wainberg als zweite Geburt, ja, er sah sich als dessen "Fleisch und Blut". Tatsächlich erweist sich die 1962 entstandene "Fünfte Sinfonie op. 76" als offenkundige Hommage an den Freund: von den nervösen Trompetensignalen über flirrendem Streicherteppich am Beginn bis zu den Schlusstakten, die über gespenstisch getrommeltem Orgelpunkt verdämmern, offenbart das Werk einen großen Erzähler in der Nachfolge von Mahler, Prokofjew und eben Schostakowitsch.

In meist dunklen, mal meditativen, oft dramatischen Farben ringt Wainbergs Musik mit den ganz großen Themen, dem Schicksal des Einzelnen im erdrückenden Kollektiv, der Humanität in einer brutalen Welt. Vor 30 Jahren mochte man diesen Mut zum Musikalisch-Epischen im Westen für unreflektiert halten, heute beeindruckt die unmittelbare emotionale Kraft eines solchen Berichts aus dem von Diktatur und Terror beschädigten Leben.

Auch aus der stark von Wainbergs jüdischen Wurzeln geprägten "Sinfonietta op. 41" tönt kein naiver Folklorismus, sondern kindliche Sehnsucht. Eine Entdeckung.